Stuttgarter Nachtleben in Coronazeiten Ist schon die Sehnsucht verboten?

Vor dem  Galao: Malin Lamparter und Nikita Gorbunov Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Vor dem Galao: Malin Lamparter und Nikita Gorbunov Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Hurra, es lebt noch! das Stuttgarter Nachtleben. Zumindest Spurenelemente haben überdauert und können von Neugierigen dieser Tage besichtigt werden.

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Stuttgart - Die Nacht. Stets war sie ein Versprechen, aber auch Schrecken. Regeln, Gesetze, Realität gelten dort nicht mehr, im Dunkeln ist gut munkeln, aber es wächst auch das Unbehagen. Mittlerweile kann man sich nur vage daran erinnern, wie das war. Trinken, tanzen, lieben, vergnügen, Spaß haben. Seit mehr als einem Jahr gilt das Mantra: vernünftig sein!

Als eine junge Frau im ZDF sagte: „Ich war jetzt seit März nicht mehr feiern, das ist schon traurig, . . . darauf zu verzichten, geht mir schon ab“, ergoss sich zigtausendfach Häme über sie. Das hat die Regiestudentin Malin Lamparter ziemlich erschüttert. „Es ist nicht nur das Feiern verboten“, sagt sie, „offenbar ist schon die Sehnsucht nach dem Feiern gefährlich und muss bekämpft werden.“ Das hat sie und den Stuttgarter Slampoeten Nikita Gorbunov ins Grübeln gebracht, sie dachten nach und entwickelten ihr Projekt „Wer hat Angst vor der Party- und Eventszene?“ Freitag, Samstag und Sonntag laden sie zwischen 17.30 und 19 Uhr zu Spaziergängen ein, zum Haschen nach Erinnerungen ans Nachtleben. Selbstverständlich darf sich nur ein Haushalt gemeinsam auf den Weg machen.

Der Dichter steht hinter Glas

Lamparter und Gorbunov haben mit Akteuren des Nachtlebens gesprochen, etwa mit Galao-Wirt Rainer Bocka, Rapper Weekend oder Jörg Freitag vom Komma Esslingen. Mehr als 20 Stunden Interviews sind so zusammengekommen, die man während des Spaziergangs hören kann. An mehreren Stationen gibt es einen Halt. Da findet man etwa einen Dichter hinter Glas. Nik Salsflausen steht im Galao hinter der Scheibe, man kann ihn anrufen und kann ihm sein Problem vortragen und um Hilfe bitten. Damit wolle man die landläufige Meinung über Künstler bestätigen. Gorbunov: „Dass die Berufsverbot haben, ist ja kein Problem. Die sind doch kreativ, die machen aus ihren Problemen einfach Kunst, die können sich am eigenen Schopf aus der Scheiße ziehen.“ So hangelt man sich entlang der Erlebnisse all dieser Nachtschaffenden. Hilfen, die ohnehin fehlen, aber wenn sie kämen, nicht für Lebenshaltungskosten einzusetzen sind, der Überdruss am Streamen via Internet, Sicherheit, die Sehnsucht. Dabei kommt Samuel Beckett zu Wort, Schauspieler erscheinen in einem Auto.

Vom vermeintlich gefährlichen Leben in der Nacht

Gefördert wird das Projekt vom Fonds Soziokultur des Bundes mit 12 000 Euro. Es ist dies die zweite Arbeit von Lamparter und Gorbunov. Im Sommer haben sie sich mit „Seit ich allein bin, ist die Stille so laut“ mit den Jugendkrawallen am Eckensee beschäftigt. Ihr Titel „Wer hat Angst vor der Party- und Eventszene?“ schließt daran an. Mit dem Begriff „Party- und Eventszene“ beginne für Lampater und Gorbunov „diese neue Abgrenzung zwischen dem angeblichen verantwortungsvollen Leben am Tag und dem vermeintlich gefährlichen Leben in der Nacht“.

Nacht-Spaziergänge

Die Spaziergänge sind am 23., 24., und 25. April. Voranmeldung und Infos über www.partyundeventszene.de




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