Stuttgarter des Jahres Zuhören ist ein hoher Wert

Mary Kling hat die Hospizgruppe vor 20 Jahren gegründet. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Mary Kling hat die Hospizgruppe vor 20 Jahren gegründet. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Mary Kling und ihre Mitstreiter aus der Hospizgruppe sind am Ende des Lebens da, damit niemand alleine sein muss.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Stuttgart - Was Mary Klings allererster Beruf, der einer Schuhverkäuferin nämlich, mit ihrer heutigen Tätigkeit als Leiterin der ökumenischen Hospizgruppe Zuffenhausen zu tun hat? Kling hat sofort eine Antwort. Bei beiden brauche man sehr viel Menschenkenntnis und Gespür für das Gegenüber, sagt die 76-Jährige und lacht. Und noch was hat mit der Teenagerzeit zu tun: Damals als junges Mädchen litt sie an Asthma und wurde zum Onkel auf die Schwäbische Alb geschickt. Das Asthma hat sich dann irgendwie gelegt. „Schon in jungen Jahren habe ich das Leben als Kostbarkeit empfunden“, sagt sie über die Sensibilisierung für ihr Lebensthema.

Mary Kling ist eine von zehn Stuttgartern des Jahres 2018. Das ist ein Ehrenamtspreis, den die Stuttgarter Versicherung gemeinsam mit der Stuttgarter Zeitung zum fünften Mal ausgelobt haben und der am 1. April 2019 bei einer Benefizgala im Stuttgarter Veranstaltungszentrum Wizemann offiziell verliehen worden ist.

Kling sitzt in ihrem Büro im Franz-Josef-Fischer-Haus in Stuttgart-Zuffenhausen. Durch die bodentiefen Fenster fällt viel Licht in das Zimmer. Auf dem kleinen Tischchen steht ein Strauß mit Vergissmeinnicht. Ein ausgesprochen freundlicher und einladender Ort ist das.

Von hier aus koordiniert Kling die Einsätze der ambulanten ökumenischen Hospizgruppe. Den ersten Besuch macht immer sie selbst, um einschätzen zu können, welche Unterstützung oder Begleitung die Menschen wollen.

Manchmal hört sie Geschichten, die die Angehörigen nicht mehr hören wollen

Momentan besteht die Gruppe aus 15 Mitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter. Sie machen Besuche in Privatwohnungen, Heimen und im Krankenhaus bei Schwerstkranken und Menschen, die wissen, dass sie nicht mehr lang zu leben haben. Mary Kling und die anderen sind da, damit niemand alleine sein muss, wenn er es nicht will. Manchmal kommen sie einmal in der Woche, wenn es dem Ende zugeht auch im Wechsel bis zum Tod. Die Intensität und das Drumherum geben die Sterbenden vor. „Wir kommen, wenn wir gerufen werden“, sagt Kling.

Wie das dann geht? „Ganz viel Zeit verbringe ich schweigend“, erklärt Kling. „Zuhören“, sagt sie, „das ist ein so hoher Wert.“ Manchmal hört sie Geschichten, die die Angehörigen nicht mehr hören wollen, weil sie schon so oft erzählt worden sind. Dennoch aber sind sie wichtig. Wie die von der Flucht, die eine 100-Jährige beständig erzählte. Kling glaubt zu wissen, dass das Sterben leichter fällt, wenn nichts Unbearbeitetes zurückbleibt. Wenn eines von drei Kindern seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr mit dem Vater hat, kann es trotzdem am Sterbebett fehlen. Manchmal gelingt es Kling mit viel diplomatischen Feinsinn, diesen Rat zu geben.

Das Dazulernen hört für sie niemals auf

Sie selbst hat die Hospizgruppe vor 20 Jahren mitgegründet. Sie war eine der ersten in Stuttgart. Damals hat Mary Kling nicht lange überlegen müssen. „Wenn ich den ersten finde, der mitmacht, fange ich an“, habe sie damals gesagt. So beseelt war sie von der Idee. Schnell waren sie komplett. Doch nicht alle blieben dabei, manche zogen um, hatten andere Jobs und bald weniger Zeit. Mary Kling ist heute noch da. Das Dazulernen hört für sie niemals auf. „Ich will, dass die Welt ein bisschen gerechter wird“, sagt sie. Das ist der Motor ihres Handelns.

Mehr zum Preis Stuttgarter des Jahres gibt es hier.

Ihr Weg ging über acht Jahre Jugendarbeit im Jugendhaus Mainz. Es folgten 18 Sabbatmonate in ganz vielen Pflege- und Heimeinrichtungen, in denen sie die Welt jenseits der Jungen verstehen wollte. Sie ging nach Kenia. Als sie zurückkam, wartete die Arbeit in der Sozialstation auf sie. „Sie war mir auf den Leib geschrieben.“

Ob Sie Angst vor dem eigenen Tod habe? „Bis jetzt nicht“, sagt sie – und lacht wieder. Am liebsten würde sie friedlich zu Hause sterben – auf jeden Fall aber ohne Schläuche und Intensivmedizin. Wenn sie anderen einen Rat geben sollte, dann den, sich über den eigenen Tod schon in gesunden Tagen Gedanken zu machen.




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