TVB Stuttgart gegen HC Erlangen Handball-Trainer Rolf Brack gibt zu: „Ich habe die Adrenalinausschüttung vermisst“

Jubelt der TVB auch nach dem Heimspiel gegen den HC Erlangen? Foto: Baumann
Jubelt der TVB auch nach dem Heimspiel gegen den HC Erlangen? Foto: Baumann

In der Handball-Bundesliga geht es im Abstiegskampf ganz eng zu. Eine wichtige Partie im Kampf um den Klassenverbleib steigt diesen Donnerstag (19 Uhr) zwischen dem TVB Stuttgart und dem HC Erlangen.

Sport: Joachim Klumpp (ump)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - In der Handball-Bundesliga kommt es an diesem Donnerstag (19 Uhr, Scharrena, 200 Restkarten) zu dem brisanten Duell des TVB Stuttgart gegen den HC Erlangen. Die Brisanz der Partie liegt nicht nur im Abstiegskampf, sondern auch darin, dass bei Erlangen die Trainer-Legende Rolf Brack (66) auf der Bank sitzt. Der sagt im Interview: „Wir sind in Stuttgart sicher nicht Favorit.“

Herr Brack, Sie waren vergangenes Wochenende erstmals nach 14 Tagen als Trainer des HC Erlangen wieder zu Hause, wären Sie nicht gerne gleich bis zum Spiel beim TVB Stuttgart hier geblieben.

Ich bleibe dann nach dem Spiel in Stuttgart – unabhängig vom Ergebnis.

Sie waren ja all die Jahre als Handball-Trainer ein „Heimschläfer“. Wie kommen Sie denn jetzt in Erlangen zurecht ohne die gute Seele Ihrer Frau?

Eigentlich besser als erwartet. Ich bin dort in einem Aparthotel untergebracht. Wo die Wäsche gewaschen, das Zimmer gereinigt wird und man auch zu Essen bekommt, also die Dinge des Alltags mir abgenommen werden. Und um die Ecke gibt es auch noch einen Italiener. Dort herrscht eine sehr heimelige Atmosphäre und es gibt auch schon ein paar soziale Kontakte. Von daher gibt es überhaupt keine Probleme.

Warum haben Sie sich das Abenteuer Bundesliga überhaupt noch einmal angetan?

Bei der EM hat es schon gekribbelt, als ich ständig die Spiele angeschaut und auch Analysen gemacht habe. Die Anfrage aus Erlangen gab es ja Ende November schon einmal, aber dann hat die Mannschaft gute Spiele gemacht und dreimal gewonnen, so dass das Thema verschoben wurde und ich es eigentlich schon abgehakt hatte. Aber nach dem ersten Spiel im neuen Jahr (21:16 in Leipzig, Anm. d Red.) gab es dann wohl atmosphärische Störungen, so dass der Verein reagiert hat und nochmals einen Impuls setzen wollte. Als ich bei diversen Trainerlehrgängen selbst in der Halle stand, habe ich schon gespürt, dass es mir immer noch riesigen Spaß macht als Trainer aktiv tätig zu sein. Auch habe ich die emotionalen Spannungsmomente und die Adrenalinausschüttung vermisst, die ich über 30 Jahre lang fast wöchentlich erlebt habe.

Lesen Sie auch: Warum Fynn Nicolaus Handball-Geschichte schreibt

Das erste Erfolgserlebnis hat es zuletzt gegen ihren Ex-Club HBW Balingen gegeben. War es ein Vorteil, dass Sie Mannschaft und Trainer kannten?

Ich denke schon, dass ich eher einen Vorteil hatte, weil der Gegner nicht so genau wusste, was wir vorhaben. Ich habe versucht, nach dem so genannten Kiss-System vorzugehen.

Kiss, das müssen Sie erklären?

Das hat nichts mit Küssen zu tun, sondern heißt „Keep it simple and stupid“, also auf Deutsch: einfach ist mehr. Das bedeutet, die Angriffshandlungen weitgehend zu belassen. Nach dem Spiel in Kiel (15:29) habe ich den Fokus auf zwei Dinge reduziert: Wir hatten dort null Kontertore und null Zeitstrafzeiten erzielt. 80 Prozent der Vorbereitung lagen darauf, diese Quoten zu verbessern. Am Ende des enorm wichtigen Spiels gegen Balingen hatten wir 13 Kontertore und sechs Zeitstrafen herausgespielt beziehungsweise leidenschaftlich erkämpft. Von dem taktischen Repertoire, das man über Balingen hätte erzählen könne, habe ich am Ende vielleicht zweieinhalb Prozent weitergegeben.

Am Donnerstag gegen TVB steht für Sie quasi ein Heimspiel an, nachdem Sie auf den Fildern wohnen. Was erwartet Sie?

Gegen Balingen war es einfach wichtig, dass ein Vertrauen der Mannschaft zum Trainer entsteht, das geht nur über Resultate. Vor allem nachdem wir in Kiel 40 Minuten lang wirklich grottenschlecht aufgetreten sind. Für Stuttgart ist es sicher ein Vier-Punkte-Spiel in eigener Halle. Nach dem Sieg des TVB in Melsungen ist unsere Ausgangssituation gar nicht so ungünstig, weil wir sicher nicht als Favorit anreisen, sondern eigentlich nur viel gewinnen können. Die Woche darauf spielen wir dann gegen Friesenheim und haben die Chance, in den zwei Partien selbst vier Punkte zu holen. Dann wäre das Thema Klassenerhalt durch und man könnte im Training langfristige Ziele angehen – auch wenn man in dieser Saison sicher 22 plus x Punkte für den Klassenerhalt braucht.

Der TVB hat aktuell 15 Punkte, das hätte vergangene Saison schon zum Klassenverbleib gereicht. Dieses Jahr ist auch hinten alles ganz dicht beisammen. Woran liegt das?

Ich denke, in erster Linie an Friesenheim, denen alles zuzutrauen ist. Nordhorn ist weg, aber im Vorjahr gab es neben Friesenheim noch zwei weitere Vereine die deutlich abgefallen sind. Friesenheim hat sich mit einer sehr guten Personalpolitik, zum Beispiel beim Torhüter, und Kontinuität auf der Trainerposition als Favoritenschreck entpuppt und schon kräftig gepunktet. Und in der Endphase der Saison haben die Eulen in der Vergangenheit ja sogar oft mehr Punkte geholt als in der gesamten Saison zuvor. Der Mannschaft ist deshalb zuzutrauen, dass sie die 20-Punkte-Grenze überspringen kann.

Lesen Sie auch: Das EM-Halbfinale ist immer noch drin

Zum Abschluss noch ein Wort zur Nationalmannschaft. Wie haben Sie den überraschenden Trainerwechsel von Christian Prokop zu Alfred Gislason wahrgenommen?

Da hat man sich nach einer ordentlichen bis guten EM vielleicht auch von außen ein bisschen zu sehr unter Druck setzen lassen. Die Frage ist ja: Muss man sich während und direkt nach so einem Turnier auch öffentlich so festlegen, wenn noch keine Analyse erfolgt ist und offensichtliche ein Restzweifel bestehen? Man hatte im Präsidium des DHB anscheinend das Gefühl, dass die Mannschaft doch einen (zu) hohen Einfluss auf das hat, was auf dem Feld passiert und beim Trainer vielleicht etwas das Charisma fehlte. Wenn die Olympia-Qualifikation im April verpasst worden wäre, hätte man schon ein Nachfolgeproblem gehabt, nachdem Gislason dann schon woanders unterschrieben hätte. Ich denke, dass die Entscheidung deshalb mehr pro Gislason als gegen Prokop ausgefallen ist.

Unsere Empfehlung für Sie