Stuttgarter des Jahres Der harte Kampf für Integration

Kerstin Hasselwander in der Werkstatt ihres Schreinerbetriebes. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Kerstin Hasselwander in der Werkstatt ihres Schreinerbetriebes. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Kerstin Hasselwander hat einem iranischen Flüchtling die Lehre in ihrer Schreinerei ermöglicht und einen Missstand aufgedeckt. Jetzt soll der Bundesrat einen Gesetzesentwurf vorlegen.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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Stuttgart - Kopfschütteln und resigniert die Hände in den Schoß legen ist so gar nicht der Stil von Kristin Hasselwander. Deshalb hat sie mit ihrer Hartnäckigkeit einen Stein ins Rollen gebracht, der Auswirkungen für Stuttgart und vielleicht sogar auf Bundesebene haben wird. Alles begann kurz vor Weihnachten 2016, als sich in der Schreinerei von Kristin und Thomas Hasselwander Hamid Zafar, ein junger Flüchtling aus dem Iran, um ein Praktikum bewarb. Welche Folgen diese Begegnung haben wird, konnte da noch niemand ahnen. „Anfangs hatten wir noch Sprachprobleme“, berichtet Kristin Hasselwander, die im Betrieb die Büroarbeit und die Personalangelegenheiten regelt. Hobel, Raspel oder gar Oberfräser... Begriffe, die der junge Mann im Volkshochschulkurs nicht gelernt hatte. Aber er gefiel den Hasselwanders: „Er war geschickt, hatte gute Manieren und Umgangsformen. Das ist wichtig, denn unsere Leute gehen ja auch zu den Kunden“, sagt sie. Sie wollten Zafar gerne ausbilden.

Kristin Hasselwander ist eine von zehn Stuttgartern des Jahres 2018. Das ist ein Ehrenamtspreis, den die Stuttgarter Versicherung gemeinsam mit der Stuttgarter Zeitung zum fünften Mal ausgelobt haben und der am 1. April 2019 bei einer Benefizgala im Stuttgarter Veranstaltungszentrum Wizemann offiziell verliehen worden ist.

Ohne einen Cent während der Ausbildung

Auch der damals 21-jährige Hamid Zafar wollte Schreiner werden und im ersten Lehrjahr stehen vier Berufsschultage auf dem Programm, einen Tag arbeiten die Azubis im Betrieb. Einen Ausbildungsvertrag mit diesem gibt es erst, wenn dieses erste Berufsgrundbildungsjahr erfolgreich abgeschlossen ist. Alles schien in trockenen Tüchern. Doch dann verlangte Zafar sofort den Ausbildungsvertrag. Als die Chefin dies ablehnen musste, kündigte der junge Mann die Vereinbarungen zur Ausbildung.

„Ich verstand die Welt nicht mehr“ , erzählt sie und ließ nicht locker. „Ich stellte ihn zur Rede.“ Sie erfuhr, dass das Jobcenter Zafar schlichtweg die Existenzgrundlage entzogen hatte: Wegen der vier Berufsschultage fällt das Berufsgrundbildungsjahr aus der Förderung heraus. Hätte er sich arbeitslos gemeldet, hätte er staatliche Leistungen erhalten. Für Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsgestattung besteht eine Gesetzeslücke, die Integrationsbemühungen zunichte macht. Allein in Stuttgart hatten 61 ausbildungswillige Flüchtlinge 2017 das gleiche Schicksal wie Zafar.

Kristin Hasselwander arbeitete sich mit Hilfe der Handwerkskammer bis ins Büro von Sozialbürgermeister Werner Wölfle vor und leistete Überzeugungsarbeit: Wölfle sicherte den Betroffenen Hilfe zu. Außerdem bat er den Sozialminister des Landes, Manfred Lucha, auf Bundesebene mit einer Gesetzesinitiative aktiv zu werden. Bisher wurde jedoch in Berlin noch nichts gegen den Missstand unternommen. Die Stadt bezahlt den betroffenen Flüchtlingen seither einen kleinen Betrag zum Lebensunterhalt.

Nähere Auskünfte zum Preis Stuttgarter des Jahres gibt es hier.

Abschluss mit Auszeichnung

Das Berufsgrundbildungsjahr hat Zafar mit Auszeichnung abgeschlossen. Zusammen mit Manfred Schmitz, einem ehrenamtlichen Helfer, der ihm Deutschunterricht erteilt, überraschte die Chefin den jungen Mann bei der Abschlussfeier. „Er hat ja hier sonst keinen!“ Für sie war diese Geste selbstverständlich. Und weil es dauernd Querelen in der Unterkunft gab, hat sie für ihren Auszubildenden schließlich ein günstiges Zimmer in einer Wohngemeinschaft gefunden. „Ich habe ihn ins Herz geschlossen“, sagt sie. Vielleicht auch deshalb, weil ihre Eltern und ihre Schwiegereltern nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls als Flüchtlinge nach Stuttgart gekommen sind. „Meine Mutter hat heute noch ihre Traumata.“




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