Friedhelm Julius Beucher, der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, spricht über die „Let’s Dance“-Teilnahme von Heinrich Popow und das neue Image seiner Athleten.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Peter Stolterfoht (sto)

Köln - Unter dem Präsidenten Friedhelm Julius Beucher hat der Behindertensport in Deutschland seine mediale Präsens enorm erhöht. Das ist auch an diesem Freitag wieder zu sehen.

Herr Beucher, gehören Sie auch zu den rund dreieinhalb Millionen Fernsehzuschauern, die gerade am Freitagabend zu „Let’s Dance“ schalten?
Von den TV-Quotenerhebungen bin ich nicht leicht zu erfassen. Beim Auftakt der aktuellen Staffel war ich selbst Gast im Studio und als solcher von den Leistungen der Profi- beziehungsweise Hobbytänzerinnen und Tänzer so was von begeistert, dass ich mir alle nachfolgenden Sendungen zumindest in der Mediathek angesehen habe.
Lässt sich denn die Teilnahme des Paralympics-Siegers Heinrich Popow so deuten, dass der Behindertensport mittlerweile zum Quotenbringer taugt?
Festzuhalten ist jedenfalls, dass in einer sehr bekannten Fernsehsendung eines großen Privatsenders ein Sportler mit Handicap eine wichtige Rolle spielt, weil er eine tolle Leistung zeigt. Das ist eine besondere Form der Anerkennung, die zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.
Ordnen Sie es der Rubrik Inklusion zu, wenn ein oberschenkelamputierter Weitspringer und Sprinter in dieser Show mitmacht – oder hat der Sender vielmehr das Eigeninteresse, etwas Außergewöhnliches zu präsentieren?
Ich will nicht darüber spekulieren, welche Motive der Sender hat. Fakt ist, dass in diesem Fall Teilhabe ermöglicht wird, und das ist entscheidend.
Noch vor ein paar Jahren war der Behindertensport in Deutschland kein großes Thema, heute interessiert sich eine breite Öffentlichkeit dafür – auf jeden Fall während der Paralympics. Sind sie mit der Entwicklung zufrieden?
Das ist eine ganz tolle Entwicklung, die täglich besser wird, aber trotzdem noch viel Luft nach oben lässt. Aber natürlich vergesse ich auch nicht, in welch tiefem Keller wir angefangen haben.
Aus dieser Tiefen-Keller-Zeit stammt auch ein Interview von Ihnen, in dem Sie die Leute dazu animiert haben, mehr Berichterstattung über Behindertensport in den Medien einzufordern.
Auf diesen Ausspruch haben übrigens nicht nur die Zeitungen und Sender viel Resonanz bekommen, sondern auch ich selbst. Vielleicht hat das in der Folge zu einer Sensibilisierung beigetragen, wodurch dieses mediale Loch, das zwischen den Paralympics klafft, mehr und mehr geschlossen wird. Es gibt aber weiterhin viele Welt- und Europameisterschaften für Menschen mit Behinderung, die medial nicht angemessen abgebildet werden.
Fordern Sie die mediale Gleichberechtigung zwischen olympischen und paralympischen Sport?
Selbstverständlich, aber natürlich auch in der Relation zur Anzahl der Sportler, die die jeweilige Disziplin ausüben. Überhaupt nicht in den Medien vorzukommen, geht allerdings nicht.
Großbritannien gilt als ein Musterland im Behindertensport, auch weil die Sportler dort sehr erfolgreich sind. Hat das alles mit einer größeren finanziellen Unterstützung zu tun?
Die englische Wirtschaft ist prinzipiell bereit, mehr Geld in den Sport für Menschen mit Behinderung zu investieren. In Großbritannien werden im Unterschied zu Deutschland ganz gezielt einzelne Sportarten gefördert. Wir halten es mit dem Prinzip der Vielfalt, was automatisch zu einer Reduzierung der Förderung für den Einzelnen führt. Es gibt viele andere Länder, die das Geld ausschließlich ihren Spitzenathleten zukommen lassen. Das widerspricht aber unserer Überzeugung.
Die zuletzt beschlossene Reform im deutschen Spitzensport sieht die Gleichbehandlung von olympischen und paralympischen Athleten vor. Nur ein Lippenbekenntnis?
Auf keinen Fall. Es gilt jetzt aber natürlich auch, diese Präambel mit Leben zu füllen. Das gilt für die materielle wie die immaterielle Unterstützung der Athleten. Da sind wir aber auch schon auf einem guten Weg.
In Rio hat zuletzt ein deutscher Olympiasieger 20 000 Euro bekommen. Was hat der Gewinner in einem paralympischen Wettbewerb von der Sporthilfe erhalten?
Exakt das Gleiche. Sie sprechen übrigens mit der Person, die immer noch stolz darauf ist, sich bei dieser Frage einige Feinde gemacht zu haben. Diese Form der Gleichbehandlung wurde am Ende aber mit vielfacher Unterstützung durchgesetzt.
Streben Sie auch gemeinsame Wettkämpfe von Behinderten und Nichtbehinderten an – also das, was dem Weitspringer Markus Rehm zuletzt mit der Begründung verwehrt wurde, seine Prothese bringe ihm Vorteile?
Nicht prinzipiell, weil es natürlich viele Sportarten gibt, die in ihrer Ausführung überhaupt nicht miteinander zu vergleichen sind. Bei Markus Rehm liegt der Fall in meinen Augen anders. Ich bin bisher fest davon ausgegangen, dass ein fehlendes Bein ein Nachteil ist. Mit der Frage, ob es ein Vorteil sein kann, beschäftigt sich jetzt die Wissenschaft. So lange es keine eindeutige Antwort gibt, sollten Markus Rehm alle Wettkämpfe offen stehen. Aber wenn einer 8,40 Meter weit springt, ruft das eben auch Neider auf den Plan.
Ganz unterschiedlich behandelt wurde zuletzt der nachweislich dopingverseuchte russische Sport. Während das IOC Russland bei Olympia in Rio starten ließen, entzog der Behindertenweltverband IPC dem Team die Starterlaubnis. Der deutsche Paralympics-Sieger Niko Kappel sagt, er sei stolz auf einen solchen Verband. Sind Sie es auch?
Der Behindertensport-Weltverband IPC hat die ihm vorliegenden Beweise bewertet und aufgrund von flächendeckendem Doping die richtige Entscheidung getroffen. Doping ist Betrug und damit ein kriminelles Delikt, das bestraft werden muss. Dies gilt für den Sport in allen Ländern. Ja, der Deutsche Behindertensportverband ist stolz auf die Entscheidung des IPC, und das habe ich dem Präsidenten Phil Craven auch persönlich gesagt.
Ist Doping das Ergebnis der steigenden Popularität des Behindertensports? Es fließt mehr Geld, was die Versuchung erhöhen könnte, mit unerlaubten Mitteln zum Erfolg zu kommen.
Ich glaube da nicht an einen Automatismus. Das unbedingte Gewinnenwollen hängt nicht direkt mit dem Geld zusammen. Es wird immer Menschen geben, die – egal um was es geht –, versuchen werden, mit unerlaubten Mitteln Erfolg zu haben. Dagegen müssen wir ankämpfen.