Theater der Altstadt startet unter Corona-Regeln Wommy im Glück: Grünes Licht für ihre Sommershow in Stuttgart

Von Uwe Bogen 

Wochenlang hat Michael Panzer gezittert, jetzt steht fest: Im Theater der Altstadt darf er als Frl. Wommy Wonder seine Sommershow spielen. Wir sprachen mit dem 52-Jährigen über Corona-Sitzpläne, Autokonzerte und den Vorteil, Single zu sein.

Michael Panzer alias Frl. Wommy Wonder darf auf die Bühne des Theaters der Altstadt zurück. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Michael Panzer alias Frl. Wommy Wonder darf auf die Bühne des Theaters der Altstadt zurück. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Seit 25 Jahren steht Michael Panzer alias Frl. Wommy Wonder immer dann, wenn andere Urlaub machen, wochenlang auf der Bühne. Dies bleibt auch in diesem Jahr so. Nach bangem Warten steht nun fest: Die Sommershow mit dem Titel „Geht’s noch?!“ kann am 30. Juli im Theater der Altstadt starten – anders als gewohnt. Gerade wird das Buchungssystem auf die neuen Corona-Regeln eingestellt. Der Vorverkauf soll Mitte dieser Woche beginnen. Intendantin Susanne Heydenreich freut sich auf den Neustart. „Für uns ist Theater Leben und Lebensinhalt, und unser Publikum ist der motivierende Sauerstoff, den wir brauchen“, schreibt sie auf der Homepage des Theaters.

Herr Panzer, angesichts der aktuellen Lage hat der Titel Ihres neuen Programm „Geht’s noch?!“ einen leicht zynischen Unterton. Ist das Ihre Trotzreaktion?

Ich suche mir immer Programmtitel, die einigermaßen doppeldeutig sind, aber dass dieser Programmtitel nun recht zynisch klingt, war so nicht geplant. Aber irgendwie passt grad nix besser! Auf jeden Fall arbeiten wir dran, sagen zu können – mit klarem Ausrufezeichen: „Es geht noch … und wie!“ Wir werden alles umsetzen, was bei der momentanen Lage möglich ist.

Wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer sind möglich?

Da kann ich keine genaue Antwort geben, da sich die Abstandsregeln ständig ändern, wir tagesaktuell reagieren und ständig neue Bestuhlungsvarianten anbieten müssen – je nachdem, ob Einzel- oder Pärchenkarten geordert werden, ob befreundete Haushalte zusammengesetzt werden dürfen oder wie sich das mit dem Anderthalb-Meter-Abstand verhält, ob er wie in Österreich und der Schweiz auf einen Meter reduziert wird.

Wird es nach Möbelausstellung oder einer schlecht verkauften Vorstellung aussehen, wenn viele Plätze freibleiben müssen?

Genau das wollen wir nicht. Der Eindruck der Leere soll nicht entstehen. Wir werden da kreativ sein. Aber klar: wir müssen mit enormen Sitzplatzeinbußen zurechtkommen. Aber egal, wir stemmen das jetzt einfach und sind motiviert.

Lohnt es sich wirtschaftlich, wenn nur wenige Gäste ins Theater dürfen?

An Wirtschaftlichkeit denke ich momentan besser nicht. Meine Branche wurde jetzt drei Monate komplett auf „arbeitsfrei“ gestellt, und bei kaum jemandem kamen die vollmundig versprochenen und medial gefeierten Hilfspakete an, da freut man sich über alles, was man tun darf, um nicht einzurosten.

„Ranklotzen, schaffen, durchhalten, das ist meine Devise“

Ihnen fehlt das Publikum?

Und wie! Bei mir ist das so, dass ich auf der Bühne meine Batterien aufladen kann und mein Publikum mir genauso viel gibt wie ich ihm anscheinend geben kann. Diese Symbiose aus Geben und Nehmen treibt mich an und tut mir gut. Ranklotzen, schaffen, durchhalten, das ist jetzt die Devise. Denn gerade Theater, Kleinkunst und die damit verbundenen Branchen wie Caterer, Veranstalter, Techniker, Technikbeschicker & Co werden noch mindestens ein Jahr weit von dem entfernt sein, was sie kennen – und viele werden diese „kleine Durststrecke“ nicht überstehen, leider.

Werden Sie trotzdem Corona-Witze machen?

Nein, bei Corona ist mir das Lachen vergangen, und ich bin froh, wenn ich ein paar Stunden nichts zum Thema hören oder sagen muss. Ich denke, dem Publikum geht’s ähnlich. Meine Show soll eine Ausflucht aus dem Alltag sein, da will man dann in dieser Auszeit nicht an die aktuelle Situation erinnert werden. Wir werden auch alles dransetzen, dass die Leute schon beim Betreten des Theaters den Alltag vergessen werden.

Die Corona-Verordnungen ändern sich laufend. Haben Sie den Überblick, was erlaubt ist und was nicht?

Das hält einen wirklich auf Trab. Die allgemeinen Abstands- und Hygieneregeln müssen eingehalten werden, aber weil die sich ständig lockern, stellen wir uns ständig neu drauf ein und werden das Programm anpassen. Oberste Prämisse ist es für alle, dass wir uns der Situation stellen, die Vorgaben einhalten, aber dennoch dem Publikum einen perfekten Mix aus Schutz, gutem Lebensgefühl und unvergesslichem Abend präsentieren wollen. Wenn die Show dann wegen der Regeln „in einem Rutsch“ oder ohne Pause gespielt werden muss oder Zeitvorgaben unterliegt, dann soll das so sein – Hauptsache, wir dürfen spielen und dem Publikum eine schöne Zeit bereiten. Momentan brauchen wir alle eines: Motivation und gute Laune. Dem sehen wir uns verpflichtet.

„Mit Autokonzerten verbindet mich eine Hassliebe“

Und die Zuschauer lachen unter Masken?

Als kleines Signal in die richtige Richtung dürfen wir es dabei sehen, dass zwar immer noch allgemeine Maskenpflicht herrscht, dass die aber am Platz und während der Show abgesetzt werden darf! Wunderbar!

Wie haben Sie die Zwangspause bis zur Live-Premiere genutzt?

Langweilig war mir nicht, ich hatte mehr als genug zu tun – leider kaum was, was das Finanzamt oder den Kontoführer bei der Bank gefreut hätte. Aber sich in Arbeit zu stürzen ist für mich allemal besser als sich Depressionen hinzugeben. Eigentlich musste man sich in den letzten Wochen von Tag zu Tag hangeln, zielführend arbeiten war bei der ungewissen Lage kaum möglich. Ich bin von Natur aus ungeduldig und auf Effektivität gebürstet, da war es für mich unbefriedigend, „ins Blaue hinein“ arbeiten zu müssen mit Plan B und Plan C und diversen Showversionen und Verlegungen und Umbuchungen und Absagenverwaltung … und das alles auf dem Hintergrund, dass morgen schon viel von dem hinfällig ist, was man tagelang erarbeitet hat. Aber was soll’s, das ist nun eben so, da müssen wir durch, und weil es alle trifft, wären Klagen auch nicht angebracht.

Was sind Ihre Erfahrungen mit Autokonzerten?

Um ehrlich zu sein: es ist eine Art Hassliebe, die uns verbindet. Wenn die Zeiten so sind, dass außer Autokinos kaum was möglich ist, bin ich dankbar für jeden Veranstalter, der sowas anbietet und einem die Möglichkeit gibt, entsprechend aufzutreten, und dankbar für jeden Besucher, der uns damit moralisch stärkt und uns Unterstützung signalisiert – aber ich hoffe für beide Seiten inständig, dass diese Form von Unterhaltung nur eine zeitlich sehr befristete Übergangslösung darstellt. Es geht nichts über Live-Kontakt, echtes Gegenüber, lebendige Gesichter, ansteckende Stimmung und direkten Schlagabtausch, weil sich erst im Zusammenspiel von Künstler und Publikum diese Magie entwickeln kann, die Theaterabende einzigartig macht.

„Ärgerlich ist, wie sich Politiker für Hilfspakete feiern lassen, die sie nicht liefern“

Sie überstehen die lange Zeit der ausgefallenen Auftritte?

Ich hatte in meinem Leben viel Glück und in meinem Beruf viel erreicht, und weil ich privat eher bescheiden lebe, komm ich in der aktuellen Situation über die Runden – zumal ich als Single ja nur für mich zu sorgen habe, da kriege ich im Umfeld von befreundeten Künstlern, Kneipenbesitzern und Technikern leider sehr viel persönliche Katastrophen mit, deshalb habe ich mich auch bei der Künstlersoforthilfe, Art Support oder anderen Benefizprojekten engagiert. Einfach, weil ich mich moralisch verpflichtet gefühlt habe und weil ich es nach wie vor ärgerlich finde, wie diverse Politiker sich für Hilfspakete feiern lassen, die sie nicht liefern und wie viele Branchen trotz erfolgreicher Arbeit jetzt sehr schnell unverschuldet vor der Katastrophe stehen, weil versprochene Hilfen nicht kommen und mit zweierlei Maß gemessen wird.

Hat die Politik in der Krise zu viele Fehler gemacht?

Ich will nicht kritisieren, was hinsichtlich Eindämmung des Virus getan wurde, dadurch sind wir ja glimpflich davongekommen, aber ich werde diverse politische Entscheidungen nie verstehen können, wenn ich die persönlichen Schicksale dahinter sehe. Positiv war, erfahren zu dürfen, wie viele wunderbare Menschen mit Herz und Charakter es gibt, wie eng der Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen aus allen Branchen ist und wie dann doch die meisten im selben Boot sitzen und sich gegenseitig unterstützen. Das überwiegt bei mir, weil ich im Grunde ja positiv denken und das Gute in den Menschen sehen möchte. Aber am schönsten ist, dass es jetzt irgendwie weiterzugehen scheint.




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