Stuttgart-Vaihingen Warum der US-Shop schließen muss

Von Eileen Breuer 

Rund um den Vaihinger Markt machen immer mehr Läden zu. Auch die Inhaber des US-Shops geben nach fast 50 Jahren nun ihr Geschäft auf. Doch das liegt nicht daran, dass die Kasse leer bleibt.

Hans und Doris Guryca betreiben den US-Shop nun seit 47 Jahren. Im April schließen sie die Türen für immer. Foto: Eileen Breuer
Hans und Doris Guryca betreiben den US-Shop nun seit 47 Jahren. Im April schließen sie die Türen für immer. Foto: Eileen Breuer

Vaihingen - Doris Guryca begrüßt die Kundin herzlich, die in ihren Laden tritt. Sie fragt die Dame nicht nur, was sie sucht, sondern schätzt sofort deren Kleidergröße mit einem Blick. Es sei wichtig, auf Augenhöhe mit den Kunden zu sein, sagt Hans Guryca: „Das ist etwas anderes, als wenn die Verkäufer sich hinter den Regalen verstecken.“

Doch von Ende April an verkauft das Ehepaar keine Hosen, T-Shirts und Accessoires mehr. Die Ladeninhaber Doris und Hans Guryca schließen ihren US-Shop am Vaihinger Markt. Sie tun das nicht, weil das Geschäft sich nicht mehr lohne: „Wir machen nicht zu, weil wir müssen, sondern weil wir wollen“, sagt Doris Guryca. Sie ist inzwischen 71 Jahre alt, ihr Mann 75. Nun wollen die beiden sich in die Rente verabschieden: „Ein normaler Mensch hört irgendwann mit Mitte sechzig auf. Aber uns und der Kundschaft hat es Spaß gemacht“, sagt der Ladenbesitzer.

Die Inhaber verabschieden sich in den Ruhestand

Hans Guryca war auf den Geschmack des Verkaufens gekommen, als er bei einem Freund ausgeholfen hatte. Der hatte mehrere Jeans-Geschäfte und bat ihn, die Kunden zu beraten und an der Kasse zu stehen. „An zwei Tagen habe ich so viel verkauft, dass sogar der überrascht war“, sagt Guryca. Als er dann beim Kassensturz die Geldbündel sah, sprang der Funke über.

Fast ein halbes Jahrhundert lang betreiben Doris und Hans Guryca ihr Geschäft in der Vaihinger Ortsmitte. Dafür gaben die gelernte Konditoreifachverkäuferin und der Monteur für Automaten ihre Berufe auf. 1971 standen sie das erste Mal in ihrem eigenen Laden. Der war im Foyer des Lichtspielkinos am Vaihinger Markt untergebracht. Das Kino gibt es schon lange nicht mehr. Im Zuge der Sanierung des Stadtkerns wurde Haus um Haus abgerissen, und der Vaihinger Markt entstand. Zweimal zog das Ehepaar währenddessen um, im Jahr 1979 in das jetzige Gebäude: „Wir sind eingezogen, da lagen hier Bretter auf dem Boden und der Zement war noch nicht mal getrocknet“, sagt Doris Guryca. Die Einrichtung des Ladens gestaltete Hans Guryca stets selbst.

Als das Ehepaar anfing, seien vor allem junge Leute gekommen. Damals waren nicht nur die Jeans aus Amerika modern, sondern auch Armeejacken. Weil die Ware damals vor allem aus den Vereinigten Staaten stammte, nannten die Inhaber ihren Laden so, wie er heute noch heißt: US-Shop. Die jungen Leute kamen immer wieder: „Wir sind mit ihnen älter geworden. Heute kaufen deren Kinder und Enkel unsere Mode.“

In der Fußgängerzone Lagerboxen mieten statt bummeln

Zuletzt teilte sich eine Bäckerei mit dem US-Shop das Ladenlokal. Diesen Platz nahm die Tochter von Hans und Doris Guryca ein. Sie betreibt dort ein Café, in dem auch die Kunden des US-Shops nach dem Einkauf gerne Platz nehmen.

Rund um den Vaihinger Markt haben viele Geschäfte aufgegeben: Nicht nur die Bäckerei Greiner hat ihre Pforten geschlossen. Auch dort, wo einst Bücherwürmer in der Schiller-Buchhandlung eingekauft haben, sind nun Büros untergebracht. Und das Kartenlädle hat ebenfalls zugemacht; dort ist aktuell ein Pop-up-Store, in dem es Spielzeug und Weihnachtsdeko gibt. Statt in der Fußgängerzone an schön gestalteten Schaufenstern vorbei zu bummeln, kann man dort unter anderem Lagerboxen mieten.

Schwere Zukunft für den familiären Einzelhandel

Für den US-Shop wird kein neues Bekleidungsgeschäft einziehen: „Der familiäre Einzelhandel wird es in Zukunft schwer haben“, prophezeit Hans Guryca. Die Ursache dafür sieht seine Frau vor allem im Internet: „Wenn der Kunde keine zehn Hosen anprobieren kann, ist er unzufrieden.“ Online-Anbieter könnten da mehr leisten als ein familiengeführtes Geschäft. Dabei bekomme der Kunde im Laden die Beratung gratis. Auch die großen Ketten mit günstiger Kleidung würden den kleinen Läden den Rang ablaufen. „Wir haben uns nie dazu überreden lassen, billige Ware zu verkaufen“, sagt Doris Guryca. Wegen der hohen Qualität der Kleidung seien die Leute immer wieder gekommen. Durch die vielen Stammkunden lohne sich das Geschäft auch heute noch. Trotzdem sehe die Zukunft für den Einzelhandel nicht rosig aus. Daran könnten auch die beschlossene Sanierungsprogramme nichts ändern, welche die Missstände im Vaihinger Ortskern beheben sollen, sagt Guryca.

Deswegen falle es auch schwer, einen Nachfolger zu finden, sagt Hans Guryca: „So ein Geschäft mit diesem Kundenpotenzial aufzugeben, tut weh. Aber wer investiert heute noch in den familiären Einzelhandel?“ Das Ladenlokal wird in Zukunft nicht leer stehen. Geplant ist, dass die Tochter des Ehepaars ihr Café erweitert. Doch bis April dauert es noch, bis die Eltern ihr das Feld überlassen. Bis dahin gilt: „Verkaufen, verkaufen, verkaufen: Der Laden muss leer werden!“, sagt Doris Guryca. Denn das oberste Ziel lautet nun, das Warenlager zu räumen und die Reste an Kleidung an den Kunden zu bringen.

Sonderthemen