Eine Rattenplage in den Niederlanden verschreckt Einheimische und Touristen. Die Behörden wissen bisher nicht, wie umfassend das Problem ist – es wird schlicht nicht untersucht. Nun sollen die Ratten erst einmal gezählt werden über ein nationales Meldeportal.

Korrespondenten: Helmut Hetzel (htz)

Panik in einer Straßenbahn in Den Haag. Plötzlich rennt eine Ratte an den Sitzplätzen vorbei. Wie auf Kommando springen die Fahrgäste von ihren Sitzplätzen. Geschrei und Gekreische bricht aus, bis ein männlicher Passagier beherzt eingreift. Mit einem gezielten Fußtritt tötet er die Ratte. Beim nächsten Halt wird die Ratte von einem Schädlingsbekämpfungsteam, das Fahrgäste per Handy alarmiert hatten, fachgerecht entsorgt.

 

Sind die Ratten inzwischen überall?

Der Schock bei den Straßenbahnfahrgästen sitzt tief. Eine Ratte in der Straßenbahn. Das gibt es nicht oft. Aber es ist kein Einzelfall. Ratten sind in den Niederlanden in diesem Sommer überall. Ist es die Hitze, die die Nager, die viele gefährliche Krankheiten übertragen können, aus ihren dunklen Verstecken treibt? Oder ist die Rattenpopulation in den Niederlanden inzwischen dermaßen groß, dass die Nagetiere überall auf Nahrungssuche gehen müssen?

Fest steht: Die Ratten werden in den Niederlanden immer häufiger gesichtet, auch tagsüber und an Orten wo man sie überhaupt nicht sehen will. Sogar in der berühmten „Mall of the Netherlands“ in Leidschendam-Voorburg bei Den Haag, dem größten und wohl schönsten Einkaufszentrum der Niederlande. Die Zeitung „Algemeen Daglad“ veröffentlichte ein Video, das zeigt, wie eine Ratte dort in der Salattheke eines Restaurants herumspaziert und Salatblätter frisst.

Vor allem Touristen sind genervt von der Plage

Aus allen Teilen der Niederlanden wird gemeldet, dass Ratten immer häufiger auftauchen und gesichtet werden. Besonders schlimm muss die Rattenplage auf der schönen Wattenmeerinsel Texel sein, die als ein Touristenparadies gilt.

„Tanzen bei euch auch die Ratten auf den Tischen Samba? Am helllichten Tag? Ohne Scheu vor den Menschen?“ fragt eine deutsche Touristin im Internet, die sich „richtig angeekelt“ fühlte von den vielen Nagetieren auf Texel. Seitens der Inselverwaltung heißt es dazu in einer Erklärung: „Es gibt auf Texel keine Rattenplage. Es kommen aber auf Texel genau wie im Rest der Niederlande Ratten vor. Unbewusst schaffen Menschen günstige Lebensbedingungen für sie.“

Auf Texel sind inzwischen viele Grundeigentümer gegen die Schädlinge gemeinsam aktiv. Die staatlichen Richtlinien für Präventionsmaßnahmen umfassen beispielsweise die Beseitigung von Nahrung und Versteck- und Nistplätzen sowie die Einschränkung von Bewegungsmöglichkeiten. Auf diese Weise werden die Ursachen, die zu günstigen Lebensbedingungen für die Wanderratte führen, beseitigt.“

Aus dem ganzen Land hagelt es derzeit Meldungen über die Rattenplage. Aus Apeldoorn, Bilthoven, aus Enschede, aus der gesamten östlichen Provinz Twente. Aus Enschede berichtet Kim de Jong im „Algemeen Dagblad“: „Ich habe eine Ratte im Bett meiner ältesten Tochter angetroffen.“ Aus Enschede berichtet Cheryl Hermes: „Meine Schuhe werden von Ratten angefressen. Ich habe mindestens schon dreißig oder vierzig Ratten hier gesehen.“

Offizielle Stellen wissen nichts von einer Plage

Von manchen offiziellen Stellen wird die Rattenplage entweder ignoriert oder sie wird kleingeredet. „Wir können aus all diesen Meldungen nicht schließen, dass die Population der Ratten zunimmt“, heißt es seitens des „Zentrums für Tierplagen KAD“ in Wageningen. „Bei diesem schönen Wetter sind Menschen mehr draußen. Dann sehen sie auch mehr Ratten.“ Auch die nationale Gesundheitsbehörde „Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM)“ wiegelt ab. „Ob es landesweit eine Zunahme der Rattenpopulation gibt, können wir nicht sagen. In manchen Städten gibt es mehr in anderen weniger Meldungen über eine Rattenplage.“

Dass die Behörden nicht wissen, wie umfangreich das Phänomen Rattenplage in den Niederlanden in diesem Jahr ist, liegt auch daran, dass es nicht untersucht wird. Die Gesundheitsbehörde RIVM war in den vergangenen beiden Jahren ganz und gar mit der Bekämpfung der Corona-Pandemie ausgelastet und räumt ein: Zwischen 2014 und 2018 wurde die letzte große Untersuchung über die Rattenpopulation in den Niederlanden durchgeführt. Von den 25 untersuchten Städten und Gemeinden wurde damals aus zwölf Städten eine starke Zunahme der Rattenpopulation gemeldet. Drei Städte und Gemeinden meldeten eine Abnahme der Rattenpopulation. In den übrigen sei sie gleich geblieben.

Ein Meldeportal soll nun eine erste Übersicht verschaffen

Doch negieren kann man die Rattenplage in den Niederlanden nicht mehr. Nun wird darüber nachgedacht, einen nationalen „Meldepunkt Ratten“ einzurichten. Dorthin sollen die Städte und Gemeinde ihre Informationen melden, die sie über die Entwicklung der Rattenpopulation haben.