Stuttgarter des Jahres Die Glücklichmacher mit Beiwagen

Die Münchs wollen Kranken  Freude schenken. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die Münchs wollen Kranken Freude schenken. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Biker Elke und Uwe Münch organisieren alljährlich einen Motorradausflug in die Sommerfrische für etwa 30 pflegebedürftigen Mitfahrer. Dafür wurden sie zur Stuttgartern des Jahres gewählt, einem Ehrenamtspreis, gestiftet von der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung.

Aus den Stadtteilen: Kathrin Wesely (kay)
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Stuttgart - Ich habe das so genossen! Irgendwo hat es ganz nach frisch gemähten Gras geduftet.“ Für Brigitte Sommer ist die Ausfahrt im Beiwagen ein Glückserlebnis. „Wir sind sonst immer abgeschnitten von der Welt. So kommt man mal raus“, sagt die 55-Jährige über sich und ihre Mitbewohner im Pflegezentrum im Generationenhaus Heslach. Die meisten leiden unter multipler Sklerose. Brigitte Sommer findet es „toll, dass die Motorradfahrer an uns denken und uns teilhaben lassen“. Wenn die Pflegeheimbewohner beseelt von der Ausfahrt nach Heslach heimkehren, geht dem Ehepaar Münch das Herz auf. Die Organisation hat sich wieder gelohnt. Seit 2013 organisiert das Paar einmal im Jahr einen Ausflug im Motorradbeiwagen für die junge Pflege im Generationenhaus Heslach. Für ihr Engagement sind Elke und Uwe Münch bei einer großen Gala im Veranstaltungszentrum Wizemann in Bad Cannstatt im Rahmen einer Ehrenamtspreis-Aktion, gestiftet von der Stuttgarter Versicherungsgruppe und der Stuttgarter Zeitung, zu Stuttgartern des Jahres gekürt worden.

Das Mädchen mit der kranken Mutter

Elke Münch kümmert sich dort seit Jahren ehrenamtlich um chronisch neurologisch Erkrankte, und ihr Mann springt bei Bedarf mit ein. Für die 49-jährige Versicherungskauffrau ist jedes Lächeln der Patienten ein Etappensieg in ihren Kampf gegen multiple Sklerose. Sie ist aufgewachsen mit der Krankheit. Ihre Mutter erkrankte kurz nach Münchs Geburt daran. Das Mädchen begleitet die Mutter zur Amsel-Kontaktgruppe (Aktion Multiple Sklerose Erkrankter), macht dort Ausflüge mit und wechselt bald von der Rolle des umsorgten Kindes in die des umsorgenden Kindes.

1991 stirbt die schwer kranke Frau. Die Tochter will mit dem Thema MS abschließen. Doch zu sehr hat die Krankheit ihr ­Leben geformt. Sie beschließt, ihr Wissen und ihre Erfahrung zu nutzen und sich bei der Amsel-Kontaktgruppe zu engagieren. „Ich dachte: Du bist total dafür geeignet!“ Diese Arbeit, das weiß sie, bedeutet echte Lebenshilfe: „Die Kontaktgruppe, die Ausflüge mit der Amsel, das war es, was meiner Mutter immer gut getan hat.“ Sie wird warmherzig empfangen, als sie 1992 wieder zur Amsel stößt.

Der Prinz auf dem Motorrad

Und dann ist da die Sache mit dem Motorrad, das gleichsam schicksalhaft durch Elke Münchs Leben düst. Das erste mal, erinnert sie sich, war sie noch Kind: „Es gab einen Bekannten, der uns mit dem Motorrad besuchen kam. Er trug eine weiß-blaue Lederkombination und hatte lange lockige Haare. Er war wie von einem anderen Stern. Ich habe ihn angehimmelt.“ 1985 kam der motorisierte Prinz, der für immer bei ihr blieb. Uwe Münch ist quasi auf einem Motorrad zur Welt gekommen, und als er Elke 1985 kennenlernte, hat er sie hinten drauf mitgenommen. Motorräder gehören gewissermaßen zur Familie. Als vor zehn Jahren Nachwuchs kam, wurde ein Beiwagen angeschafft: „Ich wollte ja weiter Motorrad fahren – mit meiner Tochter“, sagt der 52-Jährige.

Die Freude, Freude zu bereiten

Mit dem Gespann kam Elke Münch eines Tages zum Pflegeheim. Ob sie nicht mal einen Bewohner mitnehmen wolle, wurde sie gefragt. Sie fand das gut, grübelte aber: Wieso bloß einen? Könnte man doch nur alle Patienten mit etwas so unvergleichlich Schönem wie einer Motorradausfahrt beglücken. Die Münchs suchten nach Gespannfahrern. „Es war anfangs nicht so leicht, welche zu finden. Gespanne sind ja ein bisschen aus der Mode gekommen durch die Emanzipation. Frauen fahren jetzt selber“, sagt Uwe Münch. Zehn Fahrer waren es am Ende. Damit bei der allerersten Ausfahrt im Sommer 2013 alle Pflegebedürftigen an die Reihe kamen, mussten die Biker ein paar Runden fahren. Im Jahr darauf waren es 30 Biker. Die Sache hatte sich rumgesprochen, und den Fahrern machte es Freude. Anderen Freude zu bereiten – auch denen, die in ihrer Lederkluft wahnsinnig gefährlich aussehen.




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