Stuttgart-Bad Cannstatt „So einzigartig wie der Fingerabdruck“

Von Janey Schumacher 

Die Sprecherzieherin Ariane Willikonsky verrät im Interview, warum eine Stimme den Mensch ausmacht.

Der Sprecherzieherin und Kommunikationstrainerin Ariane Willikonsky liegt die Stimme am Herzen. Foto:  
Der Sprecherzieherin und Kommunikationstrainerin Ariane Willikonsky liegt die Stimme am Herzen. Foto:  

Bad Cannstatt - Gestern war der internationale Tag der Stimme – doch, wann klingt eine Stimme eigentlich freundlich oder glaubwürdig? Die Cannstatter Kommunikationstrainerin kennt die Antworten auf diese und weitere Fragen.

Welche Bedeutung hat die Stimme?

Wie jemand wirkt, ist extrem von seiner Stimme abhängig und zwar viel mehr, als die meisten glauben. Wenn jemand anfängt zu sprechen, entscheidet sich, ob er sympathisch, kompetent oder interessant wirkt. Unser Inneres hört man an der Stimme. Wenn jemand sagt „mir geht es gut“, hört man vielleicht an der Stimme, dass dem nicht so ist. Denn den Worten glauben wir weniger als der Stimme. Die Stimme ist genau so einzigartig wie der Fingerabdruck. Und die Faktoren, die den Klang der Stimme ausmachen, sind messbar. Das nutzt man zum Beispiel bei der Stimmerkennung. Aber man kann an diesen Faktoren auch arbeiten.

Und wie?

Wenn es zum Beispiel um Freundlichkeit geht, ist die Härte oder die Sanftheit der Stimme entscheidend. Weiche Stimmen klingen eher freundlich, harte eher distanziert. Auch die Tonhöhe spielt eine Rolle: Die tiefere Stimmlage ist die sachliche Stimmlage, die höhere Stimmlage ist die emotionalere. Wenn man glaubwürdig sein will, ist es gut, in der tieferen Stimmlage zu sprechen. Wenn man die Stimme hoch klingen lässt, kommen Emotionen ins Spiel. Besonders lebendig wirkt eine Stimme, wenn man zwischen hoch und tief wechselt. Man kann an den einzelnen Faktoren arbeiten, sodass eine Stimme lauter, kraftvoller oder melodischer klingt. Aber es hilft nichts, die Stimme in eine tiefere, unnatürlich klingende Tonlage herunter zu drücken.

Man kann also beeinflussen, ob man glaubwürdig klingt?

Man kann das üben. Wenn man von etwas sehr überzeugt ist, spricht man automatisch mit tiefer Stimme. Wenn man überzeugt wirken will, obwohl man es nicht ist, kann man die tiefe Stimme einsetzen, um so zu wirken. Man kann auch freundlich sein, obwohl man gerade gestresst ist. Wenn man seine Stimme im Griff hat, ist das eine angenehme Fähigkeit, um professionell aufzutreten. Viele Frauen machen oft den Fehler und denken, sie müssten in hoher Stimmlage sprechen, um freundlich zu klingen. Das empfinden aber viele Menschen als anstrengend. Auch Routine ist problematisch, wie etwa bei einem Ansager auf dem Jahrmarkt. Dann kommt ein unnatürlicher Stimmklang zum Vorschein. Was wir uns eigentlich von Stimmen wünschen ist Authentizität – jemanden, der echt ist.

Wie kann man an seiner Stimme arbeiten?

Übungen wie stimmhaftes Kauen oder Summen helfen. Auch lockeres Singen in der Dusche, in der Badewanne oder im Auto sind gut für die Stimme.

Im Schwäbischen sprechen viele Menschen Dialekt, manche pflegen ihn, andere wiederum wollen ihn am liebsten loswerden. Ist es sinnvoll, sich den Dialekt abzutrainieren?

Eigentlich nur, wenn der Dialekt etwas mit der Stimme zu tun hat. Ich unterscheide im Schwäbischen zwischen den „Bruddlern“ und den „Quäkern“. Der „Bruddler“ macht den Mund nicht richtig auf beim Sprechen und der „Quäker“ spricht eher mit engem Hals, das kann den Klang der Stimme beeinflussen. Dialekt kann allerdings auch sympathisch wirken. Aber letztlich hat Dialekt nichts mit der Stimme zu tun.

Also hängt es davon ab, in wie weit der Dialekt die Stimmfarbe beeinflusst?

Ja, denn eigentlich hat der Dialekt mit Stimme nichts zu tun. Ich finde es aber auch absurd, zu denken, wer Hochdeutsch spricht, kann keinen Dialekt mehr sprechen. Als könnte jemand, der Englisch lernt, irgendwann nicht mehr Deutsch sprechen. Man stellt sich immer auf sein Gegenüber ein, spricht das Gegenüber Dialekt, neigt man auch dazu, Dialekt zu sprechen, genauso ist es mit dem Hochdeutschen.

Wie war das Zusammenspiel von Dialekt und Stimme bei Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der bei Ihnen im Stimmtraining war?

Da gab es ehrlich gesagt keins. Man muss sich das so vorstellen: Alle Menschen, die viel sprechen – und ein Ministerpräsident muss viel sprechen – sollten Stimmtraining machen. Das ist vergleichbar mit dem Aufwärmtraining für Leistungssportler. Das gilt aber auch für Lehrer, Trainer, Dozenten, Verkäufer – für alle, die viel sprechen. Die Stimme ist eigentlich ein Muskelapparat, ein Zusammenspiel verschiedener Muskeln, und die sollte man fit machen.

Gibt es Tipps für Vielsprecher?

Es gibt ein paar Übungen. Zum Beispiel um zu verhindern, heißer zu werden. Um dem vorzubeugen, hilft es, morgens nach dem Zähneputzen mit warmem Wasser zu gurgeln. Damit macht man die Stimme schon einmal locker und wärmt sie auf. Wenn jemand am Tag viel spricht, ist das eine gute Vorbereitung. Außerdem hilft es, viel zu trinken und einen Schal zu tragen, um den Hals zu schützen. Auch Honig- oder Salbeibonbons können helfen, Minze und Menthol sollte man dagegen vermeiden.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Stimme zu beschäftigen?

Ich habe schon als kleines Kind Opern geliebt. Denn mich fasziniert Stimme und ich finde Menschen mit tollen Stimmen sehr beeindruckend. Außerdem ist meine Mutter Logopädin und früher wurde Logopädie bei uns in der Wohnung praktiziert. Ich bin also damit aufgewachsen. Später habe ich Sprecherziehung an der Musikhochschule in Stuttgart studiert.

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