Teuerste Baustelle Esslingens Die Vogelsangbrücke geht an der Krücke

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Die Vogelsangbrücke in Esslingen wird saniert. Die Stadt setzt 19,4 Millionen Euro ein, um 10 000 Quadratmeter Fläche für die nächsten Jahrzehnte standfest zu machen. Dazu kämpfen sich Roboter und Bauarbeiter durch knapp 50 Jahre alten Beton. Eine Baustellenbesichtigung gibt Einblicke.

Knochenarbeit auf der Vogelsangbrücke. ein Bauarbeiter hämmert   die Moniereisen des Stahlbetons frei. Foto:   5 Bilder
Knochenarbeit auf der Vogelsangbrücke. ein Bauarbeiter hämmert die Moniereisen des Stahlbetons frei. Foto:  

Esslingen - Esslingens zweitgrößtes Bauwerk ist gleichzeitig Esslingens größte Baustelle. Graumelierter Himmel wölbt sich über einer graugesprenkelte Vogelsangbrücke. Die 25 Bauarbeiter verlieren sich in den Weiten des Spannbetons. Der Esslinger Tiefbauamtsleiter Uwe Heinemann hat zum Besichtigungstermin geladen und führt seine Besucher über die Baustelle, der Projektleiter Safian Kurdi begleitet ihn.

Zehntausend Quadratmeter Oberfläche umfasst die Vogelsangbrücke. Sie überspannt die Neckarstraße, die Eisenbahnlinie, den Neckar und senkt sich auf der Südseite zur Bundesstraße  10. Dazu kommen noch vier Rampen rauf und runter, die ebenfalls auf Pfeilern stehen. Das gesamte Bauwerk muss ertüchtigt werden, um für die nächsten Jahrzehnte standfest zu bleiben. Und das alles für ein paar Autos? „Es sind rund 43 000 Stück täglich“, berichtet Uwe Heinemann.

Eine elende Knochenarbeit

Die kleine Besuchergruppe steht oben auf der Brüstung. Zwei Männer stemmen Presslufthämmer in den Beton, einer liegt auf dem Rücken und schlägt mit einem Fäustel gegen die Eisenbewehrungen. Die im alten Beton eingelassenen Eisen müssen frei gelegt werden und frisch mit Beton übergossen, damit keine Feuchtigkeit eindringt Es ist eine elende Knochenarbeit, gut, dass es nicht mehr so heiß ist.

Es wird aber nicht nur von Hand gearbeitet. Weiter unten zerlegt ein Roboter mit 2200 Bar Wasserdruck den alten Beton. Es ist der Druck, der in 22 Kilometern Wassertiefe herrschen würde – wenn es auf diesem Planeten solche Wassertiefen geben würde.

Der Asphalt der Brücke ist längst abgefräst, ebenso die Epoxid-Dichtung darunter, nackter Beton tritt zu Tage. Hier auf dem Scheitelpunkt der Brücke ist er nur noch 20 Zentimeter dick, hin und wieder ist der Boden mit Leuchtfarbe markiert. Die Farbe zeigt gewissermaßen die Bausünden der Siebzigerjahre. Hier wurde ein Stück Holz einbetoniert, dort guckt Baustahl raus, weil die Moniereisen nicht tief genug im Beton eingegraben waren. Auch durch diese Stellen konnte Feuchtigkeit in die Brücke eindringen und sie beschädigen.

Löcher, durch die man auf den Neckar sehen kann

Wo Strom- oder Wasserleitungen verlegt waren, klaffen jetzt Löcher, durch die man auf den Neckar sehen kann. Damals wurden alle Leitungen, alle Kabel und alle Drainagerohre in den Beton eingegossen. Denn die Brücke sollte von außen aussehen wie aus einem Guss. Nichts sollte die Schönheit der Formen stören – die Schönheit war natürlich schon damals ziemlich theoretisch. Praktisch war sie sowieso nie. Vor allem dann nicht, wenn man an die Leitungen nicht mehr herankommt, ohne die halbe Brücke abzureißen. Nach der Sanierung werden alle Versorgungsleitungen wartungsfreundlich außen liegen.

Die großen Esslinger Brücken zählen zu den ersten, die mit Spannstahlbeton gebaut wurden. Man kann es sich sich etwa so vorstellen, als würde man eine Schnur durch Perlen fädeln. Zieht man die Schnur zusammen, dann werden die Perlen aneinandergedrückt und bleiben festhängen. Wird die Brücke aber über Gebühr belastet, dann dehnt sich der Spannstahl wie ein Kaugummi und wird weich – eine alternde Brücke könnte dann Knall auf Fall brechen.

Die Brücken sind ständig überlastet

Davon ist man in Esslingen noch weit entfernt, aber der Zahn der Zeit nagt an dem Bauwerk und vor allem auch die ständige Überlastung, die alle Esslinger Brücken betrifft. Die benachbarte nur etwa 600 Quadratmeter große Hanns-Martin-Schleyer-Brücke war seinerzeit für 17 000 Fahrzeuge täglich ausgerichtet, jetzt rollten 34 000 Fahrzeuge darüber, berichtet Uwe Heinemann.

Die größte Baustelle am zweitgrößten Bauwerk der Stadt verursacht ganz naturgemäß auch hohe Kosten. 19,4 Millionen Euro werden hier verbaut. Bis Ende November sollen die Bauarbeiten fertig sein. Im Gegensatz zu anderen Großbaustellen der Republik ist man hier im Zeitplan.




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