Tatort-Vorschau Das Lied des Todes

Von Tilmann P. Gangloff 

Das neue „Tatort“-Ermittlerteam aus Frankfurt ist ähnlich bodenständig wie das Duo aus Nürnberg, aber dafür ist ihr erster Fall gleich um so vertrackter

Die beiden neuen Frankfurter Ermittler könnten unterschiedlicher nicht sein: Er, Paul Brix (Wolfram Koch), hat als langjähriger Beamter bei der Sitte schon einige Grausamkeiten gesehen. Foto: HR 5 Bilder
Die beiden neuen Frankfurter Ermittler könnten unterschiedlicher nicht sein: Er, Paul Brix (Wolfram Koch), hat als langjähriger Beamter bei der Sitte schon einige Grausamkeiten gesehen. Foto: HR

Stuttgart - Selbst wenn dies nicht der erste „Tatort“ mit dem neuen Team aus Frankfurt wäre, die Aufmerksamkeit wäre dem Film dennoch gewiss: „Kälter als der Tod“ ist die jüngste Zusammenarbeit von Michael Proehl und Florian Schwarz, die mit „Im Schmerz geboren“, einem „Tatort“ mit Ulrich Tukur, für den aufregendsten und vermutlich meist ausgezeichneten Krimi des letzten Jahres gesorgt haben. Die zwei arbeiten seit gut zehn Jahren regelmäßig zusammen; den Auftakt bildete 2004 das schräge Liebesdrama „Die Katze im Sack“. Neben dem großartigen Sat.1-Krimi „Hannah Mangold & Lucy Palm“ haben sie mit „Weil sie böse sind“ (mit Matthias Schweighöfer) einen der vielleicht besten Fälle für das frühere Frankfurt-Duo Sawatzki/Schüttauf geschrieben. Kein Wunder, dass der Hessische Rundfunk den beiden die Premiere des neuen Teams anvertraut hat, zumal Proehl mit „Das Haus am Ende der Straße“ auch den nicht minder sehenswerten Abschiedsfall für Joachim Król geschrieben hat.

„Kälter als der Tod“ beginnt ähnlich wie vor einigen Wochen der erste Franken-„Tatort“ erfrischend normal. Das Ermittlerpaar Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) beschnuppert sich, findet sich sympathisch und muss erst mal Ordnung im Büro schaffen. Aber dann geht’s auch schon zur Sache: Eine Familie ist fast komplett ausgelöscht worden, allein die 17jährige Tochter (Charleen Deetz) hat überlebt. Das Mädchen wird später verstört in einem Verlies auf dem verlassenen Hof des Urgroßvaters gefunden, gemeinsam mit seiner einige Jahre älteren Nachhilfelehrerin (Emily Cox).

Der erste Fall ist gleich vertrackt

Natürlich steht die Polizei vor einem Rätsel, so soll es schließlich sein, aber dieser Fall ist wirklich vertrackt, zumal Proehl den Fehler vermeidet, das obligate Ablenkungsmanöver als nahe liegende Lösung zu verkaufen: Der Onkel des Mädchens, ein Arzt, ist ein echter Kotzbrocken, der seine Frau unterdrückt und vermutlich vor Jahren, damals noch als Pfleger, einen Rentner umgebracht hat. Gespielt wird er von Roman Knižka, der immer nur entweder als Liebhaber oder als Schurke besetzt wird. Es wird recht früh klar, welche Rolle es diesmal ist, zumal er auch noch seine Frau ermordet; aber nicht mal die Polizei glaubt, dass er auch die Familie seiner Schwester auf dem Gewissen hat.

Während der eigentliche Fall in anderen Auftaktfilmen oft zur Nebensache wird, weil die neuen Hauptfiguren eingeführt werden müssen, steht hier stets die Suche nach dem Mörder im Vordergrund. Das funktioniert auch deshalb, weil es sich bei dem Ermittlerduo um ganz normale Menschen handelt. Janneke denkt pragmatisch, Brix haut schon mal einen unerwartet harten Spruch raus, aber sonst sind die beiden anscheinend völlig unkompliziert. Deshalb kann Proehl seine Geschichte mit vielen Details anreichern, die zunächst bloßes Beiwerk zu sein scheinen, im weiteren Verlauf der Handlung aber enorm an Bedeutung gewinnen. Entscheidende Bedeutung bekommt zum Beispiel ein 25 Jahre alter Popsong, der nach dem Mord in Endlosschleife zu hören ist. Auch die Nebenfiguren sind mehr als bloß Stichwortgeber. Die einen tragen wichtige Informationen zur Lösung bei, die anderen sind zumindest originelle Entwürfe, etwa der Postbote, der heimlich die Päckchen seiner Kunden öffnet und sich dann die gleichen Sachen bestellt.

Zu viel muss erklärt werden

Am Ende rächt sich zwar, dass die von Ferne an „Chinatown“ erinnernde Geschichte viel komplizierter ist, als sie zunächst wirkt, weil noch ziemlich viel erklärt werden muss. Das macht aber nichts, denn die Umsetzung ist mindestens so interessant wie das Drehbuch. Der Tragödie zum Trotz finden Schwarz und sein Kameramann Philipp Haberlandt überraschend warme, anheimelnde Bilder. Im Verlies wiederum muss ein kleiner Lichtklecks als Beleuchtung genügen. Ungewöhnlich ist auch die Gestaltung der Vernehmungen. Dass ein Ermittler als stiller Beobachter durch Rückblenden wandert, gab es schön öfter. Hier aber tauchen Janneke und Brix gemeinsam mit den Zeugen in deren Erinnerungen ein und sprechen dort mit ihnen. Völlig unlogisch, aber dennoch grandios ist die Idee, dass Brix bei der Gelegenheit an einer Pinnwand das Angebot für eine gebrauchte Stereoanlage einsteckt.

Verblüffend ist auch ein Effekt, den Schwarz ganz beiläufig einstreut. Sinnend betrachtet die Kommissarin ein Foto des Bauernhofs, im nächsten Moment steht sie in exakt gleicher Haltung auf dem Gelände, wo Brix kurz drauf die Mädchen befreit. Den Einzug ins neue Büro hat Schwarz zuvor zum Fotoroman verkürzt. Zu dieser lässigen Note passt auch der Vorgesetzte des Duos, den Roeland Wiesnekker fast komödiantisch anlegt. Nach der Lösung des Falls kann sich der Film sogar einen für Krimis gänzlich ungewohnten Abstecher in die Realität leisten: Vor dem verdienten Feierabend müssen Janneke und Brix erst mal ihren Bericht schreiben.