Über 600 Plätze fehlen Frauenhäuser im Land müssen Frauen wegschicken

Von red/dpa/lsw 

Sie sollen Frauen in höchster Not Schutz bieten. Doch die Frauenhäuser im Land sind überlastet und müssen Frauen und ihre Kinder wegschicken. Besonders prekär ist die Lage in Stuttgart.

Insbesondere in Ballungsräumen wie Stuttgart und Mannheim stoßen laut Sozialministerium die Frauenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen. (Symbolbild) Foto: dpa/Peter Steffen
Insbesondere in Ballungsräumen wie Stuttgart und Mannheim stoßen laut Sozialministerium die Frauenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen. (Symbolbild) Foto: dpa/Peter Steffen

Stuttgart/Mannheim - Schläge, Tritte, Ohrfeigen - immer mehr Frauen und Männer werden im Südwesten Opfer häuslicher Gewalt. Angesichts wachsender häuslicher Gewalt sind die Frauen- und Kinderschutzhäuser im Südwesten aber voll ausgelastet. In 12 125 Fällen wurden laut der Polizeilichen Kriminalstatistik im Jahr 2018 Männer und Frauen Opfer von Attacken von Partnern oder Ex-Partnern - darunter sind 2233 Fälle, in denen Männer die Opfer sind. Die Zahl der Fälle ist im fünften Jahr in Folge gewachsen - der generelle Zuwachs beträgt 9,5 Prozent. 27 Frauen und 4 Männer wurden im vergangenen Jahr von Partnern oder Ex-Partnern getötet.

Das Sozialministerium beziffert die Zahl der fehlenden Plätze auf 633. Vorhanden sind demnach 341 Plätze für Frauen und 411 Plätze für Kinder in den 42 vom Land geförderten Frauenhäusern. Laut Andrea Bosch von der Koordinierungsstelle autonomer Frauenhäuser in Mannheim sind Absagen an der Tagesordnung. Manchmal sei wochenlang kein einziger freier Platz in ganz Baden-Württemberg gemeldet. Sie stellt fest: „Wir können nicht allen bedrohten Frauen, die sich an uns wenden, Schutz geben.“

Anstieg der leichten Körperverletzungen

Die wachsende Gewalt lässt sich insbesondere mit einem Anstieg der leichten Körperverletzungen - Taten, die keine stationäre Behandlung erfordern - erklären. Deren Fallzahl ist von 7010 im Jahr 2014 auf 7824 im Jahr 2018 gestiegen - ein Plus von 11,6 Prozent. Laut Innenministerium kann sich in diesen Werten auch ein Dank Aufklärungsarbeit und Veranstaltungen wie dem landesweiten Tag des Opferschutzes verändertes Anzeigeverhalten niederschlagen. Auch Sozialpädagogin Bosch von der Koordinierungsstelle sagt: „Die Dunkelziffer ist noch sehr groß. Aber Beratungsstellen, Öffentlichkeitsarbeit und Prävention in Schulen haben das Thema aus der Tabuzone rausgeholt.“

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Die Gießener Kriminologin Britta Bannenberg sieht in den Zahlen nur die Spitze des Eisbergs: „Gewalt gegen Frauen ist ein sehr verbreitetes Phänomen, das selten angezeigt wird.“ Für die Frauen sei es auch wichtig für eine Anzeige, an geschultes Personal der Polizei zu geraten. „Beamte mit der notwendigen Sensibilität gibt es viel zu wenig.“ Auf dieser Ebene sowie auch bei den Staatsanwaltschaften würde mehr Personal dazu beitragen, dass die Frauen sich ernster genommen fühlten und damit ermuntert würden, bis zum Gerichtstermin bei ihren Aussagen zu bleiben.

Versorgungslücken und Kapazitätsgrenzen

Die Zahl der schwer verletzten Männer lag im vergangenen Jahr mit 20 (2017: 26) auf dem niedrigsten Niveau der vergangenen vier Jahre. Auch bei den Frauen war der Wert mit 118 niedriger als im Vorjahr (2017: 125) und entsprach der Zahl von 2016. Die Zahl der getöteten Männer lag bei 4 im vergangenen Jahr (2017: 3). Die Zahl der getöteten Frauen lag bei 27 (2017: 19).

Frauenhaus-Mitarbeiterin Bosch berichtet von Problemen bei der komplexen Finanzierung der Frauenhäuser. Die Kosten würden nicht pauschal, sondern von den Kommunen über Tagessätze für die einzelne Frau erstattet. Somit werde das wirtschaftliche Risiko auf die Frauenhäuser abgewälzt. Für Frauen, die kein Arbeitslosengeld II beziehen oder aus einem anderen Landkreis kommen, ist die Finanzierung besonders schwierig. Die vom Land vorgesehenen Mittel für die Frauenhäuser - 2020 vier Millionen Euro und 2021 acht Millionen Euro - sind laut Bosch eine Enttäuschung. In den Jahren 2018/2019 flossen jährlich über 1,2 Millionen Euro Landesmittel in Frauenhäuser.

Insbesondere in Ballungsräumen wie Stuttgart und Mannheim stoßen laut Sozialministerium die Frauenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen. Beispiel Stuttgart: Das dortige autonome Frauenhaus hatte 2017 mit 40 Plätzen 402 Anfragen - nur 25 Frauen und ihre Kinder konnten neu einziehen, 377 mussten sich anderweitig umsehen. Große Versorgungslücken gibt es in neun Landkreisen ohne eigene Frauen- und Kinderschutzhäuser. Dies sind Rhein-Neckar-Kreis, Main-Tauber, Breisgau-Hochschwarzwald, Emmendingen, Enzkreis, Rottweil, Freudenstadt, Böblingen, Alb-Donau-Kreis.