Stuttgarter des Jahres Der Therapeut mit den Farben

Das Porträt von Andrzej Estko hat ein Besucher  der Kreativwerkstatt gemalt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das Porträt von Andrzej Estko hat ein Besucher der Kreativwerkstatt gemalt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

In der Kreativwerkstatt Amos treffen sich Menschen mit psychischen Problemen, um beim Malen, Zeichnen und Modellieren zu vergessen. Andrzej Estko ist dort seit zehn Jahren der Fels in der Brandung.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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Stuttgart - Die Wohnung von Andrzej Estko wirkt wie eine kleine Galerie. Viele gemalte Geschenke von den Teilnehmern der Kreativwerkstatt Amos zieren die Wände, zum Beispiel ein expressionistisch angehauchtes Porträt von Estko selbst. Seit zehn Jahren ist er bei Amos der Fels in der Brandung, der Kunstlehrer und der Ratgeber. „Hier steht keiner rum“, berichtet er stolz. Es gibt Kaffee und Kuchen. Viele Besucher kommen deshalb vorbei und natürlich sehen sie sich dann um, was die anderen dort malen, stricheln oder hämmern. Estko drängt keinen zur Kreativität. Das hätte auch keinen Sinn, aber er hat sich das Credo von Josef Beuys zu eigen gemacht: „Jeder ist ein Künstler“ – und so bringt er die Leute dann doch an die Staffelei oder an den Arbeitstisch.

Andrzej Estko ist eine von zehn Stuttgartern des Jahres 2018. Das ist ein Ehrenamtspreis, den die Stuttgarter Versicherung gemeinsam mit der Stuttgarter Zeitung zum fünften Mal ausgelobt haben und der am 1. April 2019 bei einer Benefizgala im Stuttgarter Veranstaltungszentrum Wizemann offiziell verliehen worden ist.

Flucht in Zwischendecke des Zuges

Der gebürtige Pole verließ 1974 aus politischen Gründen seine Heimat. Er flüchtete als blinder Passagier in der Zwischendecke eines Zuges – 20 Stunden dauerte die Reise bis nach Frankfurt am Main. In Deutschland schlug er sich durch, machte Abitur und besuchte Kunstschulen. Es folgten viele Reisen und eine Zeit lang ein Hippie-Leben. Er bekam selbst psychische Probleme und kann deshalb mit Amos-Besuchern mitfühlen. Die heilsame Wirkung der Malerei ist ihm vertraut: „Es ist wie eine Reise ins eigene Innere. Wie Eintauchen in eine andere Welt. Dadurch kommen manche wieder zu sich.“

Bei Amos kommen jene zusammen, die kein Geld, dafür aber einen Rucksack voller Probleme haben, weil sie psychisch krank sind, ein Alkoholproblem oder ein Trauma haben. Manche finden den Weg in die Olgastraße selbst, andere werden von den Beratungsstellen karitativer Einrichtungen geschickt. Gegründet wurde Amos vor dem Hintergrund des ersten Armutsberichts der Stadt von den Kirchengemeinden im Stuttgarter Süden und von der Caritas. Ziel war es, der verdeckten Armut zu begegnen. „Manchmal sind mehr als 30 Leute hier“, berichtet Estko. Dienstag und Donnerstag hat Amos jeweils von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Jeder kann kommen.

Kunstverkauf zugunsten der Werkstatt

Estko versucht, die Neuen zu motivieren, kreativ zu werden und so die Sorgen ein Stück weit zu verarbeiten oder wenigstens während der Stunden bei Amos zu vergessen. „Ich versuche herauszufinden, welches Angebot jeweils passen würde“ – Glaskunst á la Tiffany, Skulpturen aus Speckstein feilen, Seidenmalerei oder Malen mit Acryl-, Öl- oder Aquarellfarben. Manche Stammbesucher übernehmen gerne die Tutorenrolle und gehen den Neuen zur Hand. Hin und wieder sind sogar ausgebildete Künstler unter den Teilnehmern.

Die Materialien für die Kreativwerkstatt sind teuer; die Teilnehmer müssen dafür nichts bezahlen. Das Geld für Farben , Leinwand und Pinsel erhält Amos als Spende von der katholischen Kirche St. Fidelis, von der Caritas und von der Stadt. „Wenn das Geld nicht reicht, machen wir einen Flohmarkt“, sagt Estko pragmatisch. Und wenn dabei Bilder den Besitzer wechseln, bekommt der Maler die Hälfte, Amos die andere Hälfte des Erlöses.

Mehr zum Preis Stuttgarter des Jahres gibt es hier.

Vier Tage für das Ehrenamt

Der Amos-Aktivist gibt hin und wieder auch Kurse in Farbenlehre. Neben den Theorien von Goethe und Steiner hat er seine eigene entwickelt: Er ist überzeugt, dass die gewählten Farben den Gemütszustand des Malers repräsentieren. Der 62-jährige steht schon lange nicht mehr im Berufsleben, und so ist auch bei ihm das Geld knapp. Aber er ist von Montag bis Donnerstag ehrenamtlich für Bedürftige und Kranke unterwegs: Montags ist er mit dem Kreativangebot im Rudolf-Sophien-Stift, mittwochs in der Holzwerkstatt der Paul-Gerhardt-Gemeinde, Dienstag und Donnerstag ist Amos dran und freitags hat er frei.




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