Trickfilmfestival in Stuttgart Auto sucht Liebe

Der Mercedes in Julius Steinhausers Wettbewerbsfilm „Auto Nom“ hat Probleme. Foto: Festival 5 Bilder
Der Mercedes in Julius Steinhausers Wettbewerbsfilm „Auto Nom“ hat Probleme. Foto: Festival

Jetzt purzeln wieder die Bilder: Mit einer Gala im Gloria Kino ist am Dienstag in Stuttgart das 25. Internationale Trickfilmfestival eröffnet worden. Nur was für Kinder? Wer das glaubt, kann wirklich noch nie bei diesem Spektakel vorbeigeschaut haben.

Stuttgart - Nun herrscht in Stuttgart wieder Trickfilmzeit: Das 25. Internationale Trickfilmfestival ist in der Landeshauptstadt eröffnet worden. Bei einem Mix aus Sonne und Wolken am Himmel startete um 14 Uhr das Programm auf der riesigen Open-Air-Bühne auf dem Schlossplatz. Und abends um 20 Uhr trafen sich die Festgäste im Gloria Kino zur feierlichen Eröffnung. Bis zum Sonntag werden über 200 Veranstaltungen junge und alte Zuschauer von nah und fern locken – und Stuttgart wieder zum Zentrum der nationalen und internationalen Animationsfilm-Szene machen. Die Veranstalter erwarten rund 90 000 Besucher. Das Festival gilt als eines der wichtigsten für den Animationsfilm weltweit.

Und niemand sollte glauben, dass es hier immer noch nur um Kinderfilme geht (obwohl auch dies ja Grund genug für ein Festival sein könnte). Im Gloria kam zur Eröffnung auch ein erwachsenes Publikum wunderbar auf seine Kosten. Denn hier liefen sie gleich wieder: originell animierten Filme mit anarchischen Ideen und ungewöhnlichen Helden.

Der Mercedes in Julius Steinhausers knapp zwei Minuten kurzem Film „Auto Nom“ beispielsweise ist ein älteres Baujahr, dafür gut gelaunt, was man nicht nur an dessen sonnengelber Lackierung erkennt. „Autonoumos Rolf“ rollt, hüpft und tanzt ausgelassen durch eine menschenleere Großstadtkulisse, begleitet von Tom Jones klassischem Hit „It´s not unusual“, der blechern aus dem Autoradio scheppert. Die kieksende, künstlich hochgepitchte Sängerstimme klingt jedoch nicht mehr wie Jones sinnlich gurrendes Organ, sondern wie die vibrierend dünnen Stimmbändchen einer mechanischen Micky Maus. Den ollen Benz bringt der Song trotzdem auf Touren. Wie eine Tänzerin beim Pole Dance rotiert er behände um einen Masten, kippelt später seitwärts geneigt auf zwei Rädern. Aus der geöffneten Kofferraumklappe schwebt ein Bündel Luftballons in den pastellblauen Himmel.

Ernste Themen, aber immer kreativ

Das Auto, unser Heilig´s Blechle, hat im Gegensatz zum euphorischen Vehikel in Steinhausers Trickfilm in der Realität gerade nicht so einen guten Lauf. Dauerstau, Dieselskandal und tödliche Zusammenstöße zwischen Mensch und testweise selbstfahrender Maschine belasten das einst so innige Verhältnis.

Es ist jedoch keine Lösung, einfach wegzusehen, wenn es Probleme gibt. Das beweist nicht nur Julius Steinhausers humorvolle Auseinandersetzung mit dem Phänomen autonomes Fahren. Auch die sieben anderen Arbeiten von Trickfilm-Künstlern aus Deutschland, Irland, Kroatien, Frankreich und der Schweiz, die am Dienstagabend das 25. Internationale Trickfilmfestival in den Stuttgarter Innenstadtkinos eröffneten, widmeten sich auf kreative Weise ernsten Angelegenheiten unserer Zeit.

Die erste von insgesamt vier Filmrollen des internationalen Wettbewerbs präsentierte bei aller Kürze verblüffend tiefschürfende Werke zu aktuell brisanten Themen wie Krieg, Migration, kulturelles und individuelles Gedächtnis, zu Toleranz, Kooperation und Hilfsbereitschaft.

Eine sensible Parabel mit starken Bildern

Besonders bedrückend wirkte das Szenario, das der Deutsche Jonatan Schwenk in seiner etwa zehnminütigen Parabel „Sog“ entwickelt hat. In einer Kombination aus Stop-Trick, Realfilm und Zeichentrickelementen erzählt Schwenk eine Episode aus dem Leben schwarzfelliger Gnomwesen. In deren karger Felslandschaft haben sich nach einer Sturmflut einige Fische in den Ästen toter Bäume verfangen. Doch das klägliche Rufen der Tiere löst bei den Gnomen kein Mitleid aus, im Gegenteil. Es kommt zu brutalen Übergriffen, schließlich steht sogar ein Baum in Flammen, ein Fisch droht zu verbrennen. Als einer aus der Gnomensippe den Gestrandeten zur Hilfe kommt, wird auch er von der Gruppe attackiert und schließlich verstoßen.

Angesichts der zwar märchenhaft überzeichneten, dennoch sehr deutlichen Bilder liegt der Gedanke an die mangelnde Bereitschaft mancher EU-Staaten, Flüchtlinge aufzunehmen, nicht fern. Man denkt auch an brennende Unterkünfte, an Auseinandersetzungen von Asylbefürwortern und Gegnern. In nur zehn Minuten behandelt Jonatan Schwenk einen riesigen Problemkomplex auf anschauliche Weise und setzt dabei vor allem auf die emotionale Beteiligung der Zuschauer. Die Empathie für die grausam leidenden Fische und den einsam hilfsbereiten Gnom ist groß. Sie müsste sich nur in die Realität mit hinüber retten lassen.

Hoffnung verbreitet dagegen das neuneinhalbminütige Generationendrama „Late afternoon“ der aus Dublin stammenden, zeitweise in Stuttgart arbeitenden Künstlerin Louise Bagnall. Emily, eine alte, verwirrte Dame, schweift in Gedanken in ihre Kindheit zurück. Die Szenen aus ihrer Vergangenheit erscheinen Emily plastischer als die Gegenwart, sogar ihre Tochter Kate erkennt sie zunächst nicht. Bis sie ein altes Bild an Kates Geburt erinnert.

Zum Schluss entsteht ein schlüssiger, innerer Kosmos

Bagnall arbeitet mit reduzierten, zarten Handzeichnungen, die mithilfe des Computers zu einer flüssig bewegten Bildfolge animiert werden, und macht so sicht- und nachvollziehbar, wie sich einzelne Sinneseindrücke in der Wahrnehmung eines dementen Menschen zu einem eigenen, für sich schlüssigen inneren Kosmos fügen.

In „Obon“ gehen der Regisseur André Hörmann und die Animationskünstlerin Samo zusammen mit ihrer japanischen Protagonistin Akiko Takakura zurück zur historischen Katastrophe von Hiroshima. Takakura, Überlebende der 1945 gezündeten Atombombe, schildert zunächst die strenge, fast lieblose Erziehung durch ihren Vater. Die Explosion der Bombe hinterlässt bei ihr zwar ein Trauma, Akiko erfährt aber auch die unerwartete Zuwendung ihres Vaters. Die Zeichnungen von Samo bebildern drastisch die ruhige, zurückgenommene Erzählung. Schwerer Stoff, könnte man meinen, doch weder „Obon“, noch die anderen teils düsteren Stücke drücken aufs Gemüt. Vielmehr beeindrucken die vielfältigen Herangehensweisen, die unterschiedlichen Stile und Techniken. Es lohnt sich, hinzusehen.




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