Tim Burtons Film „Big Eyes“ Wie misst man den Wert eines Bildes?

Von Kathrin Horster 

In dem Film „Big Eyes“, der am Donnerstag startet, erinnert Tim Burton an einen Kunstskandal von Gestern. Die einst hoch gehandelten Bilder von Walter Keane waren Kitsch – geklauter Kitsch obendrein.

Walter Keane (Christoph Waltz) täuscht hier nur an. Der viel Gefeierte gab die Bilder seiner Frau als die seinen aus. Foto: Verleih
Walter Keane (Christoph Waltz) täuscht hier nur an. Der viel Gefeierte gab die Bilder seiner Frau als die seinen aus. Foto: Verleih

Stuttgart - Los Angeles in den fünfziger Jahren. Saubere Häuser der Vorstadt, über die sich ein pastellfarbener Himmel spannt. Palmen säumen die Straßen, das Leben ist leicht und hell. Doch nicht für Margaret (Amy Adams). Ihre Existenz als Hausfrau und Mutter an der Seite ihres Ehemannes Frank ist kein Zuckerschlecken, und so haut sie eines Tages, als Frank zur Arbeit gegangen ist, einfach ab, mit nichts als ein paar Kleidern, Malutensilien und ihrer Tochter Jane (Delaney Raye) auf der Rückbank des Autos.

Tim Burton erzählt in seinem neuen, nur auf den ersten Blick konventionellen Film „Big Eyes“, wie Margaret, eine zierliche Frau mit wasserstoffblondierten Locken, im konservativen Amerika der Fünfziger zur Selbstständigkeit findet: als Malerin. Zuerst verkauft sie Bilder nur als Mitnahmeartikel auf Jahrmärkten. Aber dann begegnet ihr der smarte Walter (Christoph Waltz), der ihre naiven, kitschigen Bilder zu großer Kunst erklärt.

Geschichte eines dreisten Betrugsskandals

Daraus wird mehr als eine Ehe. Auch in der Realität, nicht nur in Burtons Film, mischte das Ehepaar Walter und Margaret Keane die Kunstwelt der späten fünfziger und sechziger Jahre auf.

In „Big Eyes“ zeichnet Tim Burton die unglaubliche, jedoch auf Tatsachen beruhende Geschichte eines dreisten Betrugsskandals nach und liefert das Porträt eines Paars, das die modernen Strategien der Kunstvermarktung maßgeblich beeinflusst hat. Er stellt die gerade wieder aktuelle Frage: Woran lässt sich der künstlerische Wert eines Werkes bemessen?

Burton stellt seinem Film ein Zitat von Andy Warhol voran, der die massenhafte Produktion seiner Bilder als Teil seines künstlerischen Schaffens begriff: „Wie kann etwas schlecht sein, was so vielen Menschen gefällt?“ Die Bilder der Keanes, die schließlich sogar als billige Posterdrucke in Kaufhäusern verramscht wurden, ließen die breite Masse der Bevölkerung an einer Sphäre teilhaben, die sonst nur elitären Zirkeln vorbehalten war. Die eigentliche Kunst der Keanes ist also nicht in ihren Bildern zu finden, sondern in der Unterwanderung eines Marktes, der bestimmt, wie Kunst auszusehen hat und wie teuer sie gehandelt wird.

Es bestehen durchaus Parallelen zum Fall Beltracchi

Viel dreister noch als Walter Keane ging der deutsche Fälscher Wolfgang Beltracchi vor, der 2011 in einem der größten einschlägigen Prozesse der Nachkriegszeit verurteilt wurde. Anders als Keane, der die Bilder seiner Frau als die eigenen ausgab, fertigte Beltracchi Bilder in der Manier bekannter Maler an, die er auf dem professionellen Kunstmarkt in Umlauf brachte. Wie Keane allerdings setzte auch Beltracchi dabei auf die Bedürfnisse und Vorlieben der Käufer. Der Markt verlangt nämlich nach immer neuen Meisterwerken, mit denen sich Sammler, Galerien und Museen profilieren können. Während Beltracchi Nachschub für die Eliten lieferte, machte Keane mit der Hobbykunst seiner Frau den großen Reibach durch Verkauf in der Breite. So oder so wurde Kunst aber von beiden als das betrieben, was viel Geld einbringt, nicht als Versuch, etwas zu schaffen, das besonders, eigenständig oder, um es in den Worten der Kunstkritik zu formulieren, „auratisch aufgeladen“ ist.

Die Infragestellung des Auratischen in der Kunst beschäftigte Künstler wie Jeff Koons oder Damien Hirst, die zu Beginn ihrer Karrieren vom Fachpublikum als Modeerscheinung abgetan wurden, deren Werke jedoch Höchstpreise erzielten.

Wie konnten sich Fachleute nur so täuschen?

Die Bilder, die Margaret in heimischer Akkordarbeit anfertigte und die Walter – das ist das eigentlich Tragische an der Geschichte – zunächst ohne das Wissen seiner Frau als seine eigenen verkaufte, anfangs sogar noch zu horrenden Summen, haben mit Kunst nichts zu tun. Das mag manchen erstaunen, wo Margaret, wie Burton gut erzählt, in ihrer Malerei ihre Gefühle ausdrückt, sogar eine eigenständige Bildsprache entwickelt und durchaus objektive Kriterien zu erfüllen scheint. Aber in der massenhaften Verbreitung ihrer Bilder in Form von Postern, Postkarten und Katalogen geht der persönliche Bezug, die so wichtige Aura des Künstlers restlos verloren.

John Canaday, Kunstkritiker der „New York Times“, im Film von Terence Stamp verkörpert, war der Einzige, der sich von Walter Keanes gewieftem Marketing nicht hinters Licht führen ließ und die Werke als beleidigende Scheußlichkeit verwarf. Doch wie konnte es dazu kommen, dass sich Sammler, Fachleute und Kunstliebhaber derartig täuschen ließen?

Burtons Film gibt darauf keine klare Antwort. Die Erklärung, dass der Erfolg des Keane’schen Œuvres allein auf die Taschenspielertricks des Marketingwunders Walter Keane zurückzuführen ist, scheint in der Realität um einiges zu kurz gegriffen. In „Big Eyes“ arbeitet Burton das Verhältnis zwischen Keane und seinen Fans aber überzeugend heraus.

Von den Fälschern werden noch viele lernen

Wie die Käufer ihrer Bilder ist auch Margaret Keane ein Opfer ihres Mannes. Zunächst unterwirft sie sich aus Liebe. Sie muss sich selbst dann durch einen langen Abnabelungsprozess als eigenständige Person und als Künstlerin erst wieder neu erfinden. Im Fall des Fälscherphänomens Beltracchi gestaltete die Ehefrau einvernehmlich den großen Schwindel ihres Mannes mit und wurde als dessen Komplizin inhaftiert.

Während die Geschichte der Margaret Keane allmählich in Vergessenheit geriet, zehrt das Fälscherpaar Beltracchi derzeit noch von seiner zweifelhaften Karriere. In zwei veröffentlichten Büchern sowie in der Dokumentation „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“ erhält die Öffentlichkeit Einblick in ihre Arbeit der Täuschung, die man jedoch durchaus als Gesamtkunstwerk verstehen kann.

Allerdings ist solch eine Subversions-Performance etwas, was sich den Preisauszeichnungsgesetzen des Marktes entzieht. Die einzelnen Werke, die Talmi-Teile der Aktion, müssen zwar hohe Preise erzielen, damit die Performance funktioniert, aber die kann keinem Sammler gehören, nur dem Betrachter von außen, der dafür nichts bezahlen muss. Keine Sorge, es wird Wiederholungen geben: von Keane und Beltracchi werden noch viele lernen.




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