Während sich die Nummer eins im Tennis auf die Australian Open vorbereitet, droht ihm neues Ungemach: Dabei geht es um eine falsche Angabe im Einreiseformular und Zweifel an seinem PCR-Test.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Stuttgart/Melbourne - Der große Dominator der Australian Open, der sich bei den vergangenen 14 Turnierausgaben in der Rod Laver Arena neunmal den Titel geholt hat, er trainierte am Dienstag unter der Sonne Melbournes, als sei nichts gewesen. Novak Djokovic thront auch diesmal als Nummer eins der inzwischen veröffentlichten Setzliste über dem Hauptfeld bei den Männern – doch es ist eine äußerst trügerische Ruhe, die den 34 Jahre alten Serben umgibt.

Schließlich ist das letzte Wort längst noch nicht gesprochen in der Causa Djokovic, der ohne Impfung gegen das Coronavirus nach Australien eingereist war, sich aber als Genesener von einer Infektion Mitte Dezember 2021 auf eine Ausnahmegenehmigung beruft. Am Dienstag jedenfalls ging die Hängepartie weiter – denn über der Nummer eins der Tenniswelt schwebt wie ein Damoklesschwert das Urteil des australischen Einwanderungsministers Alex Hawke. Der könnte dank seiner Entscheidungsgewalt qua Amt jederzeit per Veto den Daumen über Djokovic senken – und ihm das Visum entziehen.

Das Verfahren läuft noch

„Im Einklang mit einem ordnungsgemäßen Verfahren wird Minister Hawke die Angelegenheit gründlich prüfen“, teilte ein Sprecher am Dienstag mit: „Da der Vorgang noch nicht abgeschlossen ist, ist es aus rechtlichen Gründen nicht angebracht, weitere Kommentare abzugeben.“ (Ein endgültiges Votum stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe weiter aus.)

Rechtlich umstritten erscheint, was im Falle eines Entzugs des Visums durch Minister Hawke passieren würde: Müsste Djokovic dann umgehend das Land verlassen? Oder könnte er erneut Einspruch einlegen, was eine 28 Tage währende Verhandlungsfrist nach sich ziehen würde, wie es einige namhafte Juristen behaupten. Es bliebe in letzterem Fall für Novak Djokovic ausreichend Zeit, die am nächsten Montag beginnenden Australian Open zu spielen. Allerdings würde ihm dann im Fall einer Niederlage vor Gericht eine dreijährige Einreiseverweigerung für Australien drohen.

Derweil haben australische Medien am Dienstag ein weiteres Detail in dem von etlichen Wirrungen geprägten Einreisedrama um den besten Tennisspieler der Welt bekannt gemacht. So hatte Djokovic die Frage in seiner Online-Gesundheitserklärung, ob er in den 14 Tagen vor dem Flug nach Australien gereist war, mit einem Nein beantwortet. Durch Fotos und Videos auf seinen sozialen Kanälen lässt sich aber nachvollziehen, dass sich der in Monaco lebende Sportler zeitnah vor der Abreise nach Down Under sowohl in seiner Heimat Serbien als auch im spanischen Marbella zum Training aufgehalten hatte.

Die Politik mischt sich ein

Möglich also, dass dem Serben am Ende diese Falschangabe zum Verhängnis wird. Denn Unwahrheiten in Formularen werden in Australien üblicherweise als schweres Vergehen gewertet. Darüber hinaus werden nach Recherchen des „Spiegels“ ernste Zweifel an der Echtheit des positiven PCR-Tests des 34-Jährigen vom 16. Dezember laut. Wäre der Test tatsächlich nachträglich manipuliert worden, besäße Djokovic gar keinen Status als Genesener – und wäre in Australien ein illegaler Einwanderer.

Wie heikel die Angelegenheit ist, belegt allein der Umstand, dass sich auch die hohe Politik intensiv mit dem Wirbel um den Tennisstar beschäftigt. So hat es ein Telefonat zwischen Australiens Premierminister Scott Morrison und seiner serbischen Amtskollegin Ana Brnabic gegeben. Während Morrison auf die „nicht-diskriminierende Grenzpolitik“ seines Landes verwies, forderte Brnabic, ihren Landsmann Djokovic mit Blick auf seine Turniervorbereitung „mit mehr Würde“ zu behandeln. Denn klar ist, dass für den 20-fachen Major-Champion abseits des Einreisedramas sportlich immens viel auf dem Spiel steht.

Dies ist ein Hauptgrund, warum Novak Djokovic in Australien um jeden Preis antreten will. Schließlich stehen seine Chancen auf den 21. Grand-Slam-Erfolg, mit dem er die Rivalen Roger Federer und Rafael Nadal (beide 20 Titel) überbieten und Tennisgeschichte schreiben würde, nirgendwo so gut wie in Melbourne, wo ihm der Hartcourt für sein Spiel besonders liegt. Mit 34 Jahren tickt im Hintergrund zudem die biologische Uhr.

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In Zusammenhang mit dem Fall Djokovic ist aber auch der Turnierdirektor Craig Tiley in die Kritik gerückt, der als Veranstalter den Umgang mit den medizinischen Ausnahmegenehmigungen zu lax gehandhabt haben soll. Weil aber vor allem die Show auf dem Tenniscourt stimmen muss, erklärt Tiley weiterhin, er sehe den Weltranglistenersten „gerne bei den Australian Open spielen“.

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Das sieht etwa Tennisprofi Márton Fucsovics differenzierter: „Djokovic ist der beste Tennisspieler der Welt, hat neunmal die Australian Open gewonnen. Von dieser Seite hat er es verdient, hier zu sein“, erklärte die Nummer 38 der Welt aus Ungarn: „Auf der anderen Seite können wir nicht ignorieren, was in der Welt passiert. Es gibt Regeln – und aus dieser Sicht finde ich, dass er nicht hier sein sollte.“ Der dreimalige Grand-Slam-Sieger Andy Murray ergänzte: „Wir wollen, dass die besten Spieler dabei sind. Ich denke aber, es gibt noch einige Fragen zu beantworten.“

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