InterviewÜbermorgen – die Nachhaltigkeits-Kolumne Was können Familien fürs Klima tun?

Wenn der Sohn Fleisch mag und die Tochter aus Klimaschutzgründen vegan lebt, wird das gemeinsame Essen für Familien zur Herausforderung. Foto: dpa/Tobias Hase
Wenn der Sohn Fleisch mag und die Tochter aus Klimaschutzgründen vegan lebt, wird das gemeinsame Essen für Familien zur Herausforderung. Foto: dpa/Tobias Hase

Einkaufen, Mobilität, Urlaube: Für Familien mit Kindern ist eine umweltfreundliche Lebensweise nicht so einfach. Im Interview erklärt Martin Gerstner, was trotzdem möglich ist – und warum bei ihm teilweise drei unterschiedliche Gerichte gekocht werden.

Stuttgart und Region: Julia Bosch (jub)
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Stuttgart - Inwiefern können Familien mit Kindern eigentlich Nachhaltigkeit im Alltag leben? Schließlich muss jede Menge eingekauft werden, außerdem muss ständig einer von A nach B transportiert werden. Auf diese Fragen gibt Martin Gerstner Antworten. Der Redakteur kümmert sich einerseits um die Titelseiten der Stuttgarter Zeitung und schreibt (sehr unterhaltsame!) Kolumnen, andererseits hat er einen Sohn und eine Tochter im Jugendalter und ist Autor des Newsletters „StZ Familie“.

Hallo Martin! Letztens hast du im Newsletter beschrieben, wie viele Gerichte ihr manchmal zuhause kocht: eins mit Fleisch, eins ohne Fleisch, eins vegan. Wie schafft man das? Und wer isst eigentlich was?

Kleinen Moment, ich muss kurz noch die ganzen Kochfelder abschalten. Ist ganz einfach: Wir haben so eine turnhallengroße Küche wie in den Werbebeilagen der Möbelhäuser. In der Mitte befindet sich eine Kochinsel und darüber eine Dunstabzugshaube auf Basis eines A-380-Triebwerks. Aber ernsthaft: Ist halt eine Frage der Organisation. Bei uns sind meine Frau und ich Vegetarier, meine Tochter ernährt sich vegan, mein Sohn mag Burger. Nudeln kaufe ich ohne Eizusatz, das passt für alle. Genau wie Reis. Gemüse funktioniert auch, bei meinem Sohn eben auf Tiefkühlbasis. Es gibt sogar Veggie-Schnitzel, die er mag. Sonst brate ich ihm halt was Echtes. Obst oder rohes Gemüse kriegt er aber auch, selbst wenn die Begeisterung in Grenzen bleibt. Aber man muss sich schon vorher überlegen, was man für wen kocht. Und man sollte ein wenig auf die Vitaminzufuhr achten, gerade bei Veganern. Meine Frau hat das im Griff.

Ich bin selbst mit drei Geschwistern aufgewachsen – und erinnere mich an die riesigen Einkäufe, die wir immer gemacht haben. Das mit dem Fahrrad oder der Bahn zu transportieren, wäre unmöglich gewesen. Plastik zu vermeiden war auch keine Option, dann wäre es noch aufwendiger geworden. Wie macht ihr das?

Ich muss zugeben, bei uns ist in Sachen Nachhaltigkeit noch Luft nach oben. Seitdem sich meine Tochter in der Klimabewegung engagiert, kauft sie viele Dinge selbst bei einem Bio-Bauernhof, was ich gut finde. Ich selbst lege meinen Wocheneinkauf oft in die Morgenstunden eines Werktags, weil der Supermarkt da nicht so voll ist. Dafür nehme ich das Fahrrad mit dem alten Kinderanhänger. Da passen eine Kiste und zwei, drei Tüten rein. Ich kann aber nicht noch zusätzlich zu zwei Feinkostläden, dem Bio-Metzger oder dem netten türkischen Gemüsehändler fahren. Das schaffe ich zeitlich nicht. Allerdings bekommen wir im Abo einmal pro Woche eine Kiste mit Bio-Gemüse und Obst geliefert.

Was könnte aus deiner Sicht besser laufen?

Was mich ärgert, ist die sinnlose Verwendung von Plastikverpackungen. Sogar Biogemüse ist verschweißt, was nun wirklich völlig absurd ist. Für Käse bringe ich aber eine Vorratsbox mit und lasse ihn mir reinlegen. Neulich las ich von einem schwäbischen Spätzlehersteller, der eine Kartonverpackung entwickelt hat. Bin extra zu einem anderen Supermarkt gefahren, der die Nudeln im Sortiment hat. Und was sah ich: Alle waren in Plastik verpackt. Mir würde es helfen, wenn man für Familien einfach größere Packungen oder Gebinde verkaufen würde. Warum nicht drei Kilo Spaghetti oder Reis in einer Verpackung? Das kommt schnell weg. In den Asia-Shops bekommt man solche Einheiten.

Deine Kinder sind schon im Jugendalter. Wenn sie zum Sport oder zum Musikunterricht müssen, fahren sie inzwischen selbst hin. Wie war das früher, saßen deine Frau und du ständig im Auto?

Da ich gerne Rad fahre, habe ich meine Kinder eigentlich immer mit dem Anhänger in die Kita gebracht. In die Grundschule konnten sie nach kurzer Zeit mit dem Rad fahren, die einzig gefährliche Straßenüberquerung haben wir geübt. Und als wir noch im Stuttgarter Kessel wohnten, waren wir auch viel mit der Bahn unterwegs. Wir haben zwar ein Auto (mit Erdgasantrieb), aber oft benutzt wird das nicht. Außer für die coronabedingten Ausflüge in die Region. Man muss ja irgendwas machen. Die Kinder fuhren in normalen Zeiten bis in den späten Herbst mit dem Rad zur Schule, dann mit der Bahn. Für meine Tochter hatte ich bei der Neuen Arbeit sogar ein altes Damenrad gekauft, damit sie von der Schule zum Musikunterricht und zurückfahren kann. Eine Art Shuttle-Rad. Steht seit einem Jahr im aufgrund von Corona abgeschlossenen Radkeller der Schule . . .

Sind Konzepte wie Unverpackt-Läden oder die ganze Sharing-Economy für Familien eigentlich praktikabel? Oder ist das viel zu umständlich in eurem Alltag?

Ehrlich gesagt: Unverpackt-Läden sehe ich für mich noch nicht als echte Option. Das kostet zu viel Zeit. Und ich muss dann für andere Produkte doch noch zum Supermarkt. Sharing-Modelle finde ich gut. Für uns ist klar, dass wir, wenn die Kinder demnächst aus dem Haus sind, kein eigenes Auto mehr haben werden. Das kostet Geld fürs Rumstehen. Ich glaube, die Mobilitätswende wird da viele neue Angebote bringen. Allerdings: In der Phase, in der man die Kinder zu allen möglichen Freizeitaktivitäten transportieren musste, war das eigene Auto extrem praktisch. Ein Sharing-Modell ist da doch mit höherem Planungsaufwand verbunden.

Gibt es Bereiche, in denen du gerne umweltfreundlicher wärst – was sich aber einfach nicht umsetzen lässt?

Das Verpackungsproblem beschäftigt mich. Wir haben uns neulich die Netflix-Doku „Seaspiracy“ angeschaut, die sich auch mit dem Plastikmüll im Meer befasst. Das ist extrem erschreckend. Da werde ich künftig mehr darauf achten. Flugreisen lehnt meine Tochter ab, deshalb machen wir das nicht mehr. Vor Jahren sind wir mit dem Camper durch die USA gefahren – den ökologischen Fußabdruck baue ich heute noch ab. Ich vermute, die Fliegerei wird zumindest für uns auch nach Corona keine große Rolle mehr spielen. Wir Erwachsenen tun uns da leichter, weil wir früher viele Fernreisen mit dem Rucksack gemacht haben. Ansonsten haben wir in unser Haus investiert, um mit Dämmung und Dachisolierung bessere Verbrauchswerte zu erreichen. Das gibt mir ein ganz gutes Gefühl.

 




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