Titanic Endstation Halifax

Von Susanne Hamann 

Die „Titanic“ war auf dem Weg von Southampton nach New York. Bekanntermaßen kam sie dort nie an, sondern sank nach der Kollision mit einem Eisberg. Den Großteil der Opfer des Schiffsunglücks hat man in Kanada begraben.

Die kanadische Hafenstadt Halifax ist eng mit dem Schicksal der „Titanic“ verknüpft Foto: One Penny –  Adobe Stock 7 Bilder
Die kanadische Hafenstadt Halifax ist eng mit dem Schicksal der „Titanic“ verknüpft Foto: One Penny – Adobe Stock

Halifax - Die Eisenbahn ist schuld. Hätte Halifax nicht schon damals über eine sehr gute Schienenanbindung verfügt, wären die Toten der „Titanic“ nicht hierhergebracht worden. Als das Schiff in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im eisigen Nordatlantik gegen einen Eisberg fuhr und sank, war die Stadt St. John’s in Neufundland der nächstgelegene Ort an Land. Aber Neufundland ist eine Insel und war somit damals vom Rest des amerikanischen Kontinents aus schwer erreichbar. Daher entschied sich die Reederei White Star Line, die Bergung der Opfer ihres tragisch havarierten Flaggschiffes über Halifax abzuwickeln. Denn während die Überlebenden von der zufällig in der Nähe fahrenden „Carpathia“ vom Konkurrenzunternehmen Cunard Line gerettet und nach New York gebracht worden waren, trieben viele der rund 1500 Toten noch an der Unglücksstelle.

Wer könnte die körperlich anstrengende und emotional belastende Bergung übernehmen? Auch hier punktete Halifax. Die Hauptstadt der kanadischen Provinz Nova Scotia war seinerzeit Heimathafen von Schiffen, die bei Reparaturarbeiten von Telegrafenkabeln auf See schon manchen Sturm erlebt hatten. Vier dieser Dampfer wurden gechartert. Als sie nach drei Tagen Fahrt an der 1100 Kilometer entfernten Unglücksstelle ankamen, muss sich ihnen ein schlimmer Anblick geboten haben: „Die Leute trieben dort bereits einige Zeit in ihren Rettungswesten und waren in keinem schönen Zustand“, sagt Jason Climie.

Der 42-Jährige ist Gästeführer im Maritimen Museum von Halifax und ein Kenner der „Titanic“-Geschichte. Er erzählt bedrückende Details: Viele Opfer, vor allem die aus der dritten Klasse und aus den Reihen der Crew, wurden kurzerhand direkt auf See bestattet – ein anglikanischer Priester an Bord sprach eilig die Sterbesakramente. Nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ hätte die Reederei die Sache am liebsten möglichst still und leise aus der Welt geschafft. Doch der Druck der Öffentlichkeit wuchs. „Die White Star Line gab schließlich die Anweisung, alle und jeden zu bergen. Ursprünglich wollte man nur die Passagiere der ersten Klasse aus dem Wasser holen“, erzählt „Titanic“-Experte Climie.

Leid geprüfte Stadt: Die Halifax-Explosion forderte 2000 Tote

Die meisten der geborgenen Toten, insgesamt fand man 306, nahm ein unter britischer Flagge fahrendes Kabellegerschiff namens „Mackay-Bennett“ an Bord. Jeden Leichnam verpackte man in einem nummerierten Stoffsack, gemeinsam mit allen am Körper und in der Nähe gefundenen Habseligkeiten. Dieses Vorgehen sollte die Identifizierung erleichtern. Einer dieser Stoffsäcke gehört heute zu den Ausstellungsstücken im Maritimen Museum.

„Das System mit den Säcken wurde auch fünf Jahre später bei der Halifax-Explosion angewendet“, erzählt Jason Climie. Dieses Unglück, dem sich ein weiterer Ausstellungsbereich widmet, forderte mehr Opfer als der Untergang der „Titanic“. 2000 Menschen starben, als 1917 an Pier Nummer 6 im Hafen von Halifax zwei Schiffe kollidierten. Ein norwegischer Frachter stieß mit einem französischen Munitionsschiff zusammen – die „Mont-Blanc“ explodierte, und eine gewaltige Detonation machte das Stadtviertel Richmond dem Erdboden gleich.

Doch zurück zur Bergung der „Titanic“-Opfer. Die Körper wurden an Land gebracht und in einer provisorischen Leichenhalle aufgebahrt. „Man funktionierte kurzerhand die Eisbahn des örtlichen Curling-Clubs um, dort war es entsprechend kühl“, erzählt Jason Climie. Einige der Opfer wurden von ihren Familien mitgenommen, Züge überführten sie in die Heimat. Um andere kümmerte sich niemand. Bei manchen konnte nicht einmal die Identität geklärt werden.

Die Identität mancher Toten wurde erst durch DNA-Tests geklärt

Auf dem Fairview-Lawn-Friedhof auf einem Hügel hoch über Halifax trägt mancher dunkelgraue Granitstein daher nur eine Nummer und das Sterbedatum. 121 Opfer wurden hier bestattet, alle gemeinsam in einem extra eingerichteten Bereich. Die schlichten Steinquader stehen auf Betonsockeln, die in zwei geschwungenen Linien angeordnet sind. Die Ellipse soll den Umriss eines Schiffs symbolisieren. Dazwischen wächst kurz geschorener Rasen. Die Gräber von 19 weiteren Opfern findet man auf dem katholischen Mount Olivet Cemetery, zehn wurden auf dem jüdischen Baron de Hirsch Cemetery bestattet.

Vor allem der städtische Fairview Lawn Cemetery wurde zur Pilgerstätte der Menschen, die sich vom Schicksal der „Titanic“ seltsam berührt fühlen. Die melancholisch veranlagten Fans kommen hierher, wo die Geschichte vom angeblich unsinkbaren Schiff ihr tragisches Ende fand. Immer wieder werden Blumen auf den Steinen abgelegt. Die meisten Gaben bekommt die Grabstelle Nummer 227. Hier liegt ein gewisser J. Dawson. Joseph Dawson, geboren in Dublin, wohnhaft in Southampton, arbeitete als Heizer auf dem Luxusliner. Er rückte in den Fokus der „Titanic“-Fans, weil sie hinter ihm das reale Vorbild für die Figur vermuteten, die Leonardo DiCaprio im gleichnamigen Kinofilm spielte. Regisseur James Cameron beteuerte später, er habe die Hauptrolle völlig willkürlich „Jack Dawson“ genannt.

Das Schicksal des „unbekannten Kindes“

An manchen Steinen ist trotz Nummer an der Oberseite seitlich ein Name eingemeißelt. „In diesen Fällen hat man die sterblichen Überreste Jahrzehnte später exhumiert und eine Genanalyse durchgeführt“, erzählt Jason Climie. So konnte zum Beispiel das Rätsel um das als „unbekanntes Kind“ berühmt gewordene Opfer Nummer 4 gelöst werden. „Die Besatzung der ,Mackey-Bennett‘ hatte ein Kleinkind aus den eisigen Fluten gezogen. Weil es keine Angehörigen hatte, sammelten sie aus Mitleid Geld, um ihm eine Beisetzung zu ermöglichen“, erzählt Jason Climie. Erst im Jahr 2006 wurde festgestellt, dass es sich um Sidney Leslie Goodwin, Sohn einer Auswandererfamilie aus England, handelt. Auf der „Titanic“ reiste er gemeinsam mit seinen Eltern und fünf Geschwistern. Alle kamen ums Leben.

Die braunen Lederschuhe, die der 19 Monate alte Junge trug, als man ihn fand, stehen heute im Museum von Halifax. Im Jahr 1912 hatte ein Polizist die Schuhe an sich genommen. Eigentlich sollten alle Habseligkeiten der Opfer verbrannt werden, um sie vor Souvenir­jägern zu schützen. Der Sergeant brachte es nicht übers Herz, die Schuhe den Flammen zu übergeben, und bewahrte sie heimlich auf. Nach seinem Tod stifteten die Erben die Schuhe dem Museum. Auch sie kamen also über Umwege an ihr letztes Ziel, nach Halifax.