Torten mal anders Grusel-Konditorin bäckt Albträume

Von Stefan Wagner 

Annabel de Vetten ist Spezialistin für alles, was uns Unbehagen bereitet. Im Interview verrät die Grusel-Konditorin, dass sie sich als Bildhauerin mit Marzipan sieht – und dass manche Sachen selbst sie nicht backen würde.

Ein Kopfpräparat als Torte: Hat die Konditorin ihn als Geburtstagskuchen für einen Anatomieprofessor gebacken? Foto: Annabel de Vetten 14 Bilder
Ein Kopfpräparat als Torte: Hat die Konditorin ihn als Geburtstagskuchen für einen Anatomieprofessor gebacken? Foto: Annabel de Vetten

Los Angeles Die deutschstämmige Grusel-Konditorin Annabel de Vetten hasst rosarote Cupcakes. Kein Wunder, sie ist eine Spezialistin für alles, was uns Unbehagen bereitet -

Frau de Vetten, wie morbide muss man sein, um Totenschädel aus Schokolade zu backen oder Augäpfel aus Zucker?

Sehr morbide. Ich habe eine besondere Vorliebe für alles, was sich um Verfall, Tod und Untergang dreht. Der Tod gehört zum Leben, und er ist ja auch eines der wichtigsten Themen in der Kunst. Er hat Künstler schon immer in seinen Bann gezogen – und mich eben ganz besonders. Das heißt aber nicht, dass ich ein trübsinniger trauriger Mensch bin. Ganz im Gegenteil.

Aber müssen es denn Eingeweide mit Zitronengeschmack sein?

Es ist ein großes Vergnügen, so etwas herzustellen – und ein noch größeres, das Produkt zu essen. Ich bin eine Bildhauerin, nur dass ich statt Marmor lieber Marzipan und Zucker verwende. Ich lasse mich inspirieren von Horrorfilmen, Gemälden in Museen, Darstellungen in alten Büchern. Am meisten mag ich es, wenn mich jemand anschreibt oder anruft und so beginnt: „Das mag jetzt etwas merkwürdig klingen, aber . . .“ Dann entwickle ich mit dem Kunden ein paar Ideen, und wir sind beide happy.

Gibt es denn auch Aufträge, die selbst Ihnen zu widerlich sind?

Was heißt widerlich? Das ist sehr relativ. Ich kann auch Abgründiges oder Ungewöhnliches – wie zum Beispiel ein seziertes Ferkel, einen Rabenschädel oder einen halb offenen menschlichen Kopf – so backen, dass es ästhetisch aussieht und vor allem prima schmeckt. Es gibt allerdings Sachen, die ich nicht backe: Genitalien zum Beispiel oder rosarote Cupcakes. Das sollen andere machen.

Sie waren Bildhauerin, Tierpräparatorin, Requisiteurin bei Horrorfilmen. Eine gute Vorbereitung auf Ihren jetzigen Beruf ?

Ich bin in Bad Homburg aufgewachsen und habe schon als Kind gerne und gut ­gebacken. Ich hatte schon immer eine Neigung zum Morbiden, hatte als Teenagerin eine Goth-Phase und bin schwarz gekleidet mit schwarzen Lippen auf Friedhöfen rumgelaufen. Mich zieht das Dunkle sehr an, ich bin der glücklichste Mensch der Welt, wenn ich meine Fantasie in der Backstube ausleben kann. Die Kombination aus Präparatorin und Bildhauerin hat mir tatsächlich die Augen geöffnet für Formen, Körper, deren magische Schönheit und deren Zusammensetzung und Bestandteile. So richtig habe ich aber erst mit dem Backen begonnen, als ich vor neun Jahren meine eigene Hochzeitstorte gebacken habe. Immer mehr Freunde wollten dann, dass ich auch für sie Kuchen mache. Ich habe die Bilder ins Netz gestellt, seitdem geht die Nachfrage durch die Decke.

Zu welchen Zeiten verkaufen Sie am besten?

Ich brauche kein bestimmtes Datum, um Morbides zu kreieren. Bei mir ist jeden Tag Halloween. Ich arbeite ohnehin das ganze Jahr an ähnlichen Themen. Viele Torten sind Auftragsarbeiten für Hochzeitstorten, besondere Geschenke, Promotion-Aktivitäten für Firmen. Ehrlich gesagt, finde ich den Sommer anstrengender. Ich muss teilweise vier Ventilatoren gleichzeitig laufen lassen, damit nichts schmilzt, es ist immer ein Rennen gegen die Zeit. Vor ein paar Jahren habe ich eine Torte für die Produzenten der Fernsehserie „Dexter“ gebacken, es war ein 1,80 Meter langer Kuchen in der Form des Hauptdarstellers. Daran habe ich mehr als hundert Stunden gearbeitet. Die Zutatenliste habe ich noch: 240 Eier, 55 Pfund Mehl, 44 Pfund Zucker.

Warum, glauben Sie, essen Menschen gern Kuchen, die eklig aussehen?

Gerade dieser Kontrast zieht meine Kunden an. Dass etwas, das auf den ersten Blick abstoßend aussieht, richtig lecker ist und man schließlich kaum genug davon bekommen kann. Es ist etwas Besonderes, ein Körperteil zu zerschneiden und dafür mit etwas Süßem belohnt zu werden. Es ist ein bisschen unanständig. Wenn ich dann meinen Kunden ins Gesicht schaue, während sie einen Finger oder ein Ohr essen, sehe ich, dass sie irgendwie zerrissen sind: „Das sollte mir nicht gefallen, aber ich liebe es.“

Was kostet eine Ihrer Schöpfungen?

Das ist extrem unterschiedlich, da gebe ich ungern Preise an. Manche Kuchen sind riesig – eine verwesende Frauenleiche in Lebensgröße zwischen Farnpflanzen –, andere extrem kompliziert, wie zum Beispiel eine Skeletthand. Für etwas Schwierigeres kommen wir schon mal gut in einen vierstelligen Eurobereich.