Ukraine-Krise Die Provokateure kommen in Bussen

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In Odessa fordern Demonstranten ein Referendum nach dem Vorbild der Krim. Doch die pro-europäische Aktivisten halten dagegen. Sie rufen zum Boykott russischer Tankstellen auf und sammeln Spenden für die ukrainische Armee.

Deutlicher geht es kaum: die  pro-russischen Demonstranten in Odessa hissen rote Hammer-und-Sichel-Flaggen  und provozieren mit einem Stalin-Porträt. Foto: AFP
Deutlicher geht es kaum: die pro-russischen Demonstranten in Odessa hissen rote Hammer-und-Sichel-Flaggen und provozieren mit einem Stalin-Porträt. Foto: AFP

Odessa - Andrei hat sich schon alles im Kopf zurechtgelegt. „Wenn der Krieg kommt, ist das Wichtigste eingekauft“, sagt er. Trinkwasserflaschen, Babynahrung, Medikamente und Grundnahrungsmittel. Noch hat der IT-Spezialist aus Odessa aber nicht damit begonnen. Er wartet ab, schaut fern, durchstöbert Internetportale. „Wir alle haben Angst, aber man sieht es uns nicht an, wir leben den Alltag“, sagt Andrei. Seine Frau fügt hinzu, sie traue sich nicht einmal mehr, im eigenen Land die ukrainische Flagge aus dem Fenster zu hängen. Sie wolle keine Pflastersteine ins Kinderzimmer fliegen sehen, die Mehrheit sei halt prorussisch hier, sagt sie. Der Kiewer Maidan habe sie verändert, durch die Krim-Annexion sei ihr bewusst geworden, dass sie Ukrainerin sei. „Wenn es sein muss, gehe ich zum Polizeiposten und bitte um eine Waffe, damit ich meine Familie verteidigen kann“, sagt Andrei, dann schweigt er. Vieles geht ihm durch den Kopf, quälende Gedanken über die Zukunft.

Witali dagegen ist eine Frohnatur, er versucht überall das Positive zu sehen. „Wir warten auf Stabilität“, sagt der junge Familienvater. Alles hat sich verändert in den vergangenen drei Wochen. Der Regionalverwalter ist neu, die Regierung in Kiew ebenso und nun ist auch noch die Krim weg. Immerhin sei es den Ukrainern gelungen, einen Raketenkreuzer von dort in den hiesigen Hafen zu evakuieren. Von „den Ukrainern“ redet Witali und zeigt damit gleich, wo seine Sympathie liegt – bei Putin. Dennoch fragt auch er sich: Soll die Ukraine zur Europäischen Union oder zu Russland? Er habe Angst, dass bald Krieg ausbreche, dass Odessa mit hineingezogen werde, sagt er zum Abschied.

Galgenhumor mischt sich mit diffusen Ängsten

Am Kaffeestand bei der Potemkin-Treppe hoch über dem Hafen wird fast nur über Politik geredet. Wenn die Krim nun zur Russischen Föderation gehöre, würden diesen Sommer eben noch mehr Touristen nach Odessa ans Schwarze Meer kommen. Galgenhumor mischt sich mit diffusen Ängsten. Die Odessa-Seite der ukrainischen Tageszeitung „Segodnia“ berichtet von einem Psychologenteam, das den Bewohnern der südostukrainischen Millionenstadt beisteht.

Auf den ersten Blick wirkt die Stadt entspannt, es ist jede Menge los. Fröhliche Teenager skaten auf der Promenade am Meer, die Jugend feiert sich jeden Abend in den Clubs, Matrosen aus Rumänien und Georgien flanieren durch die Geschäfte und lächeln den Frauen zu. Doch seit der lokale prorussische Separatistenführer Anton Davidchenko vor ein paar Tagen festgenommen und nach Kiew überstellt wurde, ist die Luft dick geworden. Seine Anhänger werden immer aggressiver, sie versuchten sogar, das Gebäude des Geheimdienstes zu stürmen. Dazu kommen die täglichen Berichte von der Krim, die die Machtlosigkeit des ukrainischen Staates demonstrieren. In den Medien wird genau erklärt, welche Notvorräte die Bürger sich besorgen sollten, um gewappnet zu sein für einen Krieg.

Bewacher in Tarnanzügen haben die Aktivisten im Blick

Bei der allabendlichen Demonstration der europafreundlichen Ukrainer unter der Statue des früheren Statthalters Duc de Richelieu haben sich rund 200 Zuhörer versammelt. „Russland wird große Probleme mit China bekommen“, sagt einer der Redner. Ein tragbarer Generator liefert den Strom fürs Mikrofon. Neben einem alten Lada sammelt eine Frau Spendengelder für die ukrainische Armee. Kaum hat die Rede über Russlands Probleme in Sibirien begonnen, schwärmen vier Zehnergruppen aus – Bewacher in Tarnanzügen, die sämtliche Zufahrtswege im Blick haben. „Ihr müsst keine Angst haben“, macht später ein Sowjetveteran der Menge Mut. Wenn es gelungen sei, damals die Faschisten zu besiegen, so habe die Ukraine auch gegen Russland eine Chance. Bis zu 15 000 Proeuropäer kämen an den Wochenenden her, erzählt ein Demonstrant, die Prorussen könnten dagegen maximal 5000 Demonstranten zusammentrommeln.

„Krieg kann es hier keinen geben“, sagt der Rentner Gennadi, der lange Jahre bei der Sowjetarmee gedient hat und nun sein Konto mit Fahrdiensten durch die Stadt aufbessert. Gennadi hat sich ein paar Floskeln Englisch eingeprägt, doch ernste Gespräche führt er auf Russisch. Die Ukraine habe ja keine richtige Armee, sagt er, und ohne Armee könne es auch keinen Krieg geben. „Für die paar Panzer, die sie besitzen, fehlt ihnen das Benzin“, höhnt er auf der Fahrt zum Bahnhof. Und überhaupt sei Odessa schon immer eine russische Stadt gewesen. „Stalin machte sie ukrainisch, genauso wie Chruschtschow die Krim später den Ukrainern schenkte“, fügt Gennadi hinzu. So wie sich die Bewohner der Krim für den Anschluss an Russland entschieden haben, so könnten es auch die Bürger von Odessa tun, meint er.




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