Krimikolumne

Thore D. Hansen: „Quantum Dawn“ Unter Raubtieren

Von  

Thore D. Hansen hat einen neuen Thriller geschrieben: In „Quantum Dawn“ geht es um die Frage, was geschieht, wenn ein wesentlicher Bestandteil der Finanzwelt, der so genannte Hochfrequenzhandel, außer Kontrolle gerät.

Thore D. Hansen hat sich auf realitätsnahe Thriller spezialisiert. Foto: Oliver Becker
Thore D. Hansen hat sich auf realitätsnahe Thriller spezialisiert. Foto: Oliver Becker

Stuttgart - Reihenweise springen Banker aus dem Fenster, hinzu kommt eine Reihe mysteriöser Todesfälle – die Finanzwelt ist in höchster Unruhe. Die Scotland-Yard-Ermittlerin Rebecca Winter, ebenso kompetent wie penetrant strebsam, entdeckt, dass es um einen Computer-Algorithmus geht, mit dem Maschinen an den Börsen selbstständig den Handel analysieren und innerhalb von Sekunden Millionenbeträge hin- und her schieben.

Aber ist die Software, hinter der alle her sind, nun für einen riesigen Betrug gedacht oder soll mit ihr das weltweite Finanzsystem zum Kollaps gebracht werden? Bei ihren Ermittlungen trifft Rebecca Winter auf Erik Feg, einen undurchsichtigen Mitarbeiter des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND), der außerhalb der Bürozeiten die verkrachte Existenz eines abgehalfterten Lebemannes führt. Gemeinsam macht sich das ungleiche Duo auf die Suche nach der Wahrheit. Was folgt, steht auf der Rückseite des 460-Seiten-Schmökers: „Am Ende stößt Winter auf einen Plan, der die uns bekannte Zivilisation bis ins tiefste Mark treffen wird.“

Bürgerkriegsähnliche Zustände

Mit weniger geben sich die Autoren apokalyptischer Thriller bekanntlich nicht zufrieden. Im Falle von Thore Hansens „Quantum Dawn“ ist das fast ein bisschen schade, denn eigentlich hat die Story die künstliche Dramatik gar nicht nötig. Das Thema, der Hochfrequenzhandel institutioneller Anleger, bei dem Hochleistungsrechner bisweilen selbstständig und eher mäßig kontrolliert nach programmierten Algorithmen den Markt analysieren und mit Wertpapieren im Millionenumfang handeln, ist hochaktuell und ebenso brisant. Die damit verbundene Kritik am entfesselten Raubtierkapitalismus, der dank ausgeklügelter Hebelprodukte auch dann noch verdient, wenn ganze Volkswirtschaften in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versinken, entstammt dem Repertoire von Globalisierungskritikern wie Jean Ziegler und Noam Chomsky, auf die sich Hansen im Nachwort ausdrücklich bezieht.

Viel Realität mit ein bisschen Fiktion

Wie nahe Hansen mit seinem Plot an der Realität ist, will der Leser womöglich gar nicht wissen. Der Autor selbst behauptet in einem Interview, dass 80 Prozent dessen, was er schreibe, bereits Fakt sei – einschließlich der mysteriösen Selbstmordserie unter Investmentbankern, die im Januar 2014 für Aufsehen sorgte.

„Quantum Dawn“ entwickelt seinen Sog also durch die gekonnte Mischung von viel Realität mit ein bisschen Fiktion. Das funktioniert größtenteils ganz ordentlich. Einzig die tragische Tiefe, die Hansen seinen Hauptfiguren Winter und Feg verschreibt, wirkt bisweilen bemüht. Da kommen dann Sätze heraus wie: „Und je tiefer sie in die Abgründe der Finanzwelt schaute, umso deutlicher krochen die verdrängten Schmerzen ihrer Familiengeschichte empor.“ Das muss doch wirklich nicht sein!

Thore D. Hansen: „Quantum Dawn“. Thriller. Europa Verlag, Berlin 2015. 464 Seiten, 16,99 Euro. Auch als E-Book, 12,99 Euro.