Titanic Der Mythos ist unsinkbar

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Um den Untergang der Titanic ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden. Und das obwohl der Schiffbruch längst nicht der katastrophalste in der Geschichte ist.

Unzählige Legenden ranken sich um das Schiff Foto: dpa
Unzählige Legenden ranken sich um das Schiff Foto: dpa

Halifax - Würde man vom Mythos Tschernobyl sprechen, vom Mythos Nine Eleven oder vom Mythos Fukushima? Eher nicht, es sei denn, man wollte sich als Anhänger kruder Verschwörungstheorien zu erkennen geben. Aber die Rede vom Mythos Titanic ist allgegenwärtig, nicht erst im Jubiläumsjahr, da wieder eine Fülle von Studien, Abhandlungen, Enthüllungen mit dem Anspruch auftritt zu sagen, wie es wirklich war. Denn das gehört zur eigentümlichen Paradoxie der Arbeit am Titanic-Stoff: dass sich der Mythos noch (und gerade) in den Anläufen fortschreibt, die beanspruchen, seine Mystifikationen zu durchdringen.

Die Titanic wurde zum Protagonisten einer kulturellen Erzählung, die davon lebt, wie die großen Menschheitsmythen immer wieder neu und immer wieder anders erzählt zu werden. Jenseits oder parallel zur technischen, nautischen, politischen Rekonstruktion ihres Untergangs stieg die Titanic auf zum zentralen Leitbild einer sich selbst unheimlich werdenden Epoche. Daran hat sich nichts Wesentliches geändert. In Amerika soll die Kata­strophe neben Jesus Christus und dem amerikanischen Bürgerkrieg zu den drei meistdiskutierten Themen aller Zeiten zählen. Und das vor hundert Jahren untergegangene Schiff lebt fort in all den Sprachbildern, die seitdem die Zonen allgemeiner Verunsicherung durchkreuzen: die Floskel von der Schief­lage ist gewissermaßen nur die Spitze des Eisbergs, wo immer es um die Kollision von Natur, Mensch und Technik geht.

Der Schiffbruch ist einer unter vielen

Am Montag, dem 15. April 1912, versinkt das größte Schiff der damaligen Zeit auf seiner Jungfernfahrt, drei Stunden nach der Kollision mit einem Eisberg. 1500 der 2200 Passagiere ertrinken. Der Schiffbruch ist einer unter vielen, weder der größte noch der opferreichste. Wie die Kulturwissenschaftlerin Linda Maria Koldau in der jüngsten Umschrift des Geschehens zeigt („Titanic. Das Schiff. Der Untergang. Die Legenden“, C.H. Beck), geht die Titanic ­zugrunde am unglücklichen Zusammenwirken verschiedener, für sich betrachtet durchaus nicht schicksalhafter Umstände: Menschliche Fehlbarkeit, ökonomischer Druck, technische Unzulänglichkeiten, ein politisch und sozial aufgeladenes Spannungsfeld am Vorabend des Ersten Weltkriegs fügen sich, wenn nicht zu einer erschöpfenden, so doch hinreichend plausiblen Erklärung des Geschehens. Sie steht allerdings in einem asymmetrischen Verhältnis zu der anschwellenden Bedeutungsproduktion von Filmen, Büchern und Bildern, die bereits unmittelbar nach dem Unglück einsetzte.

Schon die Namensgebung rückt diese Geschichte in einen übergreifenden Zusammenhang. Die Titanen waren ein riesenhaftes Göttergeschlecht. Einer von ihnen, Prometheus, stahl den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen, wo es fortloderte, Entwicklung und Wohlstand brachte, um irgendwann auch einmal drei gewaltige Schlote der Titanic zu befeuern – der vierte übrigens war nur Attrappe. Die Himmlischen revanchierten sich für Prometheus’ Raub mit der Büchse der Pandora. So nahmen neben dem Fortschritt Unheil, Not und Leiden ihren Lauf.

Abbild der Klassengesellschaft

Mythen leben von Anschaulichkeit: Luxus, Hybris, Ungerechtigkeit bestrafen sie, ihre Denkform steht in Opposition zum Zivilisationsprozess mit seinen rationalen Vereinseiti­gungen. Wie kaum ein anderes Ereignis scheint das Schicksal dieser angeblich unsinkbaren Fortschrittsgaleere Zweifel an dessen Verheißungen zu schüren.

Bis ins Einzelne getreu liefert der Aufriss des Schiffs ein Abbild der edwardianischen Klassengesellschaft, die es hervorgebracht hat. Ganz unten werden als Heizer, Trimmer, Schmierer jene verheizt, die die Maschinen am Laufen halten. Dann die unterprivilegierten Massen, Auswanderer, unterwegs in ein besseres Leben. Mit ihnen machte die Schifffahrtsgesellschaft White Star Line ihren eigentlichen Gewinn, sie stellten auch die meisten Opfer. Obenauf, in märchenhaftem Luxus schwelgend, Leute wie die amerikanische Rechtsanwaltsgattin Charlotte Wardle Cardeza, die ihre Siebensachen für die fünf Tage Überfahrt in vierzehn Truhen, vier Koffern und drei Kisten mit sich führte, für die schließlich im Rettungsboot endende Passage allerdings auch umgerechnet mehr als 200 000 Euro zahlen musste.

Sie und ihresgleichen dürften einen Großteil der 34 000 Kilo Frischfleisch, der 11 300 Kilo Wild und Geflügel, der 2000 Liter Speiseeis verzehrt haben, die nebst anderen Schlemmereien die Liste der Lebensmittel ausweist. Darben freilich musste niemand angesichts von mehr als 800 Zentnern Kartoffeln. In endlosen Aufstellungen von Passagieren und Gütern buchstabiert sich ein sozialer Mikrokosmos aus. Die Titanic erscheint wie eine umgekehrte Arche: sie reproduziert nicht das unschuldige Leben, sondern die problembehaftete Welt.

Mit der Wucht Tausender von Brutto­registertonnen lassen die Riesenschiffe aufgrund ihrer schieren Größe das Spannungsverhältnis zur Kleinheit des Menschen offenbar werden, der sich gleichwohl als Schöpfer dieses sein Maß übersteigenden Gebildes erfahren darf. Im Normalfall resultiert daraus ein triumphales Bild­motiv, im Ausnahmefall ein monumentales Emblem. Embleme enthüllen über ihren eigentlichen Bildgehalt hinaus Sinnzusammenhänge. Die mit hochgerecktem Hinterteil in die Tiefe rauschende Titanic wird rasch zum universalen Zeichen einer Stimmung, wie sie Sigmund Freud später auf den Begriff eines Unbehagens an der Kultur brachte, auch wenn sich die psychoanalytische Folklore nicht durchgesetzt hat, die Jungfernfahrt und den phallischen Eisberg in einer Deflorationsgeschichte zu vereinen. Keinen Phallus, sondern den Zeigefinger Gottes glaubten die Zeitgenossen zu erblicken. Als solcher wurde das in die Luft ragende Heck seitdem verstanden. Doch über die Frage, was genau der liebe Gott zeigen wollte, gehen die Meinungen auseinander.

Nostalgiker träumen entlang unterseeischer Wrackbilder dem festlichen Nachhall einer versunkenen Epoche nach; reaktionäre Ideologen loben die sich im Untergang behauptenden traditionellen Werte von Haltung, Ehre und Familie; Fortschrittsskeptiker geißeln den menschlichen Hochmut; Fortschrittsapostel preisen die Beispiele weiblicher Tatkraft; Klassenkämpfer verweisen auf die namenlose Masse der Nichtgeretteten dritter Klasse im Bauch des Schiffes; und zynische Snobs freuen sich an der bis zuletzt schönen Musik der wackeren Bordkapelle, streiten freilich mit den Gottesfürchtigen darüber, ob ein einfacher Ragtime den Untergang begleitete oder das Kirchenlied „Näher mein Gott zu dir“.

Klassenschranken fuhren mit dem Schiff zur Hölle

Für all dieses hat sich ein von Film zu Film, von Buch zu Buch ausdifferenzierendes Setting gebildet, nebst der zugehörigen festen Personnage. Der erfolgreichste Evangelist der Schiffspassion, der Regisseur James Cameron, versöhnte in ihrem Zeichen oben und unten, Genres und Schichten und brachte damit den abgehalfterten Luxusliner des Monumentalfilms alten Schlages noch einmal auf Kurs. Vielleicht liegt in dieser grenzüberschreitenden Eucharistie eine späte Entschädigung für die fatalen Klassenschranken, die mit dem Schiff zur Hölle fuhren.

Die realen Machtverhältnisse sind heutigen Kreuzfahrtschiffen nur noch vermittelt anzusehen. Die Tourismusindustrie hat den Luxus demokratisiert. Auch wer keine vierzehn Reisetruhen sein Eigen nennt, darf es sich mittlerweile, wenn auch nur für eine beschränkte Frist, auf dem Oberdeck bequem machen. Doch Kata­strophen gibt es immer noch. Unbestritten besitzt auch das vor der kleinen italienischen Insel Giglio gestrandete Kreuzfahrtschiff Costa Concordia – verglichen mit der Titanic eine Westentaschenhavarie – emblematische Qualitäten. Es zeugt vom Missverhältnis zwischen menschlicher Anfechtbarkeit und der ins Unermessliche angewachsenen Größe der Verantwortung.

Deutschlands bekanntestes Satiremagazin heißt Titanic

Und ist die burleske Gestalt des braun gebrannten Capitano Schettino, der mit dem mediterranen Übermut eines Vespa-Fahrers Menschenleben und Milliardenwerte an die Wand steuerte, nicht ein Gegenstück zu all den anderen Lenkern und Hasardeuren, in deren Händen das Schicksal vieler liegt, die auf der Brücke droben eitel vor sich hin werkeln, während der ihnen an­vertraute Riesentanker unaufhaltsam auf Grund läuft? Freilich zum Mythos taugt das nicht, eher zur Satire. Aber gehört nicht beides ohnehin zusammen?

Deutschlands bekanntestes Satiremagazin trägt den Namen des tragischen Schiffs im Titel. Und was ist Satire anderes als ein Spiel mit gesellschaftlichen Schräglagen? Am Ende findet jeder große Mythos das Satyrspiel, das zu ihm passt.