Stuttgarter des Jahres Der Reisebegleiter ins Anderland

Wolfgang Strobel entwickelte ein Konzept, wie man schon bei Grundschülern das Verständnis für Menschen   mit Demenzerkrankungen wecken kann. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Wolfgang Strobel entwickelte ein Konzept, wie man schon bei Grundschülern das Verständnis für Menschen mit Demenzerkrankungen wecken kann. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Wolfgang Strobel bringt Grundschulkinder und Alzheimer-kranke Menschen zusammen. Dafür wurde er zum Stuttgarter des Jahres gewählt, einem Ehrenamtspreis, gestiftet von der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Hilke Lorenz (ilo)
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Stuttgart - Sein erstes ehrenamtliches Engagement stammt aus dem Jahr 1976. Wolfgang Strobel war 23 und Referendar. Er organisierte einen deutsch-kanadischen Schüleraustausch. Mittlerweile sind ein paar Jahrzehnte ins Land gegangen. Aus dem angehenden Lehrer ist ein Pensionär geworden. Die Ideen, wie er sich engagieren kann, sind dem 74-Jährigen aber noch immer nicht ausgegangen. Er kann, wovon er träumt, in ein paar wenigen Worten sagen: „Ich habe die Vision, dass die Alzheimer Krankheit kein Tabu mehr ist.“

Das ist ambitioniert. An der Verwirklichung seiner Vision arbeitet Strobel seit 2003. Da hat er zusammen mit seiner Frau noch seine Parkinsonkranke Mutter gepflegt, hätte also eigentlich genug zu tun gehabt. Aber er suchte nach einer weiteren Aufgabe im Ruhestand. Zufällig entdeckte er eine Anzeige des Gradmann-Hauses, einem Heim der Evangelischen Gesellschaft für Demenzkranke. Gesucht wurden Ehrenamtliche.

Grundschüler treffen Heimbewohner

Strobel bekam Einblicke, die ihn nachhaltig beschäftigten. Er ließ sich auch noch zum Mentor fürs Bürgerengagement ausbilden und entwickelte ein Konzept, wie man schon bei Grundschülern das Verständnis für Menschen mit Demenzerkrankungen wecken kann. Und man kann es nicht anders sagen: Seine Idee zieht Kreise. Vielleicht liegt es daran, dass der pensionierte Studiendirektor weiß, wie man Kinder anspricht und sie mit seiner Leidenschaft für die Exkursionen ins Anderland, die Welt der Alzheimerkranken mit ihren eigenen Regeln, angesteckt hat. Mittlerweile gehen Grundschüler aus neun Stuttgarter Schulen in neun Heime, wo Menschen mit Demenz betreut werden. Mit dem Schuljahresbeginn haben die ersten weiterführenden Schulen das Konzept übernommen. Auch in Berlin und Dortmund war Strobel schon aktiv. Für sein Engagement ist Wolfgang Strobel bei einer großen Gala im Veranstaltungszentrum Wizemann in Bad Cannstatt im Rahmen einer Ehrenamtspreis-Aktion, gestiftet von der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung, zum Stuttgarter des Jahres gekürt worden.

Besuch im Anderland heißt der Verein, den Strobel mit andere Engagierten gegründet hat. Im Grunde steht hinter allem die simple Idee der Begegnung: Kinder treffen Alte. Strobel bereitet die Kinder in einer 45-minütigen Schulstunde darauf vor. Er macht mit ihnen eine Zeitreise und erzählt von echten Doktor Alzheimer und der Begegnung mit einer Patientin, die sich nicht an ihren Namen erinnern konnte. Die Kinder fragen – und er erklärt. Dass Alzheimer nicht ansteckend ist und dass man sich besonders intensiv um die Kranken kümmern muss. Er versucht die Angst zu nehmen, wenn der eigenen Großvater einen womöglich irgendwann nicht mehr erkennt. In einer Gesellschaft, in der es immer mehr hochbetagte Menschen gibt, setzt Strobel auch auf darauf, dass die Grundschulkinder ihren Eltern und anderen Menschen von ihren Erlebnissen erzählen.




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