Telefonbetrug in Stuttgart Trauriger Rekord – Falsche Polizisten erbeuten fast eine Million Euro im Oktober

Mit Schockanrufen und Räuberpistolen verunsichern die Täter Senioren. Foto: dpa/Roland Weihrauch (Symbolbild)
Mit Schockanrufen und Räuberpistolen verunsichern die Täter Senioren. Foto: dpa/Roland Weihrauch (Symbolbild)

Mit der Masche der falschen Polizisten sind Betrüger seit Jahren unterwegs. Nun steuert die Stadt auf einen traurigen Rekord zu. Welche Geschichten erzählen die Täter?

Lokales: Christine Bilger (ceb)
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Stuttgart - Der Oktober könnte ein Rekordmonat werden. Allerdings handelt es sich um einen traurigen Rekord. Die Summe, welche Telefonbetrüger in den zurückliegenden Wochen von überwiegend älteren Menschen in Stuttgart ergaunert haben, nähert sich rasant der Marke von einer Million Euro. Das liegt vor allem an einem Fall, in dem die Täter eine extrem hohe Summe erbeuteten. Nach Informationen unserer Zeitung sollen allein bei einer Tat dieser Tage Geld, Schmuck und Münzen im Wert von rund 800 000 Euro erbeutet worden sein. Zum Vergleich: Allein im Oktober ist mit der Masche mehr erbeutet worden als im gesamten Jahr 2020. Bei 15 Taten brachten die Betrüger im Vorjahr ihre Opfer in der Landeshauptstadt um 830 000 Euro. 2019 wurden in 33 Fällen 1,8 Millionen Euro erbeutet.

Schon wieder haben Betrüger bei einer Seniorin Erfolg

Und es hört nicht auf: Am Donnerstag meldet die Polizei wieder einen Fall, bei dem es Anrufern gelungen ist, eine 80-jährige Frau aus Feuerbach dazu zu bringen, ihnen eine große Summe Geld zu überlassen.

Im Oktober und schon im vergangenen Monat haben mehrere Hundert Bürgerinnen und Bürger sich bei der Polizei gemeldet, die von falschen Polizisten angerufen worden waren. Dabei benutzen die Tätergruppen beängstigende Geschichten, um ihren potenziellen Opfern Angst einzujagen. Sie geben sich als Polizisten aus und behaupten, Wertsachen vor Kriminellen schützen zu können, die Einbrüche oder Überfälle planen. „Es sind aktuell vor allem zwei Geschichten, mit denen die Anrufer arbeiten“, sagt der Polizeisprecher Sven Burkhardt. Die eine handelt von einer rumänischen Einbrecherbande, die angeblich in der Nachbarschaft unterwegs sei. „Der Anrufer gibt sich als Polizeibeamter aus und behauptet, es sei in der Gegend eine Bande festgenommen worden.“ Damit nicht genug: Die Tatverdächtigen hätten eine Liste weiterer künftiger Opfer dabei gehabt. Darauf habe auch der Name des oder der Angerufenen gestanden. Da ein Teil der Einbrecherbande bei der Festnahme entkommen sei, stehe zu befürchten, dass weitere Einbrüche noch bevorstehen.

Boten holen die Wertsachen ab – Hinterleute sitzen im Ausland

„Dann bietet der falsche Polizeibeamte an, Geld und Wertsachen in Sicherheit zu bringen“, schildert Sven Burkhardt. Der Anrufer frage dann noch, ob die in Sicherheit zu bringenden Dinge zu Hause oder auf der Bank verwahrt würden. Lautet die Antwort, dass die Bank Geld, Schmuck und Münzen verwahre, dann drehe der Anrufer die Geschichte geschickt weiter: „Er behauptet dann, auch die Bankmitarbeiter seien kriminell. Man könne ihnen nicht vertrauen. Die Polizei ermittle bereits gegen die Bank.“ Der falsche Polizist kündige dann an, jemanden vorbeizuschicken. Lässt sich ein Opfer darauf ein, kommt ein Geldbote, der entweder alles persönlich entgegennimmt, oder es wird ein Ablageort vereinbart. Das kann ein Mülleimer an einer Parkbank sein, auch das ist in Stuttgart schon vorgekommen.

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Die andere Geschichte ist eine Kombination aus dem Enkeltrick, bei dem jemand sich als Verwandter ausgibt, und der Masche mit den falschen Polizisten. Beim Anruf wird das Opfer geschockt. Ein angeblicher Verwandter meldet, er habe einen schweren Unfall verursacht. Verfängt die Geschichte und die Nerven liegen blank beim Angerufenen, so schaltet sich ein Komplize ein, der sich als Polizist ausgibt. Der zweite Gesprächspartner behauptet dann, der Verwandte würde in Haft kommen wegen des Unfalls. Es sei denn, man würde eine hohe Kaution für ihn stellen.

Schockanrufe sind aktuell auch sehr häufig

Mit einer Geschichte aus dieser Kategorie der Schockanrufe operierten die Täter, die am Mittwoch die Frau in Feuerbach hereinlegten. Sie meldeten sich gegen 8.30 Uhr als Konsulatsmitarbeiter und behaupteten, ihre Tochter habe einen tödlichen Unfall verursacht. Um ihr die Haft zu ersparen, sei eine Kaution fällig. Eine angebliche Mitarbeiterin der Staatsanwaltschaft holte später Geld und Wertsachen im Wert von mehreren Zehntausend Euro bei der Frau ab, die in ihrem Schock die Geschichte geglaubt hatte.

Noch selten ist eine Masche, von der eine Bankmitarbeiterin berichtet: Sie habe Kunden vor sich gehabt, die mit einer üblen Corona-Drohkulisse hereingelegt werden sollten. Der Anrufer behaupte in solchen Fällen, der Verwandte XY liege mit einer schlimmen Covid-19-Erkrankung im Koma auf der Intensivstation. Nur mit einem teueren Medikament könne er gerettet werden, und für dieses solle der angerufene Verwandte aufkommen. Ob mit dieser Masche schon Geld erbeutet wurde, ist nicht bekannt.

Hartnäckiges und trickreiches Vorgehen der Tätergruppen

Die Polizei weiß ohnehin wohl nicht von allen Fällen: Es melden zwar viele potenzielle Opfer die Anrufe, bei denen der Betrugsversuch rechtzeitig erkannt wurde. Doch wie viele Bürgerinnen und Bürger sich nicht melden, weil sie rechtzeitig aufgelegt haben und nichts passiert ist, ist natürlich nicht bekannt. Außerdem geht die Kripo davon aus, dass auch nicht alle „erfolgreichen“ Fälle bekannt sind: Vermutlich melden manche Opfer sich nicht, weil sie sich schämen, auf den Betrug hereingefallen zu sein.

Dass der Betrug trotzdem klappt, liegt am hartnäckigen und trickreichen Vorgehen der Tätergruppen. Sie operieren aus Callcentern, von denen viele in der Türkei sind. Hartnäckig bearbeiten sie ihre Opfer, rufen abwechselnd auf dem Handy und dem Festnetz an, damit der Angerufene keine Verwandten um Rat fragen kann. Dann würde der Betrug womöglich auffliegen – so wie die Tochter bei der Frau aus Feuerbach den Fall aufklären konnte. Nur leider zu spät.




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