Theaterprojekt in der Wagenhalle in S-Nord Impulse durch die Teilnehmer mit Handicap

  Foto: Georg / Linsenmann
  Foto: Georg / Linsenmann

In den Wagenhallen im Stadtbezirk Nord probt die Freie Bühne Stuttgart ein inklusives Theater-Projekt und sucht dafür noch weitere Mitspieler.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

S-Nord - Wie einen Beat klatscht Ismene Schell den Vierertakt, ruckzuck bildet sich der Kreis, klatscht mit, improvisiert tänzerisch. Janine aber hat keine Lust, versteckt sich hinterm Wandbehang. Jeder hat eine individuelle Übung, die zusammen nachgemacht wird. David etwa wippt auf dem Bauch und alle üben Trockenschwimmen. Julian schlenkert und wankt wie betrunken, was der Gruppe noch mehr gute Laune macht. Gabriela wagt einen Tanzschritt, und jetzt ist auch Janine dabei, in Kung Fu-Manier.

Abdul aber, zum ersten Mal bei der Truppe, will gehen, als auch er in Empowerment-Manier seinen Namen rufen soll. Und damit beginnt der Glücksfall des Tages. Denn während Abdul, junger afghanischer Flüchtling, seit fünf Monaten in Stuttgart, Deutsch noch höchst lückenhaft versteht, beherrscht David Hafez Farsi, Abduls Muttersprache. Seine Eltern waren 1991 geflüchtet, beim ersten Taliban-Drama. David Hafez, angehender Lehramtsstudent, wurde in Deutschland geboren. Nun nimmt er Abdul unter seine Fittiche, dessen Scheu sich im Verlauf der folgenden drei Stunden sichtbar verringert.

Die Probe nimmt Fahrt auf

Erst aber nimmt die Probe weiter Fahrt auf, mit zunehmend komplexeren Improvisationen. Es werden Duos gebildet, mit wechselseitiger Führung allein durch den Blick auf die zugewandte Partner-Handfläche. „Spürt den Anderen ohne ihn zu berühren, seid aufmerksam, arbeitet mit dem Raum!“ In freier Bewegung schließlich, wenn das imaginäre Seil mal ganz lang, dann kurz und wieder lang fast wie die Hallen-Diagonale wird. Es geht um Beziehung, um Nähe und Distanz, Konflikt und Harmonie. Um Gefühle und wie sich aus den Interaktionen kleine Geschichten entwickeln.

Genau diese Vorgehensweise gefällt den Zwillingsschwestern Sara und Chiara, weshalb sie auch ihre Freundin Clara beim Start im Frühjahr überzeugt haben mitzumachen. In einer Trinkpause erklärt Clara ihre gewachsene Motivation: „Sonst ist man doch sehr damit beschäftigt, wie man auf andere wirkt, will nicht komisch erscheinen oder sonst was falsch machen. Hier aber gibt es kein falsch, sondern nur richtig. Man ist komplett frei!“ „Ja“, ergänzt Chiara, „man wird nicht gejudged“, also nicht beurteilt, benotet, bewertet. Man lerne, „sich selbst und seiner Intuition zu vertrauen, und man entwickelt Kreativität“. Im Übrigen, da ist sich das Freundinnen-Trio, alle 16, ebenfalls einig, baue man Berührungsängste ab, lerne mit Menschen mit Behinderung natürlich und selbstverständlich umzugehen. Und das alles strahle auch auf den Alltag ab: „Man wird insgesamt einfach selbstbewusster“, stellt Sara fest. Dazu gehöre auch, dass man nicht in eine fixe Rolle gesteckt werde, sondern alles spielerisch zusammen entwickle: „Am Ende wird eine Collage von lauter kleinen Geschichten da sein, und von allen ist etwas drin!“ Und klar doch: „Es macht Spaß!“

Unterschiedliche Kulturen kreuzen sich

Ein Faktor, der Ahmed nicht so leicht zugänglich ist: „Ich habe so viele Fragen über die Welt! Und viele Zweifel.“ Am liebsten möchte er daraus selbst ein Theaterstück machen, woran er auch schreibe. Eines aber weiß er: „Was ich hier mache, ist richtig.“

Für David Hafez gilt das sowieso: „In der Geschichte der Menschheit“, erklärt er, „kreuzen sich öfter die Wege von unterschiedlichen Kulturen. Theater vereint die Menschen, man kann vergessen, woher man kommt. Vor allem, wenn man sich dafür schämt.“ Und manchmal würden dann auch „Wunder geschehen, wenn man es schafft, über seinen Schatten zu springen“. Er selbst empfinde sich als „so eine Art Wunder“, hinsichtlich der Überwindung von Fremdheit und auch der Last der elterlichen Traumata: „Theater ist so ein Freiraum, wo sich auch diese kleinen, wertvollen zwischenmenschlichen Situation entwickeln können.“

Für Ismene Schell, Regisseurin, Theaterpädagogin und künstlerische Leiterin der Freien Bühne Stuttgart, ist allerdings nicht das pädagogische und inklusive Moment der Ausgang der Arbeit: „Es ist der künstlerische Anspruch, der dies mit umgreift, wofür wir in einem geschützten Raum den Rahmen schaffen.“ Gleichwohl sei dies „jedes Mal auch ein Balanceakt“, ergänzt Julian Knoth, Musiker und Performer, der ebenfalls zum Leitungstrio gehört wie die Regisseurin und Schauspielerin Magda Agudelo. Im Übrigen sei es ein wechselseitiges Lernen: „Und jedes Mal gibt es Momente der widerlegten gewöhnlichen Erwartung, wo es die Teilnehmer mit Handicap sind, die weniger Angst zeigen und die Impulse geben.“

Schell wiederum, die mit der Freien Bühne seit zehn Jahren inklusive Performances erarbeitet, unterstreicht: „Letztlich geht es um Ausdruck. Wir arbeiten nicht in einem pädagogischen Rahmen, sondern in der Realität. Ziel ist, für die Öffentlichkeit ein Stück auf die Bühne zu bringen. Auf dem Weg dahin passieren dann die persönlichen Entwicklungen.“ Besonderer Stimulus in der aktuellen Arbeit mit einem Dutzend Jugendlicher und junger Erwachsener sei die Musik, die das Duo „Afflatus Fusion“ geschaffen hat: „Wir schöpfen aus der Musik, die den poetischen Rahmen gibt. Sie regt uns an, ist das Innenleben, mit dem wir unser eigenes Innenleben verknüpfen. Musik ist das verbindende Element dieser Arbeit, die Sprache, die jede und jeder versteht.“

Es werden noch Mitspieler gesucht

Wichtig sei die Kontinuität der Arbeit, das Nachwachsen, die Mischung der Gruppe aus bereits erfahrenen und neuen Teilnehmern, „denn die neuen richten sich nach den alten, was automatisch ein gewisses Level schafft“. Auch deshalb werde noch weitere Mitspielerinnen und Mitspieler zwischen 14 und 25 Jahren gesucht. Bei Interesse direkt Kontakt aufnehmen mit Ismene Schell: 0179/648 54 47 oder mail@freiebuehnestuttgart.de. „Es ist ein niederschwelliges Angebot, niemand braucht Vorerfahrung“, betont Schell.

Unsere Empfehlung für Sie