TV-Tipp: Zwei Krimiklassiker auf Arte Gegen Nazis und Spießbürger

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Arte zeigt zwei Klassiker, die den Krimi zur Gesellschaftsentblößung nutzen. „Nachts, wenn der Teufel kam“ von 1957 mit Mario Adorf als Serienmörder spielt im Dritten Reich. Henri-Georges Clouzots „Die Wahrheit“ von 1960 bietet der jungen Brigitte Bardot eine tolle Rolle als Mordangeklagte.

Gilbert (Sami Frey) will Dominique (Brigitte Bardot) für sich. Foto: Arte/CPT Holdings Inc 10 Bilder
Gilbert (Sami Frey) will Dominique (Brigitte Bardot) für sich. Foto: Arte/CPT Holdings Inc

Stuttgart - „Wieso sind Sie eigentlich nicht in der Partei?“, fragt der SS-Gruppenführer Rossdorf (Hannes Messemer) aus dem Reichssicherheitshauptamt den Berliner Kripobeamten Kersten (Claus Holm). Das ist der drohende Hinweis darauf, dass Kersten vielleicht längst in Ungnade gefallen sein und das Gespräch mit seiner Verhaftung enden könnte. Kersten weiß keine Antwort, da lächelt sein Gegenüber, spielt mit der zivilen Geste des Zigarettenanzündens und sagt „Na ja, nicht meine Sache, Sie werden Ihre Gründe haben, ist ja klar.“ Das wirkt noch bedrohlicher, da unberechenbarer, als wenn er herumbrüllen würde. Zugleich ist es ein Hinweis, dass auch Rossdorf nicht ganz und gar an das System glaubt, was ihn aber nicht hindert, die Beinahe-Allmacht auszukosten, die es ihm leiht.

Keine neutralen Winkel

Verblüffend viele so erhellende Kleinigkeiten hat der aus dem US-Exil zurückgekehrte Regisseur Robert Siodmak 1957 in seinen 1944 spielenden Krimi „Nachts, wenn der Teufel kam“ gepackt. Er zeigt, wie ein Unrechtsstaat sich von der Zuarbeit vieler nährt, ohne dass irgendeiner seiner Helfer ganz von ihm überzeugt sein muss. Und er führt vor, dass es keine neutralen Winkel und kein normales Arbeiten unberührt von Ideologie gibt.

Kersten ist ein Zusammenhang zwischen Frauenmorden aufgefallen. Er vermutet einen Serientäter. Bald hat er einen Hauptverdächtigen, den minderbemittelten Speditionshelfer Bruno Lüdke, den Mario Adorf in seiner Durchbruchsrolle so animalisch vital und zugleich kindlich naiv spielt, dass man die Augen nicht abwenden kann. Aber Kersten gerät in die Mühlen der Politik: Er soll immer nur das finden, was zur Propaganda passt.

Warten auf die Liebe

Arte zeigt „Nachts, wenn der Teufel kam“ im Doppelprogramm mit einem anderen Klassiker, der den Krimi als Mittel zur Gesellschaftsentblößung nutzt: Henri-Georges Clouzots „Die Wahrheit“ von 1960. Brigitte Bardot spielt hier die 21-jährige Dominique Marceau, die in Paris unter dem Vorwurf des Mordes vor Gericht steht. In Rückblenden entwirft Clouzot das Lebensbild einer großstädtischen Jugend, die sich nicht mehr nach den Moralvorstellungen der Älteren richtet. Locker befreundet zu sein, zwischendurch auch mal miteinander zu schlafen, ohne Verwicklungen und Besitzansprüche, scheint ihr eine ideale Form des Wartens auf die Liebe.

Clouzot stellt die Bilder dieser Lebensform hart gegen ihre Verzerrung vor Gericht. Aggressive, selbstgerechte, frustrierte Spießer höhnen und dröhnen gegen eine angebliche Verwahrlosung, die notwendig auch zum Mord führe.

Intolerante Heuchler

Die bitterste Pointe an diesem jedes Vertrauen in eine faire Gerichtsbarkeit erschütternden Film ist der wahre Eiterherd in Dominiques Umfeld: ein junger Mann mit besten Anlagen, Gilbert (Sami Frey), talentierter Student der Dirigentenklasse an der Musikschule, einer, den Richter, Staatsanwalt und Geschworene von vornherein für eine Ehrenmann halten wollen, einen brauchbaren Schwiegersohn. Der bringt mit seiner Eifersucht, Herrschsucht und Egozentrik Unglück über Dominique. Doch schon lange vor der Verhandlung sehen die Kleinbürger drum herum nur das, was sie sehen wollen, den guten Jungen und die Schlampe nämlich.

Die kalte Wut in diesem Film rührt auch daher, dass Clouzot damals ein Verfemter im französischen Kulturbetrieb war. Man warf ihm vor, während der Naziherrschaft im okkupierten Frankreich Filme gedreht und ein Studio geleitet zu haben, also kollaboriert zu haben. Clouzot zeigt Amtsträger und ein Bürgertum, das sich in seiner autoritär-stumpfsinnigen, intoleranten Heuchlermoral von den Nazis nicht arg unterscheidet. Und das viel weniger an der Wahrheit als an der Bestätigung eigener Vorurteile interessiert ist.

Ausstrahlung: Arte,
Montag, 23. März 2020: „Nachts, wenn der Teufel kam“ um 20.15 Uhr, „Die Wahrheit“ um 21.55 Uhr