Stuttgarter Hofbräueck Pionierbau der Wirtschaftswunderzeit

Ein Gebäude, das vom Optimismus der erstarkenden Bundesrepublik zeugt – konstruktiv kühn und mit leicht verspieltem Fassadenbild Foto: saai Karlsruhe
Ein Gebäude, das vom Optimismus der erstarkenden Bundesrepublik zeugt – konstruktiv kühn und mit leicht verspieltem Fassadenbild Foto: saai Karlsruhe

Das Schicksal des Hofbräuecks an der Einmündung zur Königstraße, eines der prägnantesten Bauten der Nachkriegsmoderne in Stuttgart, schien auf der Kippe zu stehen. Aber nun soll es erhalten und saniert werden.

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Stuttgart - Wir ziehen um!“, steht am Schaufenster von M. T. Handyland, „Stark reduziert!“ bei Salamander. Der Stefansbäck ist schon weg. Am Treppenhaus nur die Warnung, jedes un­befugte Betreten werde mit einer Anzeige geahndet. „Stuttgarter Hofbräu“ ist in roter Frakturschrift gleich fünfmal an der Fassade zu lesen, und nochmals auf bierdeckelartigen Leuchtschildern. Die Brauerei hat den Bau vor gut sechzig Jahren in Auftrag gegeben, und dafür, dass er offenbar nie groß instand­gesetzt wurde, steht er eigentlich immer noch recht gut da. So vernachlässigt, wie er aktuell wirkt, scheinen die Tage des Kopfbaus an der Einmündung zur Königstraße gegenüber dem Wilhelmsbau dennoch gezählt zu sein, und tatsächlich machten Gerüchte über einen bevorstehenden Abriss die Runde. Damit hätte Stuttgart einen weiteren stadtbildprägenden Bau der Nachkriegsmoderne verloren – wie zuvor schon so viele. Aber nun gibt es Hoffnung auf seine Erhaltung. Das Hofbräueck, 1956 bis 1958 erbaut, stammt von Paul Stohrer, einem der profiliertesten Stuttgarter Architekten der Nachkriegszeit. „Es ist ein Vordenkerbau“, sagt Ursula Grammel, die Stohrers Gesamtwerk aufgearbeitet hat: „Ein optisch sehr leichter Baukörper sitzt auf einem zwei­geschossigen Sockel mit stützenfreien Räumen, in denen unter anderem eine Schnellgaststätte untergebracht war, wie es sie zur damaligen Zeit in Stuttgart noch nicht gab. Mit dem Bau gelang Stohrer eine überzeugende städtebauliche Lösung am Eingang der Königstraße, gekrönt von einem ursprünglich blauen Lochblech auf dem Dach, hinter dem sich der Abluft­kamin verbirgt.“

Das Objekt hat Charakter

Der Eigentümer des Gebäudes, die Stuttgarter Investment AG (Stinag), habe tatsächlich einen Abriss nicht ausgeschlossen, wie der Sprecher der Stinag, Fabian Burkhardt, bestätigt. Das Stadtplanungsamt hat jedoch „dem Investor sehr deutlich gemacht, dass ein Neubau an dieser Stelle mindestens dieselbe Qualität haben müsste wie der Bestandsbau“, sagt Wolf Gläser, der für die Innenstadt zuständig ist. Burkhardt dementiert konkrete Abrisspläne: „Eine Präferenz oder gar eine Entscheidung zu dieser Variante gab es von unserer Seite nicht. Im Gegenteil sprach Vieles für den Erhalt und die komplette Revitalisierung des Gebäudes. Für diesen Weg haben wir uns nun auch entschieden und sind momentan in der Planungsphase.“

Wie kam es zu der Entscheidung? „Der Hauptgrund ist sicherlich in der Charakterstärke des Objektes zu finden“, so Burkhardt: „Das Gebäude stellt mit seiner Lage und seiner einzigartigen Architektur eine der wenigen unverwechselbaren Erscheinungen der Königstraße dar.“ Der zwei­geschossige Sockel folgt in polygonaler Brechung der von der Vorkriegsbebauung vorgegebenen, abgerundeten Einmündung in die Königstraße. Dann folgt – aktuell kaum noch zu erkennen – der Clou: ein Luftgeschoss, über dem sich der fünf­geschossige Bürokubus erhebt.

Offenes Zwischendeck im dritten Stock

Im pietistisch geprägten Stuttgart der Nachkriegszeit gab es eigentlich noch gar keine Freiluftgastronomie. Raffiniert nutzte Stohrer die neuen Möglichkeiten des Stahlbetons, um hier im dritten Stock eine Art offenes Zwischendeck zu schaffen. Der gesamte Bau ruht auf nicht mehr als sechs Stützen, was auch eine völlig freie Grundrissgestaltung erlaubt. Von der Gebäudeecke führte eine offene Treppe hinauf. Unter Sonnenschirmen konnte man seine Blicke über die Königstraße schweifen lassen: ein Anziehungspunkt und Aushängeschild der Nachkriegsgesellschaft, die allmählich zu neuem Wohlstand gelangte.

Stohrer hatte damals mit seinem früheren Kommilitonen Hans-Paul Schmohl gerade das Stuttgarter Rathaus fertiggestellt. „Für Stohrers Reputation in Stuttgart“, sagt Ursula Grammel „ist das Rathaus beileibe nicht sein bestes, aber sein wichtigstes Werk.“ Bis zum Erscheinen von Grammels Monografie 2012 war der Architekt ein wenig in Vergessenheit geraten. Er hat viel gebaut, unter anderem das denkmal­geschützte Haus Englisch eine Ecke weiter, das inzwischen mustergültig saniert ist.Andere Bauten wie Radio Barth oder das Iduna-Hochhaus in Bahnhofsnähe sind abgerissen.

Das Hofbräueck nimmt auch in seinem Werk eine besondere Position ein: „Der Bau von Paul Stohrer war in seiner ursprünglichen Form von sehr vielen Details geprägt“, erklärt Fabian Burkhardt von der Stinag. Der Architekt habe viele verschiedene Formen und Farben eingesetzt, um ein interessantes Fassadenbild zu erschaffen. „Wir möchten gern die ursprüngliche Architektur wiederbeleben“, betont Burkhardt, natürlich „unter Berücksichtigung der Anforderungen von aktuellen Nutzungskonzepten und behördlicher Auflagen“. Burkhardt ist aber zuversichtlich, dass „wir diese Herausforderungen mit der aktuellen Substanz bewältigen können“. Denkmalgeschützt ist der Bau nicht, für ihn gilt jedoch eine Erhaltungssatzung in diesem Gebiet. Im Klartext: Das Äußere des Hofbräuecks darf nicht verändert werden.




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