InterviewTheaterstück zur Mobilitätskrise Schöner leben ohne Autos

Von Nicole Golombek 

Was wäre positiv am Niedergang der Autoindustrie, fragt das Citizen Kane Kollektiv mit „Stuttgart Wrackstadt“. Regisseur Christian Müller sagt im Interview, wie er sich in der Stadt bewegt und worin der Charme von Ruinen bestehen könnte.

Regisseur Christian Müller (39) fährt gerne Auto, aber nicht in der Stadt. Foto: Alexander Wunsch
Regisseur Christian Müller (39) fährt gerne Auto, aber nicht in der Stadt. Foto: Alexander Wunsch

Stuttgart - Das Citizen Kane Kollektiv ist eine freie Theatergruppe, die sich seit Jahren mit gesellschaftspolitischen Themen befasst. Zurzeit widmet sich das Kollektiv dem Thema Mobilität. Am 10. Juli hat ihre Performance „Stuttgart Wrackstadt“ Premiere im Figurentheater Fitz. Ein Interview mit dem Regisseur Christian Müller.

Herr Müller, fahren Sie Auto?

Ja. Ich fahre auch gerne im Cabrio im Sommer. In der Stadt bin ich aber vorwiegend mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs.

Radfahren in Stuttgart – mutig.

Besonders in Einbahnstraßen für Radfahrer – dass es die gibt, haben manche Autofahrer noch nicht verstanden. Ich habe mir angewöhnt, offensiv zu fahren, das funktioniert. Man muss sich durchsetzen.

Mit rabiaten Autofahrern hätten Sie keine Probleme mehr, wenn geschehen würde, wovon Ihre Produktion „Stuttgart Wrackstadt“ handelt, dass die Autoindustrie stirbt. Sie kündigen eine „schrecklich schöne Dystopie“ an. Was ist daran noch schön?

Abgesehen von Arbeitsplätzen und Geld bringt die Automobilindustrie nicht nur Positives. Architektonisch ist die Stadt durch die breiten Straßen, die vielen Parkhäuser in Mitleidenschaft gezogen, und auch die Luft ist in Stuttgart bekanntlich nicht gut. Wir denken, dass das Schöne darin bestehen könnte, dass es weniger Autos in der Stadt gibt und mehr Raum für kreative Ideen. Diejenigen, die es sich jetzt nicht leisten können, könnten eine Garage für ein Start-up mieten. Es gibt ja auch andere Städte wie Detroit, in denen sich der Niedergang einer Industrie im Stadtbild niedergeschlagen hat.

Auf welche Weise?

Es gibt ein riesengroßes Stadtgebiet, vereinzelt noch Häuser, viele davon zerfallen. In der Innenstadt existiert ein kleiner Bereich, wo die Stadt wieder aufgebaut worden ist, drumherum gibt es ein riesiges Gebiet mit viel Armut und noch weiter draußen einen Gürtel mit Einfamilienhäusern und Menschen mit Geld. Die Soziologie nennt das den Donut-Effekt. In Stuttgart sähe das allein schon wegen der Topografie sicher anders aus.

Was haben Sie sich für Stuttgart ausgedacht?

Wir spielen mit der Frage: Was ist, wenn nicht alles so bleibt wie bisher? Wir sind so ziemlich davon überzeugt, dass sich etwas ändern wird. Wir wollen den Horizont öffnen und Gedankenexperimente zuzulassen. Als Künstler wollen wir auch starke Bilder herstellen und das Undenkbare denken.

Denken Sie auch daran, wer wo noch wohnt und seinen Lebensunterhalt finanziert, wenn viele arbeitslos wären?

Wir haben lange recherchiert und versuchen auch zu schauen, wo die ruinösen Spuren positive Aspekte haben könnten. Natürlich ist uns bewusst, dass das mit erhöhter Kriminalität und sozialen Problemen einhergehen kann.

Sie sprechen von Recherche zum Projekt. Wie sah sie denn aus?

Wir arbeiten ja stets im Kollektiv und waren alle über einen längeren Zeitraum an der Recherche beteiligt. Wir hatten für das Projekt ein leer stehendes Gebäude in Stuttgart Ost zur Verfügung und haben ausprobiert, was in so einem Leerstand alles passieren könnte. Schnell haben sich Gruppen gebildet, befreundete Künstler kamen dazu, auch andere Menschen. Wir haben Workshops zum Thema gemacht, mit Experten und Expertinnen auch aus der Automobilindustrie gesprochen, Installationen und Konzerte veranstaltet. Es ging schnell, den Leerstand zu beleben.

Wie sieht das auf der Bühne aus?

Co-Regisseur Jonas Bolle und ich kreieren mit dem Kollektiv eine Performance, bei der wir verschiedene Aspekte unserer Recherche zu Mobilität und Autoindustrie aufgreifen. Wir agieren auch als Band und haben Songs geschrieben, wir erfinden Figuren – vom Diplom-Ingenieur bis zur Träumerin –, die mit ihren unterschiedlichen Positionen aufeinandertreffen. Wir bewegen uns zwischen dem Fiktionalen und Dokumentarischen. Es gibt keine klassische Narration wie etwa eine Geschichte über einen Menschen aus der Autobranche, der verelendet oder über einen Menschen, der ein Start-up gründet und reich wird.

Die Automobilkrise ist in den Medien dauerpräsent. Warum muss das auf die Bühne?

Stadt und Region sind von dieser Industrie abhängig. Und unser Eindruck ist, man hat keinen Plan, was man machen könnte, wenn die Industrie stirbt. Die Regierung erleben wir als defensiv, auch was den Umgang mit den Fahrverboten betrifft. Das Thema ist kontrovers. Die einen sagen, es wäre doch super, wenn sich etwas ändert. Die andern sagen, man darf das nicht einmal denken, sonst passiert das noch! Wir positionieren uns in dem Diskurs, wollen Möglichkeitsräume aufschließen.

Also betreiben Sie Politikberatung im Theater?

(lacht) Alle unsere Produktionen sind Politikberatung. Wir werden durch Förderungen von Stadt und Land bezahlt dafür, dass wir uns mit der Stadt auseinandersetzen. Und dass wir unser Wissen komprimiert in ein Stück von ein bis zwei Stunden zu packen, um den Zuschauern und Zuschauerinnen Ergebnisse vor Augen zu führen. Wir hoffen, dass sie das nicht passiv konsumieren, sondern dass sie sich selber ein Bild machen. Wir wollen keine eindeutige Antwort vorgeben, sondern setzen auf Ambivalenz. In unserer Arbeit fragen wir nach Leerstellen und die lösen bei den Betrachtern hoffentlich etwas aus. Schön wäre, wenn sie sich selbst fragen, wie sie die Leerstellen produktiv füllen würden.

Auch die Probegrube von Tobias

vor dem Schauspielhaus fragt nach Lücken im System, nach Möglichkeiten anderer Stadtplanung und damit nach der Frage, wie wollen wir leben.

Für mich ist der Ort eine interessante Installation, bei der ich mich aber sofort frage, wie kann man den Ort hacken, anders nutzen als gedacht? Er schreit danach, dass etwas passiert. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass da viel passiert. Stuttgart ist ein großer Meister darin, Orte für einen bestimmten Zweck zu schaffen, funktionale Gebäude, Einkaufszentren, Theaterräume. Was fehlt, ist unkontrollierter Freiraum.

Mit der vermurksten Sanierung des Schauspielhauses hat die Stadt aber doch gezeigt, dass sie nicht alles kontrolliert, das Theater wurde unfreiwillig zur Wanderbühne, aber das meinen Sie wohl eher nicht ...

(lacht) Eher nicht. Wir haben in dem Haus, das wir temporär nutzen konnten, weil es abgerissen werden sollte, interessante Erfahrungen gemacht: Man geht mit so einem Ort anders um. Man macht nicht viel kaputt, aber man traut sich ein bisschen mehr, man denkt größer und nicht nur das, was der Raum architektonisch vorgibt.

Und nun spielen Sie anders als sonst oft, wenn es Sie an den Hafen und andere Orte zieht, in einem ganz klassischen Raum: auf der Bühne des Figurentheaters Fitz.

Was wir in dem leer stehenden Gebäude erlebt und erforscht haben und auch schon mit „Die Stille der Stadt“ gezeigt haben, wollten wir in einen künstlichen, geschlossenen Raum versetzen. Das ist eine Herausforderung. Und die Zusammenarbeit mit dem Fitz läuft sehr gut.

Info

Premiere am 10. Juli, 20.30 Uhr, im Figurentheater Fitz. Weitere Termine: 11. bis 14. Juli. Kartentelefon: 07 11 / 24 15 41.