Tourismusprojekt in Wiesensteig Der Pfad zurück zur Sachlichkeit

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Der Baumwipfelpfad hat die Emotionen in Wiesensteig hoch gehen lassen. Zuletzt ist die Diskussion so eskaliert, dass sich jetzt alle wieder um Sachlichkeit bemühen.

Vor großer Köpfekulisse wirbt der Landrat für sein Leuchtturmprojekt. Foto: Hass/Rudel
Vor großer Köpfekulisse wirbt der Landrat für sein Leuchtturmprojekt. Foto: Hass/Rudel

Wiesensteig - Manchmal kann eine Eskalation wie ein reinigendes Gewitter wirken. Seit Monaten begegnen sich die Wiesensteiger mit wachsendem Misstrauen. Man begrüße sich nicht mehr mit Grüß Gott, sondern nur noch mit der Frage „Dafür oder dagegen?“, beschrieb der Bürgermeister Gebhard Tritschler die Stimmung in dem 2000-Einwohner-Ort. Seit die Pläne des Landkreises, des Landesforsts und der bayerischen Erlebnisakademie bekannt wurden, auf dem Bronnen beim Reußenstein einen Baumwipfelpfad anzulegen, prägen Vermutungen und Halbwahrheiten die Diskussion.

Am Wochenende war nun ein anonymes Pamphlet in vielen Wiesensteiger Briefkästen gelandet, in dem ein prominenter Gegner des Wipfelpfads massiv beleidigt wurde. Tritschler, selbst ein Befürworter des Projekts, hatte daraufhin die Bevölkerung eindringlich zur Mäßigung aufgerufen. „In keiner Weise ist es zu akzeptieren, wenn mit persönlichen Angriffen und Diffamierungen gearbeitet wird“, schrieb er in einem offenen Appell. Mittlerweile habe die Stadt Strafanzeige gegen unbekannt gestellt, erklärte er bei einer Bürgerversammlung am Dienstagabend im Wiesensteiger Schloss, bei der nicht nur der Moderator Albrecht Daur um Sachlichkeit bemüht war, sondern alle Beteiligten sich mäßigten. Nur wenige Zwischenrufe störten die Vorträge, die eine umfassende Information im Vorfeld des Bürgerentscheids am 7. Oktober bieten sollten. Rund 300 Wiesensteiger folgten konzen­triert den Ausführungen von Landrat, Bürgermeister, Investor und Experten.

Niedergang der stolzen Städtchens

Auch die beiden widerstreitenden Bürgergruppen erhielten Redezeit. Siegbert Ruf von der Bürgerinitiative Pro Baumwipfelpfad stellte den seit Jahren anhaltenden Niedergang des einst stolzen Städtchens in den Mittelpunkt. Mehr als 40 Prozent der Arbeitsplätze und zehn Prozent der Einwohner seien seit dem Jahr 2000 verloren gegangen. Der Tourismus sei die einzige Entwicklungschance. Für die Gegner, die im Gewerbe- und Fremdenverkehrsverein organisiert sind, verwies Heinrich Rothfuß darauf, dass mehr Verkehr die Lebensqualität mindere und weitere Fortzüge provoziere. Das begleitend geplante pädagogische Waldinformationszentrum sei lediglich ein Türöffner, um ein Projekt durchzusetzen, das vor allem einem Privatunternehmen Geld in die Kasse spüle und den natürlich gewachsenen Tourismus verdränge.

Kontra aus der Nachbarschaft

Unterstützung erhielt er vom Weilheimer Bürgermeister Johannes Züfle. Er wies auf ein Paradoxon in der Argumentation der Befürworter hin. Wie solle denn Wiesensteig von den jährlich rund 250 000 Besuchern profitieren, wenn der größte Teil der Gäste, wie vom Verkehrsgutachter prognostiziert, nicht über Wiesensteig, sondern über Weilheim und Neidlingen anreise?, wollte er wissen. Sollten sich die Wiesensteiger am 7. Oktober für den Wipfelpfad aussprechen, dürfte es aus den beiden Nachbargemeinden noch massiven Widerstand geben.

Am Ende der vierstündigen Veranstaltung waren die meisten Besucher zufrieden. Auch diese Information des Landrats dürften sie zur Kenntnis genommen haben: Stimmen sie mit nein, könnte es sein, dass der Baumwipfelpfad ein paar Kilometer weiter zieht. Drei Gemeinden im Biosphärengebiet Schwäbische Alb stünden bereit, um das Projekt zu realisieren.