Stuttgarter Kickers nach dem Aufstieg Oberhaus, Unterhaus – Armenhaus?

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Die Stuttgarter Kickers empfangen am Samstag zum Heimspielauftakt den Tabellenführer SV Wehen Wiesbaden. Noch nicht klar ist, wie die Spiele in der dritten Liga angenommen werden. Kritiker sagen, die Liga liege auf der Intensivstation.

Hält die Euphorie bei den Kickers nach dem Aufstieg an? Foto: Baumann
Hält die Euphorie bei den Kickers nach dem Aufstieg an? Foto: Baumann

Stuttgart - Die stärkste Liga der Welt, so nennt sich die Handball-Bundesliga. Nicht zu Unrecht angesichts der Ansammlung ausländischer Spitzenspieler. Mit solchen hat die dritte Liga im Fußball wenig am Hut, dennoch ging sie in ­diese Saison mit dem Untertitel „Härteste Liga aller Zeiten“, angesichts von drei Bundesliga-Gründungsmitgliedern (Karlsruhe, Saarbrücken, Münster) sowie drei ehemaligen Pokalsiegern. Doch obwohl es erst die fünfte Saison dieser eingleisigen Spielklasse ist, heißt es unter den Beteiligten schon: Fluch oder Segen?

Vor dem Startschuss in der vergangenen Woche hatte Unterhachings ehemaliger Präsident Engelbert Kupka den Stein ins Rollen gebracht mit seiner drastischen Aussage: „In der Politik gibt es wenigstens Hartz IV, hier nichts.“ Und weiter: „Die dritte Liga liegt auf der Intensivstation.“ Dafür erhielt er prompt Rückendeckung von Wehens Geschäftsführer Wolfgang Gräf. „Die dritte Liga ist sportlich attraktiv, wirtschaftlich aber eine Katastrophe.“

Daran ändert auch die aktuelle Tabellenführung der Hessen nichts, die am Samstag ­(14 Uhr) zum Heimspielauftakt der Stuttgarter Kickers ins Gazi-Stadion kommen. Deren Präsident Rainer Lorz will in das Wehklagen nicht einstimmen: „So pauschal kann man das nicht sagen“, erklärt er. Schließlich kommt sein Verein aus der Regionalliga, die gemeinhin als Todesliga tituliert wurde, weil zuletzt nur eine Mannschaft aufsteigen konnte und es sich zudem um ein Sammelbecken der meist wenig attraktiven zweiten Profimannschaften handelte.

Kamen die Kickers also vom Regen in die Traufe? Nein. „In der dritten Liga können wir den Etat sicher besser stemmen als in der vierten“, sagt Lorz. Allein schon, weil die Fernsehgelder von 100 000 Euro auf etwa 750 000 stiegen, damit lässt sich einiges der Mehrkosten kompensieren. Auch Lorz will indes nicht verschweigen, dass der Aufwand, zum Beispiel was Berufsgenossenschaft oder Sicherheitsvorkehrungen angeht, enorm ist, zudem schnellen die Fahrtkosten in die Höhe, nachdem der 20-köpfige Mannschaftstross auswärts nun schon einen Tag früher anreisen muss, was in der Regionalliga die Ausnahme war.

Das galt allerdings auch für die TV-Übertragungen, die jetzt regelmäßig stattfinden, überwiegend zwar nur in den dritten Programmen, aber auch in der medienwirk­samen „Sportschau“. Zum Auftakt wurden gleich drei Spiele live übertragen, darunter das der Kickers in Rostock, was allerdings auch dem „Frühstart“ in die Saison geschuldet war. Sobald die zweite oder gar erste Liga den Spielbetrieb aufnehmen, wird das Interesse automatisch in den Hintergrund rücken. Gilt dann wieder das ­hierarchische Schreckgespenst: Oberhaus, Unterhaus – Armenhaus?

Was die arg gebeutelten Unterhachinger angeht, sieht Lorz vor allem einen Standortnachteil. Im Schatten der Traditionsvereine FC Bayern (Oberhaus) und TSV 1860 (Unterhaus) fristet der Club am Rande der Landeshauptstadt schon immer ein Schattendasein, weitaus mehr noch als die Kickers als zweite Kraft hinter dem VfB. Haching hat einen Personaletat von nur noch 800 000 Euro, wobei das Kickers-Präsidiumsmitglied Guido Buchwald zu Bedenken gibt, dass dafür drei Spieler auf der Gehaltsliste des Sponsors stünden.

Die Schwaben wiederum wirtschaften ebenfalls konservativ: mit 3,2 Millionen Etat, davon die Hälfte für die erste Mannschaft. Sparpotenzial besteht logischerweise vor allem beim Personal. Während bei den Kickers 5000 Euro Monatsgehalt schon die Spitzenverdiener bekommen, steigen andere Mannschaften auf diesem Niveau erst in das Gehaltsgefüge ein, wenngleich insgesamt durchaus ein Umdenken stattgefunden hat. Waren zu Beginn der dritten Liga Ex-Profis noch an der Tagesordnung, bilden sie nun die Ausnahme: siehe Sascha Rösler (34), der auf seine alten Tage nun vom Bundesligaaufsteiger Düsseldorf zum Nachbarn Aachen gewechselt hat. „Die Liga ist momentan eine Ausbildungsliga“, sagt Rostocks Trainer Wolfgang Wolf – und fordert vom DFB Unterstützung. „Ich bin wie viele auch der Meinung, dass diese Liga unterbezahlt ist.“

Der Verband wehrt sich naturgemäß gegen diese Kritik. „Wir haben den besten TV-Vertrag aller dritten Ligen – europaweit“, erklärte zuletzt der DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock. Das mag durchaus stimmen, andererseits hat der Verband für sein Premiumprodukt (erste und zweite Liga unterstehen ja der DFL) immer noch nicht den längst avisierten Namenssponsor gefunden, der pro Club 150 000 Euro abwerfen sollte. Das zeigt, dass nicht alles im Fußball ein Selbstläufer ist.

Bei finanziellen Sorgenkindern wie Alemannia Aachen oder dem VfL Osnabrück sieht Lorz zudem die Belastungen durch den Stadion(um)bau ins Gewicht fallen. So braucht die Alemannia 9800 Zuschauer im Schnitt, um bei der Finanzierung nicht in Schwierigkeiten zu geraten. „Da können wir froh sein, dass wir ein städtisches Stadion haben“, gibt Lorz zu, auch wenn bei  der angestrebten Modernisierung die eigentlich dringend nötige Rasenheizung bisher durchs Raster gefallen ist.

Der Manager Oliver Kreuzer vom selbst ernannten Aufstiegsanwärter KSC sagt: „Man kann das ein, zwei Jahre machen, länger nicht.“ Als Durchgangsstation nach oben – oder gar unten? Auch Rainer Lorz ahnt, dass sein Sparhaushalt möglicherweise nicht ewig hält. „In zwei, drei Jahren könnte das auch bei uns anders aussehen.“ Im Klartext: schwieriger.