InterviewStuttgarter Schauspieler bei #actout "Ich will meine neue Freiheit nutzen"

Der Schauspieler Martin Bruchmann. Foto: Juan Camilo Roa 2 Bilder
Der Schauspieler Martin Bruchmann. Foto: Juan Camilo Roa

185 Schauspieler*innen haben sich im SZ-Magazin als lesbisch, schwul, bi, queer, nicht-binär, trans* geoutet. Darunter auch Martin Bruchmann, Ensemblemitglied des Stuttgarter Schauspiels. Im Interview erzählt er von seinen Erfahrungen - und was sich für ihn nun ändern soll.

Stuttgart - Mit dem Hashtag #actout und einem gemeinsamen Manifest im Magazin der Süddeutschen Zeitung machten vergangene Woche 185 Schauspielerinnen und Schauspieler, Non-Binäre und Transmenschen ihre sexuelle Identität öffentlich. Sie fordern mehr Sichtbarkeit für sexuelle Diversität in Film, Fernsehen und Theater. Noch immer würden queere SchauspielerInnen marginalisiert und diskriminiert, heißt es in der Erklärung, die unter anderem Mavie Hörbiger, Ulrich Matthes, Mark Waschke, Maren und Kroymann unterstützen.

Unter ihnen ist auch der Schauspieler Martin Bruchmann, der zum Ensemble des Schauspiels Stuttgart gehört und bereits einen Film mit Florian Henckel von Donnersmarck und einen Tatort gedreht hat. Im Interview erzählt Bruchmann von seiner Entscheidung, bei dem öffentlichen Coming-Out mitzumachen, von internationalem Feedback, den Unterschieden zwischen Theater und Film und einer angstfreien Zukunft.

Stadtkind: Wie war das Feedback auf euer Manifest, das ja auch international beachtet wurde.

Martin Bruchmann: Ja, so etwas gab es noch nie! Es ging alles ziemlich schnell und ich habe erst nach und nach realisiert, was wir da losgetreten haben. Insgesamt war es sehr positiv und überwältigend.Meine KollegInnen und ich bekommen berührende Nachrichten aus der ganzen Welt voller Solidarität und Zuspruch.

Stadtkind: Welche Veränderungen wünscht dir von der Theater- und Filmbranche?

Bruchmann: Film und Theater funktionieren anders, ich denke, beim Theater ist man mit der Besetzung etwas freier und schon diverser geworden. Es wäre dennoch toll, auch auf den großen Bühnen queere Geschichten zu sehen. Die größte Veränderung muss beim Film und dem Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk stattfinden, denn dort ist man immer noch etwas zaghaft.

Stadtkind: Inwiefern?

Bruchmann: Theaterensembles sind diverser geworden, sie passen sich an die Gesellschaft an. Beim Film ist es anders: Meine erste Hauptrolle habe ich in einem LGBT-Kinofilm gespielt und mir wurde danach gesagt, ich soll es in Zukunft nicht mehr machen, sonst werde ich abgestempelt. So ein Denken muss aus den Köpfen verschwinden.

 

 

Stadtkind: Hattest du dann Angst?

Bruchmann: Ja. Angst hat jeder von den 185 Beteiligten, und auch die, die sich nicht getraut haben zu unterschreiben. Die Angst wurde uns seit Jahren mitgegeben, von AgentInnen, von CasterInnen. Die Message war: Outet euch bloß nicht. Das kann ja kein Zustand sein. Wir werden in den Medien bisher kaum dargestellt, hatten keine Vorbilder und Stoffe, die von anderen, nicht heteronormativen Identitäten berichten. Das verunsichert und stärkt einem nicht gerade den Rücken.

Stadtkind: Wie wird sich deine Arbeit nun ändern?

Bruchmann: Ich will nicht in den alten Mustern steckenbleiben und will versuchen, diese neue Freiheit zu nutzen. Jetzt kann ich offen mit der Regie und auch mit Journalisten reden. Bisher waren wir da aber haben uns versteckt, uns verstellt, um in das heteronormative Bild zu passen. Wir haben uns zusammengeschlossen und können hoffentlich frei und ohne Angst auf Konsequenzen arbeiten.

 




Unsere Empfehlung für Sie