Stuttgart-Album zum Buchhaus Wittwer Steht der Platzhirsch nach 151 Jahren zum Abschuss frei?

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Das Buchhaus Wittwer hat Stadtgeschichte geschrieben. Seit 1867 ist der Platzhirsch vom Kleinen Schlossplatz tief in Stuttgart verankert. Jetzt steigt Thalia beim Traditionsunternehmen ein. Unser Stuttgart-Album blickt zurück.

Ein Wittwer-Kiosk befand sich  nach dem Krieg bis in den 1960er Jahre im heutigen Palast der Republik. Foto: Engel 6 Bilder
Ein Wittwer-Kiosk befand sich nach dem Krieg bis in den 1960er Jahre im heutigen Palast der Republik. Foto: Engel

Stuttgart - Wer Bücher zu den besten Genussmitteln zählt, kann bereits optisch schlemmen, wenn er das Wittwer-Stammhaus an der Königstraße betritt. Die pralle Vielfalt des Lesevergnügens ist großzügig ausgebreitet. In diesem Haus ohne Schwellen buhlen die Einbände kunterbunt um Aufmerksamkeit.

98 Prozent der Stuttgarter kennen laut einer Markterhebung Wittwer. Die Nachricht, dass dieses zuletzt in der fünften Generation geführte Traditionshaus bald Wittwer-Thalia heißt, sorgt für emotionale Reaktionen. Buchkenner fürchten, dass der Zentraleinkauf einer Kette irgendwo in der Republik regionale Bücher nicht ausreichend berücksichtigt.

Als die größte Buchhandlung der Stadt vor einem Jahr den 150. Geburtstag selbstbewusst feierte, dachten viele, das Jammern der Branche tangiere den Platzhirsch kaum. Denn hier, so schien es, hat man eine attraktive Alternative zu gesichtslosen Online-Plattformen auf fünf Etagen mit guter Beratung geschaffen. Zahlt sich Tradition nicht aus?

Der erste Wittwer-Laden befand sich an der Eberhardstraße

1867 fing alles an. Da ist Konrad Wittwer, 1842 als Sohn eines Arztes im Ostallgäu geboren, ein zweites Mal nach Stuttgart gezogen, wo er bei Buchhändler Oettinger gelernt hatte. Nach Jobs in Karlsruhe und Mannheim erwarb der damals 25-Jährige einen Verlag für Kunstgewerbe und Technik, wie er am 26. September 1867 im „Börsenblatt“ für den Buchhandel kundtat. An der Eberhardstraße 55 eröffnete Wittwer eine Sortimentsbuchhandlung. Mehrfach zog er mit seinem Geschäft um, ehe er sich 1899 an der Schlossstraße auf 400 Quadratmetern für viele Jahre niederließ.

Die zweite Generation eröffnete Filialen und baute Verkaufsstellen in Bahnhöfen auf. Bis in den Zweiten Weltkrieg ging es aufwärts – doch die Bomben zerstörten alle Wittwer-Läden. Um danach Bücher zu verkaufen, blieb der Firma nur eine frühere Toilette, die heute als Kneipe Palast der Republik bekannt ist. Das Örtchen brachte den Schauspieler Willy Reichert auf eine neue Geschlechteraufzählung. „Männer, Frauen, Wittwer“, so beschrieb er die Geschichte des Nachkriegskiosks.

Das Lesevergnügen bekommt noch eine Chance

1947 konnte die Familie in eine dunkel getäfelte Buchhandlung an der Königstraße 40 umziehen. Mit 100 Quadratmetern musste man sich begnügen, bis man 1967 am Kleinen Schlossplatz, also ebenfalls an der Königstraße, ein eigenes Haus baute. Von nun an blieb es dem Personal erspart, auf Leitern steigen. Ende der 1960er befand sich die größte Buchhandlung Deutschlands in Stuttgart.

Nicht allein die Macht der Bestseller regiert hier heute auf fünf Etagen. Wittwer sorgt dafür, dass Nischen auf 3300 Quadratmetern blühen. Gerade dies macht das Buchhaus zu einem wichtigen kulturellen Ort. Zum Jubiläum im vergangenen Jahr klagte Geschäftsführer Rainer Bartle über die „Frequenzschwäche der Königstraße“. Mit „gezieltem Marketing“ könne aber sein Unternehmen entgegensteuern. Die Verluste freilich blieben.

Steht der Platzhirsch nach 151 Jahren zum Abschuss frei? Erneut verliert die Einkaufsmeile ein inhabergeführtes Geschäft. Buchfans sind froh, dass Konrad Wittwer das Gebäude wenigstens nicht an eine Modekette vermietet. Bücher werden nicht verbannt. Das Lesevergnügen bekommt an einem Traditionsort noch eine Chance.

Diskutieren Sie mit unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Zu unserem Geschichtsprojekt ist jetzt der dritte Band unter dem Titel „Das Beste aus dem Stuttgart-Album“ im Sutton-Verlag erschienen.




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