Am Wochenende wird die Messe in Karlsruhe der Anlaufpunkt für Minihäuser: Bei der ersten Schau der Tiny Houses kommen Händler sogar aus Polen oder Belgien.

Geht das: Auf nur 17 oder aber 22 Quadratmeter zu hausen? Seit ein paar Jahren hält eine besonders minimalistische Wohnform auch hierzulande Einzug. Genannt werden die meist mobilen Behausungen Tiny Houses (wörtlich: sehr kleine Häuser). Sie gelten als supergünstig und besonders flexibel. Am Wochenende startet erstmals eine Messe, die nur allein den Minihäusern gewidmet ist, in der Karlsruher Messe – im südlich gelegenen Vorort Rheinstetten.

Was haben Karlsruhe und das Wendland gemeinsam? Derzeit sind es die Tiny Houses, die beide Regionen verbinden. Sowohl in Karlsruhe als auch im Wendland bei Lüchow entsteht gerade ein Boom. Vor Jahren verband das Thema Atomkraft: Im Hardtwald nördlich von Karlsruhe stand einst ab 1961 der erste Atomversuchsreaktor überhaupt in Deutschland, im Wendland, der niedersächsischen Region, protestierte man gegen ein Endlager Gorleben. Beides ist Geschichte. Bei Tiny Houses haben das Wendland und die Region Oberrhein erneut eine Gemeinsamkeit.

Die Zwerghäuser kommen aus dem Norden

Gebaut werden die Minihäuser vor allem in einigen der nördlichen Bundesländer. Rund 600 Kilometer sind es, die Benny Stetzka an diesem Mittwoch mit seinem XXL-Anhänger bereits hinter sich hat. Um 6 Uhr in der Frühe startete er in Oldenburg, im Schlepptau sein 7,3 Meter langes „Tiny“-Gefährt. Rund sieben Stunden dauerte die Fahrt mit Doppelspanner zum Gelände der Messe Karlsruhe. Höchstgeschwindigkeit der Reise: 80 Kilometer die Stunde. Mehr darf er damit auf deutschen Autobahnen nicht.

Der 2,55 Meter hohe XXL-Wohn-Anhänger wiegt die maximal erlaubten 3,5 Tonnen. Nach einer Stunde Pause geht’s ans Aufbauen. Möbel, Küche, Matratzen und Vorhänge sind in der Zugmaschine von Stetzka dabei. 17 Quadratmeter Fläche hat der Innenraum von Tiny Nr. 5 Typ Skadi, weitere fünf die Ablage oben und der Bereich für das Hochbett. Etwa 80 000 Euro kostet die Behausung.

Vermietet auch bei AirBnB

An Weihnachten, erzählt Stetzka, war er selbst für ein paar Tage im Tiny House – „zum Abschalten“. Ab dem Montag wird er alles wieder in umgekehrter Reihenfolge „rückabwickeln“: Dann geht es zurück damit nach Brake an die Unterweser, nördlich von Bremen. Dort soll das Minihaus tageweise in die AirBnB-Vermietung. Bis vor Kurzem war Benny Stetzka im Messebau tätig – nun ist er für seine Arbeitgeber von Winzig-wohnen.de Experte für Tiny Houses. Das Start-up wurde gegründet infolge der Corona-Messeflaute.

Auch in Karlsruhe hofft man auf den Auftrieb mit Tiny Houses: Nach kleinen Anfängen 2018 und 2019 – da lief es noch vor Corona auf dem Messegelände „neben anderen Events her“. Jetzt startet die Messe Karlsruhe unter dem Motto „New Housing“ das deutschlandweit erste „Tiny-House-Festival“. Es gilt schon jetzt als der wichtigste Treff von Anbietern und Interessenten der Minihäuser. Da kommt dann auch wieder das Wendland ins Spiel: Das ist wie erwähnt ein weiterer „Hotspot“ für Tiny Houses.

Dort gibt es seit 2020 am Gartower See das „Tiny-House-Dorf Wendland“ – und in Lüchow ein Tiny-Living-Festival. In Karlsruhe etablierte sich zur gleichen Zeit der überregionale Tiny-House-Verband – und an der Alb bei Waldbronn die erste Siedlung der Zwergenhäuser im Südwesten. Gut 50 Aussteller sind bis Sonntag auf dem Messegelände zugange; insgesamt 30 der Minihäuser werden temporär aufgestellt im Atrium inmitten der Messehallen – und auf einem Platz zwischen den Hallen 1 und 2.

Aussteller aus sieben Ländern

„Wir haben auch sieben Aussteller aus dem Ausland mit dabei, aus Polen, Lettland, Belgien, der Türkei und Rumänien“, sagt Tanja Stopper von der Messegesellschaft. Die deutschen Anbieter kommen vor allem aus Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Die Messe zeigt sich international.

Auch drei Minihaus-Experten von Tiny House Wohnträume aus Leer in Ostfriesland haben eine 600 Kilometer weite Anreise hinter sich. Kurz nach Mitternacht ging es los – die Ankunft des ebenfalls 7,3 Meter langen Wohn-Anhängers in Karlsruhe war rund zwölf Stunden später.

Die drei sind Mitarbeiter einer seit 40 Jahren etablieren Tischlerei – die sich mit den minimalistischen Wohnformen ein zusätzliches Standbein schaffte. Auch für sie geht es nach dem Abbau auf die lange Reise zurück. So wie beim polnischen Anbieter aus Raba Wyżna, südlich von Krakau, den lettischen Kollegen mit ihren Goahte Tiny House aus Skrīveri bei Riga oder Mooble House aus Istanbul. Sie treffen sich im Messe-Atrium in Karlsruhe mit Anbietern aus Munderkingen (Tinyhouse Studios), Nagold (Tiny Homeland) und solchen aus Bayern. Pioniere einer neuen Bewegung? Man wird es sehen.