Partyleben in Stuttgart Im alten Oz will ein neuer Club seinen Zauber entfalten

Von Uwe Bogen 

Depeche Mode sind dort aufgetreten, die heute 50-Jährigen verbrachten dort ihre wilde Zeit: In Stuttgart gibt es den neuen Versuch, ein Schwergewicht im Partyleben zu etablieren. In den Kellerräumen des legendären Oz eröffnet der Club Mica.

Tänzer bei einer Acid-Party im legendären  Oz  im Jahr 1988. Foto: Uli Kraufmann 7 Bilder
Tänzer bei einer Acid-Party im legendären Oz im Jahr 1988. Foto: Uli Kraufmann

Stuttgart - Ein langes Leben ist nur wenigen Clubs und Discos vergönnt. Beim Partymachen herrscht ein Kommen und Gehen. Dass sich eine Nachtstation mit demselben Konzept über mehrere Generationen halten kann, kommt ungefähr so häufig vor, wie der VfB deutscher Meister wird.

Nur drei Dinos haben’s in Stuttgart geschafft: Die Boa (Gründungsjahr: 1977), der Kings Club (seit 1977) und der Perkins Park (seit 1980) haben bis heute überlebt. Wie ihnen das gelungen ist? „Alle drei sind nie Trends gefolgt“, sagt Boa-Gründer Werner „Sloggi“ Find, „sie haben ihr Mainstream-Konzept durchgezogen, ohne sich von einem Modeeinfluss treiben zu lassen, der dann meist nicht lange bleibt.“ Das Erfolgskonzept könnte lauten: immer normal bleiben!

Boa-Chef Sloggi war auch mal Chef vom Oz

Was viele nicht wissen: Sloggi hat 1977 nicht nur einer Schlange namens Boa mit zwei Freunden das Leben geschenkt, sondern auch 1980 einen Magier namens Oz wie das Kaninchen aus dem Hut gezaubert. Die Logos seiner beiden „Babys“ Boa und Oz stammen vom selben Grafikern.

Das Oz, das es seit 25 Jahren nicht mehr gibt, aber für viele noch immer einen magischen Klang hat, befand sich am Kronprinzplatz im Keller direkt unter einem damals gut laufenden Pub. „Mit dem Oz wollten wir ein bisschen rockiger sein als die Boa“, erinnert sich Find. Sein erster DJ im Oz war der ebenfalls legendäre Lupus. Doch schon nach einem halben Jahr erkannte Sloggi, dass er nicht zwei Discos, wie man die heutigen Clubs nannte, gleichzeitig führen kann. Aus dem Oz zog er sich deshalb zurück – seine Boa hat kürzlich den 43. Geburtstag in der Alten Reithalle rauschend gefeiert.

„Bei uns wird Ausrangiertes neu belebt“

In dem Keller mit Geschichte steht nun mal wieder ein Neuanfang an. „Die Nacht bekommt ein neues Zuhause“, verkündet Benjamin Rossaro kühn, ganz ohne falsche Bescheidenheit. Am Freitag, 31. Januar, eröffnet er im ehemaligen Oz, das außerdem das ehemalige Happy Night, der ehemalige P-Club und der ehemalige Aer-Club war, den Club Mica und verspricht einen „Superclub zum Abfeiern und Loungen“.

Seit fast einem Jahr standen die Kellerräume leer. „Wir haben alles rausgerissen und komplett neu gedacht“, sagt der Chef. Die Räumlichkeiten sind nicht wiederzuerkennen und lassen nicht mehr erahnen, was früher hier mal war. Rossaro: „Ein Team aus dem Stuttgarter Architekturbüro id design, der Werbeagentur Hochburg und einem Kreativbüro aus der Schweiz haben zehn Monate lang das Nightlife neu konzipiert, wie man es bisher nicht kannte.“ Fürs Design ließ man sich von Filmen wie „Alien“ oder „Mad Max“ aus den 1980ern inspirieren, aber auch von „Subkultur in New York“. Alteisen mit Patina wird eingesetzt. „Bei uns wird Ausrangiertes neu belebt“, sagt der Clubchef, „aber auch moderne Technik verwendet.“ Eine riesige LED-Videowand wird den Raum durchziehen. Im Frühling wird die Terrasse auf dem Kronprinzplatz eröffnet und tagsüber wie auch nachts bespielt.

Legendär: Das Konzert von Depeche Mode 1982 im Oz

Bekommt das Oz einen würdigen Nachfolger? Im Facebook-Forum des Stuttgart-Albums schießen die Erinnerungen hoch. „Das Oz war mein Zweitwohnsitz, meine schönste Zeit“, schreibt Yvi Ivory. Kommentator Anton Lang lobt: „Das Oz mit seinen grandiosen Partys hat Chancen, in die Annalen der deutschen Clublandschaft einzugehen.“ Einmal hat Thomas D., noch bevor es die Fantas gab, hier auf Deutsch gerappt.

Was das Oz einzigartig macht: Cure und Depeche Mode traten in diesem Keller auf. Keiner weiß genau, wie viele sich am 7. Dezember 1982 in die nahezu sauerstofflose Disco drückten, um ein britisches Synthie-Pop-Wunder namens Depeche Mode zu erleben. Amtlich waren 300 erlaubt – inoffiziell waren es doppelt so viele. Auf der Treppe standen die Leute bis oben hin. Der Eintritt kostete 15 D-Mark. Ein 40-Tonner-Truck, der fast so groß war wie das gesamte Oz, hatte die Arbeitsmittel der Band in die Fußgängerzone gefahren. Sänger David Gahan soll das F-Wort gerufen haben, weil er das Publikum am Anfang lasch fand – doch umso wilder sei es dann geworden.

„Der Name Mica klingt schön“

1995 wurde das Oz nach Drogenproblemen geschlossen. Es folgten der P-Club und der Aer-Club an diesem historischen Ort der Nacht. Jetzt also heißt der neue Club Mica, benannt nach einem Mineral. „Der Name Mica klingt schön“, findet Betreiber Rossaro. Das Mineral ist fürs Glitzern bekannt. Wird man eines Tages auch so schöne Geschichten erzählen vom Mica wie vom Oz? Oder leuchten Erinnerungen immer heller, je älter wir sind?

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