Stuttgarter Rotlichtviertel Wirte der Altstadt beklagen „zweiten Lockdown“

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Im Rotlichtviertel ist die Aufregung groß: Kaum durften die Altstadtwirte draußen öffnen, wird die Leonhardstraße aufgerissen. Wo die Barbetreiber sonst abends Tische und Stühle aufstellen, stehen nun Container und Bauzäune.

Container statt Außengastronomie: Die Altstadtwirte sind wütend. Foto: Andreas Engelhard 6 Bilder
Container statt Außengastronomie: Die Altstadtwirte sind wütend. Foto: Andreas Engelhard

Stuttgart - Klaudia Kacijan, die Wirtin der Uhu-Bar im Stuttgarter Leonhardsviertel, dachte, sie sei im falschen Film. Gefreut hatte sie sich über schönes Wetter, das die Chance auf einen endlich steigenden Umsatz nach harten Wochen erhöht. Dann kam sie an ihren Arbeitsplatz in der Altstadt und traute ihren Augen nicht: Dort, wo sie sonst Tische und Stühle aufstellt, weil in der Coronakrise alles draußen stattfinden soll, standen Container und Zäune. Über Nacht hatte man ihr und allen anderen Barbetreibern im nicht mehr so roten Rotlichtviertel (alle Bordelle und Table-Dance-Clubs sind weiterhin geschlossen) eine Baustelle vor die Nase gesetzt. Fast komplett ist die Leonhardstraße von unten nach oben lahm gelegt.

Keiner der Anwohner wurde bisher informiert

„Wir haben erst seit wenigen Wochen geöffnet und müssen um jeden einzelnen Gast kämpfen“, sagt die verärgerte Uhu-Wirtin, „und dann versetzt man uns diesen Tiefschlag.“ Sie versteht die Welt nicht mehr. „Hat man dafür die Corona-Soforthilfe ins Leben gerufen, dass dann Bauarbeitsmaßnahmen zu weiteren Schließungen der Bars führen?“, fragt Klaudia Kacijan. Keiner der Anwohner sei über die Baumaßnahme informiert worden. Erst dachten die Altstadtwirte, das städtische Tiefbauamt stecke dahinter, und vermuteten eine „erneute Schikane“ aus dem Rathaus. Stadtsprecher Sven Matis kann dies auf Anfrage unserer Zeitung jedoch ausschließen. „In unserem Baustellenkalender findet man nichts über das Leonhardsviertel“, sagt er, „und es ist nicht Art unseres Tiefbauamts, einfach mal so mit dem Bauen anzufangen.“

Es scheint dagegen die Art der Netze BW zu sein. Konzernpressesprecher Hans-Jörg Groscurth von der EnBW Energie Baden-Württemberg AG bestätigt uns am Mittwoch, dass man bisher die Betroffenen nicht von den Baumaßnahmen informiert hat. „Die Anwohnerinfo wird jetzt gerade verteilt“, teilt der Mann aus Karlsruhe mit, der im Auftrag der Netze BW spricht.

„Die Hausanschlüsse müssen erneuert werden“

„Aufgrund einer Störung“ müsse die Netze BW im Leonhardsviertel die Gasleitung auswechseln, erklärt Groscurth. Betroffen sei der Abschnitt der Leonhardstraße von den Nummern eins bis 18. „Es wird eine moderne Kunststoffleitung verlegt“, informiert der Pressesprecher, „neben der Leitung selbst müssen auch die Hausanschlüsse erneuert werden.“ Die Arbeiten an der Gasleitung würden dazu genutzt, um auch die Stromleitung mit sämtlichen Hausanschlüssen zu erneuern. Die Netze BW plane für diese Arbeiten drei bis vier Wochen. Anschließend werde die Stadt Stuttgart Straße und Gehweg sanieren. „Über die Dauer dieser Arbeiten können wir leider nichts sagen“, bittet Groscurth um Verständnis. Ein Ende der Beeinträchtigungen für die Altstadtbar ist daher ungewiss.

An eine „akute Störung“ glauben die Altstadtwirte nicht

Warum man nicht in den Monaten des Lockdowns, als alle Gaststätten geschlossen waren, mit dem Auswechseln der Leitungen begonnen hat? Eine langfristige Planung sei in diesem Fall aufgrund einer akuten Lage nicht möglich gewesen, sagt der Konzernsprecher und fährt fort. „Hinzu kommt natürlich auch immer auch die Suche nach einem Bauunternehmen, das die Arbeiten konkret übernehmen kann.“

An eine „akute Störung“ glaubt John Heer nicht, der im Leonhardsviertel sein Table-Dance-Club Messalina und sein Laufhaus seit dem 13. März geschlossen hat und auch weiterhin nicht öffnen darf. Auch wenn bei ihm die Betriebe ruhen und er also nicht über den Rückgang eines nicht vorhandenen Umsatzes klagen kann, ist er höchst verärgert über den Umgang mit den um ihre Existenz kämpfenden Bars des Viertels. „Man kann doch nicht so kurz nach dem Lockdown aller Gaststätten in der Coronakrise den Wirten einen zweiten Lockdown zumuten“, findet er. Hätte es eine einzelne Störung gegeben, etwa ein Loch in einer Leitung, hätte man nur diesen einen Schaden behoben. „Doch hier werden systematisch bei Haus für Haus neue Leitungen verlegt“, berichtet er, „da kann keiner sagen, man habe dies nicht langfristig planen können.“

Die Wirte erinnern an den Beschluss der Stadt, wonach Gastronomie zur Eindämmung der Virusgefahren draußen auch Parkplätze und Gehwege nutzen kann. „Wieder mal zählt nicht, wenn es uns im Leonhardsviertel schlecht geht“, ist zu hören.




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