Tod von George Michael Ein Leben zwischen Exzess und Glamour

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Mit nur 53 Jahren ist George Michael an Herzversagen gestorben. Nicht nur mit „Last Christmas“ hat er Popgeschichte geschrieben. Ein Nachruf auf die Musikikone.

Skandalumwittert und glamourös: George Michael prägte die Popmusik –  jetzt ist der Künstler mit 53 Jahren in London gestorben. Foto: dpa 20 Bilder
Skandalumwittert und glamourös: George Michael prägte die Popmusik – jetzt ist der Künstler mit 53 Jahren in London gestorben. Foto: dpa

Stuttgart - Er hätte es nicht gewollt, ganz gewiss nicht – doch wie sonst sollte die letzte Reverenz an George Michael beginnen, wenn nicht mit „Last Christmas“. Dass er ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag gestorben ist, hätte der britische Sänger womöglich als makabre Ironie betrachtet; aber definitiv hätte George Michael es bedauert, wenn man ihn nur auf seine Rolle als jener Popstar reduziert hätte, dessen größter Hit auch 32 Jahre nach seinem Erstehen alle Jahre wieder rund um den Globus zur Weihnachtszeit heruntergedudelt wird.

Gewollt hätte George Michael, der als Georgios Kyriakos Panagiotou1963 in London geboren wurde, das Gedenken an das Lied „Last Christmas“ jedoch gewiss. So wie er auch gewollt hätte, dass sich die Menschen an „Careless Whisper“, „Wake me up before you go-go“ und „Freedom“ erinnern, die anderen drei Welterfolge, die er mit seinem Schulkameraden Andrew Ridgeley als gemeinsames Popduo Wham! feiern konnte. Und gewünscht hätte er sich gewiss auch die selige Erinnerung an seine Soloerfolge, allen voran „Faith“, den Titelsong des ersten Albums, das er nach dem Ende von Wham! veröffentlichte.

Insbesondere die bleibenden Gedanken daran hätte er sich vermutlich gewünscht, denn das Album markierte den Beginn einer künstlerischen Häutung und zugleich einer Selbstbefreiung. George Michael legte damit den Grundstein für eine Karriere als das, was heutzutage rar geworden ist: als Crooner. Als männlicher Unterhaltungskünstler, der keine Band um sich schart, der kein Instrument virtuos beherrscht, sondern der nur von seinem Charisma und seiner stimmlichen Präsenz am Mikrofon zehrt. Über einhundert Millionen Alben hat er so verkauft, zigtausende Zuschauer bei seinen Konzerten spielerisch um den Finger gewickelt, überall auf der Erde, auch in Stuttgart, zuletzt bei seinem Gastspiel in der Schleyerhalle vor fünf Jahren.

Unfälle unter Drogeneinfluss

Siebentausend Zuschauer kamen im Mai 2011 in Stuttgarts größte Konzertarena, das ist natürlich nicht wenig, aber die Halle war auch bei weitem nicht ausverkauft. Die Resonanz mochte dem künstlerischen Stillstand geschuldet sein, aber sie drückte auch eine gewisse Irritation seines Publikums aus. Denn hinter George Michael lag zu diesem Zeitpunkt eine kurze Haftstrafe wegen eines Verkehrsunfalls, den er, wie schon einige Crashs zuvor, unter Drogeneinfluss angerichtet hatte. Das wiederum rief die Erinnerung an den absoluten Tiefpunkt in der Vita des Musikers wach – den Abend des 7. April 1998, als George Michael in Los Angeles in einem öffentlichen Herrenpissoir verhaftet wurde, wo er Sexkontakt suchte und dabei an einen Polizeibeamten geriet.

Spekulationen machten anschließend die Runde, Michael habe es unterbewusst darauf angelegt, erwischt zu werden, eine Art öffentlichen Hilferuf gesendet, um auf sein durcheinander geratenes Seelenleben aufmerksam zu machen. George Michael hat später in einem Interview bestätigt, dass dem tatsächlich so war. Er litt, nicht nur in dieser Lebensphase, unter Depressionen, unter Schreibblockaden, er hatte viel und lange mit Drogenproblemen zu kämpfen. In der Summe ergeben sich daraus die Schattenseiten seines Lebens, die andere Seite einer Medaille, die auf der Vorderseite einen strahlenden Glamourboy und eleganten Star zeigte, der doch umgekehrt nach Unterstützung rang. Aus seiner Homosexualität indes hat er kein nennenswertes Geheimnis gemacht. Anfangs nötigte ihn die Plattenfirma zwar noch, sein Coming-out zu unterlassen, auch später bat er stets darum, seine Privatsphäre zu respektieren – doch seine Songs, da war er ganz Künstler, sprachen Bände. „Listen without Prejudice“ hieß sein zweites Soloalbum, den Song „Jesus to a Child“ auf seinem dritten Album „Older“ widmete er seinem verstorbenen Lebensgefährten Anselmo­ Feleppa.

Der unstillbare Ehrgeiz, die Mischung aus Hedonismus und Egoismus sowie das ständige Befeuern des Showcharakters der Popmusik, das waren noch so ein paar Dinge, die Kritiker und Spötter dem Sohn einer britischen Mutter und eines griechisch-zypriotischen Vaters krumm nahmen. Dem Publikum hingegen war das, zumindest anfangs, leidlich egal. Unzählige Teeniezimmer waren mit Wham!-Postern zutapeziert, in ihrer Popularität verdrängten die beiden stets blendend frisierten Jugendschwärme nahezu alle anderen Bands der Achtziger, in ihrer britischen Heimat rangierten sie auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs als Duo gleich hinter dem Königspaar.

Erfolgreich auch als Solokünstler

George Michael begriff all das jedoch nur als Zwischenstufe. „Ich will in die Geschichte eingehen“, sagte er, kaum über zwanzig Jahre alt. Den Weg dorthin sah er über eine Solokarriere führend. Zunächst funktionierte das auch. Zwanzig Millionen Exemplare vom Album „Faith“ setzte er ab, einen Grammy bekam er, auch das zweite Solowerk fand noch knapp zehn Millionen Abnehmer. Aber als er für das Video seines Remakes von „Freedom“ noch die seinerzeit weltbekanntesten fünf Topmodels engagierte, lag er bereits mit seiner Plattenfirma über Kreuz.

Der Rest der künstlerischen Karriere ist rasch erzählt. Best-of-Alben, ein wenig Beiwerk zur Vertragserfüllung gegenüber seinen Plattenlabels, 2004 schließlich die Ankündigung, sich aus dem kommerziellen Musikgeschäft zurückziehen zu wollen. Treu geblieben ist er sich da nur kurz, zwei Jahre später war er erstmals seit einer halben Ewigkeit wieder auf Tournee und läutete das ein, was man jetzt tragischerweise sein Alterswerk nennen muss.

Das Croonerleben auf den Showbühnen dieser Welt mit einem Orchester im Rücken, die Abende voller Retroromantik, hier ein Duett mit Paul McCartney, dort ein paar Galauftritte, strahlend und oft glänzend das alles. Andersherum standen dort mäßiger künstlerischer Erfolg, seine nach wie vor nicht zu bändigenden Suchtprobleme sowie sein Gesundheitszustand, der ihn vor fünf Jahren zu einer kompletten Tourabsage und einem mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt wegen einer Lungenentzündung zwang.

Irgendwo zwischen Erleuchtung und Wahnsinn, zwischen überkandidelter Rampenlichtsucht und allzu menschlichem Gestrandetsein, zwischen Weltruhm hier und globalem Spott dort, wie bei so vielen anderen Künstlern also auch, verlief das viel zu kurze Leben des George Michael, der am 25. Dezember im Alter von gerade 53 Jahren in seinem Haus im englischen Oxfordshire starb. Friedlich, am frühen Nachmittag an Herzversagen, wie sein Agent bestätigte. Und als letzter der großen Stars, die das für die Popmusik furchtbare Jahr 2016 gefordert hat. Hoffentlich jedenfalls. Sicher hingegen ist, dass George Michaels Vermächtnis nicht verklingen wird. In einem Jahr, zur kommenden Weihnachtszeit, wird man wieder „Last Christmas“ spielen. Man wird das Lied dann mit ganz anderen Ohren hören.




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