InterviewUlf Kirsten, Stürmerlegende von Bayer Leverkusen „Ich habe das Wort Vizekusen noch nie gerne gehört“

Von Marco Seliger 

Die Leverkusener Sturmlegende Ulf Kirsten spricht über das DFB-Pokalfinale gegen den FC Bayern München an diesem Samstag in Berlin, sein Siegtor für Bayer im Endspiel 1993 an gleicher Stelle – und den langen Titelfluch danach.

Ulf Kirsten hat Bayer Leverkusen 1993 seinen bis heute letzten Titel beschert. Foto: imago/Steffen Kuttner 17 Bilder
Ulf Kirsten hat Bayer Leverkusen 1993 seinen bis heute letzten Titel beschert. Foto: imago/Steffen Kuttner

Berlin - Ulf Kirsten (54) wird als Zuschauer im Berliner Olympiastadion dabei sein an diesem Samstag, wenn das DFB-Pokalfinale zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Bayern (20 Uhr/ARD) steigt – aus gutem Grund. Der langjährige Leverkusener Torjäger gehört als Ehrenspielführer zur Bayer-Delegation, vor allem aber ist er als Glücksbringer vor Ort. Denn Kirsten war es, der Bayer vor 27 Jahren an gleicher Stelle zum bisher letzten Titelgewinn schoss.

Herr Kirsten, 1993 gewann Bayer Leverkusen seinen bisher letzten Titel – mit Ihnen als Siegtorschützen im Pokalfinale beim 1:0 gegen die Amateure von Hertha BSC. Nehmen Sie uns kurz mit in die 77. Minute von damals im Olympiastadion.

Ich weiß es noch genau. Ich sehe, wie Pavel Hapal von links flanken will und bewege mich sofort auf den langen Pfosten. Der Ball kommt, ich springe höher als Hertha-Torwart Fiedler mit seinem ausgestreckten Arm und drücke den Ball ins lange Eck. Endlich hatten wir unser Tor gemacht. Wir waren ja haushoch überlegen.

Und am Ende Pokalsieger. Wie war die Feier?

Sehr ausgelassen. Wir haben in Berlin die Nacht durchgemacht, und tags darauf wurden wir in Leverkusen empfangen. Da war für Bayer-Verhältnisse damals die Hölle los in der Stadt, bestimmt 15 000 Leute waren da.

Was ist Ihnen am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

Die große Freude von Reiner Calmund (langjähriger Bayer-Manager, d. Red.) und die innigen Umarmungen mit ihm. Calli war so etwas wie ein zweiter Vater für mich, er hat mich ja nach der Wende aus Dresden geholt, und dann kam der Pokalsieg. Calli hatte sich auf unserer Feier im Leverkusener Rathaus die Jeanskutte mit den Bayer-Aufnähern unseres Fanbeauftragten übergezogen – die beiden hatten zum Glück die gleiche Gewichtsklasse (lacht). Wie der Calli dann da so stand in der Bayer-Kutte, glückselig, dieses Bild vergesse ich nie.

Damals konnte keiner ahnen, dass es bis heute die letzte Bayer-Feier nach einem Titel sein sollte – Leverkusen holte außer zahlreichen zweiten Plätzen nichts Zählbares, Sie waren bis zum Karriereende 2003 mittendrin. Warum hat es nicht geklappt mit weiteren Titelgewinnen?

Es gab nie diesen einen Grund. Oft war Pech dabei – und einmal waren wir schlicht selbst schuld und zu dumm. Das berühmte Saisonfinale 2000, unsere Niederlage am letzten Bundesliga-Spieltag bei der SpVgg Unterhaching …

… bei der ein Punkt zur Meisterschaft gereicht hätte.

Genau. Das war unfassbar. Wir haben die ganze Saison dominiert, haben alles kurz und klein geschossen mit unserer Supertruppe mit Michael Ballack, Emerson und wo weiter. Und dann fährst du nach Haching und verspielst die Meisterschaft an einem Tag.

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Es ging nicht besser weiter. Im Jahr 2002 wurde Bayer dreimal Zweiter – in der Liga, im DFB-Pokal und in der Champions League, was an sich eine große Leistung war, aber mit der Vorgeschichte eine tragische Note bekam. Der Begriff Vizekusen wurde erfunden.

Exakt. Ich habe das Wort noch nie gerne gehört, und irgendwann hat sich irgendjemand bei Bayer überlegt, den Begriff patentieren zu lassen. Das mag marketingtechnisch klug gewesen sein – aber ich habe das nicht so ganz verstanden.

Sie wurden mit Leverkusen insgesamt viermal Vizemeister. Schwebt irgendein Titelfluch überm Bayer-Kreuz, oder fehlt die Siegermentalität in Leverkusen?

Nein, um Himmels Willen! Das trifft beides nicht zu. Man muss sehen, dass wir trotz der fehlenden Titel nach 1993 eine Erfolgsgeschichte geschrieben haben. Als Trainer Christoph Daum nach unserem Fastabstieg 1996 kam, haben er und Calli alles umgekrempelt – mit Erfolg. Wir wurden von einer grauen Maus zu einem auch europaweit sehr geachteten Club. Man muss das ja mal sehen – wir haben konstant junge entwicklungsfähige Spieler verpflichtet, und viele haben sich in Leverkusen zu Weltklasseprofis entwickelt. Ich denke da an Michael Ballack, an Emerson oder Ze Roberto. Das war eine tolle Leistung des Vereins.

Sie haben 2003 aufgehört – wie beurteilen Sie die Geschichte von Bayer Leverkusen danach?

Sehr positiv, mit wenigen Ausreißern nach unten. Das zeigt sich ja allein schon an den regelmäßigen Teilnahmen von Bayer in der Champions League. Wichtig ist für mich die Kontinuität auf der Führungsebene. Lange war Calli der starke Mann, Bayer war sein Baby. Rudi Völler (heute Geschäftsführer Sport, d. Red.) ging dann nach seinem Karriereende 1996 bei Calli in die Lehre, längst ist er der starke Mann im Club. Dieses Einbinden von fähigen, integren Ex-Profis auf der Führungsebene geht jetzt so weiter – mit Simon Rolfes etwa oder auch mit Stefan Kießling. Diese Beständigkeit ist ein großes Plus.

Der ganze Club sehnt sich nun nach dem DFB-Pokalsieg. Ist am Samstag was drin gegen die Bayern?

Die Bayer-Elf ist auf einem Niveau, auf dem man jederzeit ein Finale gewinnen kann. In einem Spiel ist alles möglich, auch wenn die Bayern der haushohe Favorit sind. Aber Eintracht Frankfurt hat es vor zwei Jahren im Finale gezeigt, wie es gehen kann. Mit Mut, Kampf und ein bisschen Glück haben sie gegen Bayern den Pokal geholt, das sollte jetzt ein Mutmacher sein.

Im Fokus steht das Supertalent Kai Havertz – glauben Sie daran, dass er noch ein Jahr in Leverkusen bleibt?

Kai ist ein Jahrhunderttalent, ich hoffe sehr, dass er noch ein Jahr in seiner sportlichen Heimat dranhängt. Kai tut jeder Mannschaft der Welt gut – hoffentlich auch Bayer im Pokalfinale.

Auf der Trainerbank sitzt der Niederländer Peter Bosz – wo stufen Sie ihn ein in der Reihe der großen Leverkusener Trainer der Geschichte?

Ganz oben. Er steht für mich schon jetzt auf einer Ebene mit Christoph Daum oder Jupp Heynckes. Der Offensivfußball, den er spielen lässt, ist fantastisch, er ist ein toller Trainer – der ja in dieser Saison auch in der Europa League noch einen Titel holen kann. Ich hoffe sehr, dass Peter seinen eingeschlagenen Weg bei Bayer noch lange fortführt.

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