Stuttgarter Kickers mit Fairplay Auf den Spuren von „El Loco“

Von  

Das 4:1 der Stuttgarter Kickers im Oberliga-Spitzenspiel gegen den FC Nöttingen geht nach der Fair-Play-Aktion des Trainers fast etwas unter. Ramon Gehrmann ist das unangenehm.

Kickers-Trainer Ramon Gehrmann: Diskussionen mit seinen eigenen Spielern und denen des FC Nöttingen. Foto: Baumann
Kickers-Trainer Ramon Gehrmann: Diskussionen mit seinen eigenen Spielern und denen des FC Nöttingen. Foto: Baumann

Stuttgart - Nach der stressigen englischen Woche und dem sechsten Oberliga-Heimsieg im sechsten Saisonspiel auf der Waldau gab sich Ramon Gehrmann großzügig: Er gönnte der Mannschaft der Stuttgarter Kickers einen freien Sonntag. Der Trainer selbst nutzte die Freizeit, um seinen Sohn mit der U 9 der Blauen zu einem Turnier nach Fürth zu begleiten. Als er im Frankenland am Vormittag ankam, hatte er schon wieder über 40 Nachrichten auf seinem Handy. Allesamt mit ähnlichem Inhalt: Die Absender beglückwünschen ihn zu seiner Fair-Play-Aktion am Vortag. „Mir ist das fast schon unangenehm, weil die Mannschaft ein richtig gutes Spiel gegen einen guten Gegner macht und das fast untergeht“, sagte Gehrmann am Sonntag: „Ich halte das für übertrieben, denn ich finde es selbstverständlich, so zu reagieren.“

Aus unserem Plus-Angebot: Kommentar – Gehrmanns große Geste

Was war passiert? Ein Kickers-Akteur bekam nicht mit, dass ein Nöttinger Spieler kurz vor der Pause den Ball offenbar absichtlich ins Aus befördert hatte und brachte den Ball nach einem Einwurf an den eigenen Mann. Aus diesem Angriff resultierte das 2:0 für die Blauen durch Cristian Giles. Das Tor zählte, aber Nöttingen protestierte. Ramon Gehrmann besprach sich mit FCN-Trainer Marcus Wenninger, seinem eigenen Trainerteam und mit dem Schiedsrichter. Der bestätigte, dass der Ball vor dem Einwurf wahrscheinlich absichtlich ins Aus geschossen wurde. Gehrmann reagierte sportlich äußerst fair und wies seine Mannschaft an, nach dem Nöttinger Anstoß ein Eigentor zu fabrizieren. Mittelfeldspieler Lukas Kling setzte es um, weil der, so Gehrmann, die Entscheidung von allen Spielern am meisten mittrug.

Anerkennung vom Kollegen

„Das war eine große Geste der Kickers. So etwas erlebt man nicht allzu oft“, lobte Wenninger seinen Kollegen nach dem Spiel, das die Kickers durch die Tore von Mijo Tunjic (25., 80.) und Cristian Giles (45, 47.) mit 4:1 gewannen. Gehrmann erwiderte mit dem Verweis auf höhere Mächte: „Ich bin katholisch. Und da oben gibt es ein Konto, wo man abheben und einzahlen kann. Vergangenen Mittwoch bei unserem 2:1-Pokalsieg haben wir durch den Ravensburger Pfostentreffer in der Nachspielzeit etwas vom Konto abgehoben, jetzt haben wir eingezahlt, so dass vielleicht sogar ein Guthaben vorliegt.“ Der Sportliche Leiter Lutz Siebrecht ergänzte: „Das ist etwas Einmaliges. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Hut ab, wie Trainer und Mannschaft das entschieden haben.“

Lesen Sie hier: Wie eine Fairplay-Aktion deutschlandweit viral geht

Etwas Vergleichbares gab es in der Zweitligasaison 2018/19 in England: Marcelo Bielsa, argentinischer Trainer von Leeds United, genannt „El Loco“, der Verrückte, wies seine Mannschaft im Aufstiegskampf gegen Aston Villa an, ein Gegentor zuzulassen, nachdem seine Spieler zuvor trotz einem am Boden liegenden Villa-Akteur weitergespielt hatten und ein Tor erzielten. Das Spiel endete 1:1. Bielsas Team verpasste knapp den Aufstieg, holte den ein Jahr später nach.

„Ich hoffe, dass ich es auch im zweiten Anlauf mit den Kickers schaffe“, sagte Gehrmann mit Blick auf seinen Fair-Play-Bruder. Das wäre dann am Ende dieser Saison. Und ein paar Daumendrücker mehr dürften die Blauen bundesweit seit Samstag haben.




Unsere Empfehlung für Sie