U12-Verlängerung nach Dürrlewang Den Geschäften fahren die Kunden davon

Von Eileen Breuer 

Anwohner Dürrlewangs und Unternehmen, die sich im Synergiepark Vaihingen/Möhringen ansiedeln, freuen sich über die U 12. Der Ladenzeile vor Ort nützt sie aber nichts.

Die U 12  verbindet Dürrlewang mit Möhringen, Degerloch und der Innenstadt. Foto: Eileen Breuer
Die U 12 verbindet Dürrlewang mit Möhringen, Degerloch und der Innenstadt. Foto: Eileen Breuer

Vaihingen - Seit einem Dreivierteljahr fährt die Stadtbahnlinie U 12 bis nach Dürrlewang. Nach der Haltestelle Wallgraben nimmt sie eine Linkskurve und hält anschließend an der Station Lapp-Kabel, bevor sie dann die Endhaltestelle Dürrlewang anfährt. Die Fahrgäste freuen sich über die neue Verbindung nach Degerloch und in die Innenstadt. Auf die Dürrlewanger Geschäfte wirkt sie sich jedoch nicht aus. „Den Ort wertet die neue Endhaltestelle schon auf. Der Ladenstraße bringt es aber kaum was“, sagt zum Beispiel die Unternehmerin Gabriele Mausser.

Gemeinsam mit ihrem Mann betreibt Mausser unweit der neuen Endhaltestelle eine Bäckerei. Der Laden bildet mit einem Boxstudio, einem Friseur, einem Zeitungsladen und einem Supermarkt eine kurze Ladenzeile. Gabriele Mausser hat Tische vor dem Laden aufgestellt. Noch ist es zu kalt, als dass dort Gäste einen Kaffee trinken. Die vergangenen Jahre waren nicht leicht für die Bäckerei. Die Arbeiten an der U 12 hatten über drei Jahre hinweg Straßensperrungen und Umleitungen zur Folge. Die Läden waren schwer bis gar nicht zu erreichen. Mausser sagt, sie habe deshalb Stammkunden verloren. „Die haben andere Wege gefunden.“

Unternehmen schätzen die gute Anbindung

Auch die Kunden von Schneider Stiliano Fillipides mussten Umwege in Kauf nehmen. „Oft riefen Kunden an, um nach dem Weg zu fragen“, sagt er. Seit 1994 näht und flickt der ausgebildete Modeschneider in seinem Geschäft an der Endhaltestelle. Er sagt, er habe keine Kunden verloren: „Die hatten nur Schwierigkeiten herzukommen.“

Die Situation hat sich seit der Fertigstellung der Strecke wieder normalisiert. Nach drei Jahren Bauzeit weihte die SSB den 1,1 Kilometer langen Streckenast nach Dürrlewang am 13. Mai 2016 ein. Er hat 25 Millionen Euro gekostet. „Anfangs fanden wir den Bau der Straßenbahn nach Dürrlewang dubios. Dürrlewang ist doch eine Sackgasse. Da geht es zu keinem anderen Ort weiter“, sagt Mausser. Außerdem sei das Gebiet schon an den 81er-Bus angeschlossen. Und auch die S-Bahn-Station Rohr ist nicht weit weg. „Jetzt, wo man weiß, dass Allianz und Daimler kommen, ist klar, was angeschlossen werden sollte“, sagt sie.

Die Daimler AG möchte mit einem neuen Bürokomplex auf dem ehemaligen KNV-Gelände am Wallgraben einige der in Stuttgart verstreuten Standorte bündeln. Etwa 4200 Mitarbeiter werden an dem neuen Standort arbeiten. Um den Straßenverkehr durch die neuen Mitarbeiter nicht zusätzlich zu belasten, setze man auf den ÖPNV vor Ort, sagte Ingo Konrad von der Daimler AG im Mai vergangenen Jahres. Auch die Allianz Lebensversicherungs AG will ihre bisherigen Stuttgarter Standorte ins Vaihinger Industriegebiet verlagern. Geplant ist dazu ein Neubau auf dem Gelände an der Heßbrühlstraße. Etwa 4000 Mitarbeiter werden an diesen Standort verlegt.

Die Ladenzeile darbt schon länger

„Natürlich versucht man, das Gewerbegebiet sowie das Wohngebiet Dürrlewang anzuschließen“, sagt Birte Schaper, Pressesprecherin der SSB. „Eine Erschließung mit der Stadtbahn führt prinzipiell immer zur Aufwertung eines Wohngebiets“, sagt sie.

Einen Ertrag für die in Dürrlewang ansässigen Geschäfte habe der Stadtbahnanschluss aber nicht. Neue Kundschaft käme nicht hinzu. Im Gegenteil: „Die steigen in die U-Bahn und fahren ins Kaufland nach Möhringen“, sagt die Bäckerin Mausser. Dort könne man dann vom Großeinkauf bis hin zum Bäcker alles erledigen.

„Dass die Ladenzeilen verkommen, ist dem Einkaufsverhalten der Menschen geschuldet. Das hat nicht unbedingt etwas mit der U 12 zu tun“, sagt Hans-Martin Wörner, der sich selbst als Dorfchronist Dürrlewangs bezeichnet. 1957 zog er als Sohn des Pfarrers der ersten evangelischen Kirchengemeinde in Dürrlewang in den Stadtteil. Damit gehörte seine Familie zu den ersten Anwohnern. Schon vor dem Bau der Straßenbahn sei bei den Ladenzeilen wenig los gewesen. „Als meine Mutter zu Besuch war, war sie erschrocken. Sie meinte, da laufe ja gar keiner mehr“, sagt Mausser. Und auch Fillipides ist betrübt über den Zerfall der Ladenzeile: „Die alltäglichen Erledigungen sind das Wichtigste.“ Die Geschäftsräume würden aber immer mehr anderweitig vermietet werden. „Da nützt auch keine U 12“, sagt Mausser.

Die Anwohner freuen sich über die Straßenbahn vor ihrer Haustür

Viele Anwohner sehen indes die Anbindung an das Stadtbahnnetz positiv, so auch die Rohrerin Maria Horapp. Sie fährt regelmäßig mit dem Auto nach Dürrlewang, stellt es dort ab und fährt mit der U-Bahn weiter Richtung Degerloch und Innenstadt. „Das ist für mich jetzt viel geschickter.“ Dies liege auch daran, dass sie in Dürrlewang immer einen Parkplatz findet. Und auch der Dürrlewanger Peter Link findet die Anbindung gut. „Ich kann jetzt in einem Guss von der Innenstadt direkt vor meine Haustüre fahren“, sagt er. Gleichzeitig hinterfragt er aber die Wirtschaftlichkeit. „Darauf bezogen kann ich es nicht verstehen. Es gibt ja schon eine Verbindung mit dem Bus. Auch den Arbeitnehmern im Industriegebiet hätte man die Gehzeit von der U 3 aus zumuten können“, sagt er. „Wir sind stolz, dass durch ganz Stuttgart eine Stadtbahn fährt, auf der Dürrlewang drauf steht“, sagt indes der Ortschronist Wörner.

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