Ulmer Uniklinik Babys in Lebensgefahr – das Rätsel ums Morphin

Von red/dpa/lsw 

Im Dezember kommen fünf Säuglinge im Ulmer Krankenhaus mit akuter Atemnot auf die Intensivstation. Sie überleben. Im Urin der Frühchen werden später Morphium-Reste nachgewiesen. Wer die Babys vergiften wollte, ist wieder unklar.

Wer hat die fünf Baby im Ulmer Krankenhaus vergiftet? Das ist weiter unklar. Foto: dpa/Ralf Zwiebler
Wer hat die fünf Baby im Ulmer Krankenhaus vergiftet? Das ist weiter unklar. Foto: dpa/Ralf Zwiebler

Ulm - Wegen der voreiligen Weitergabe eines Zwischenergebnisses von Experten des Landeskriminalamtes (LKA) sitzt eine Krankenschwester der Uniklinik Ulm mehrere Tage in Untersuchungshaft. Sie wird verdächtigt, Babys in der Klinik Morphium verabreicht zu haben. Nun ist klar: Das Morphium, das vermeintlich in einer Spritze mit Muttermilch im Spind der Angestellten gefunden wurde, stammt aus einem Lösungsmittel des LKA.

Was ist bei der Untersuchung im Landeskriminalamt schiefgelaufen?

90 Prozent aller Beweismittel werden im LKA nach standardisierten Verfahren untersucht. Das bedeutet, dass zunächst eine unbelastete Vergleichsprobe untersucht wird. Muttermilchanalysen gehören nicht zu den Standardverfahren. Im Fall der Spritze aus dem Krankenhausspind lag eine Vergleichsprobe von jener Frau, von der auch die Muttermilch aus der Spritze stammte, zunächst nicht vor. Die Kriminaltechniker untersuchten zuerst nur die vermeintlich belastete Muttermilch. Den positiven Befund auf Morphium teilten sie sogleich der Ulmer Polizei mit. Erst danach bekamen sie weitere Muttermilch jener Frau, von der auch die Muttermilch aus der Spritze stammte. Auch diese Vergleichsprobe wurde positiv auf Morphin getestet - nach Angaben der Frau konnte es aber nicht durch Drogen- oder Medikamentenkonsum in ihre Muttermilch gelangt sein. Das machte die Beamten stutzig.

Weitere Untersuchungen ergaben, dass das Morphium aus einem Lösungsmittel stammte, das die Kriminaltechniker verwendet hatten. Vergleichsanalysen des bayerischen LKA bestätigten, dass sowohl die Muttermilch aus der Spritze als auch jene später eingereichte kein Morphium enthielten.

Wie wurden die Babys damals eigentlich behandelt?

Drei der fünf Säuglinge im Alter von einem Tag bis 30 Tagen, bei denen in der Dezembernacht 2019 akute Atembeschwerden festgestellt wurden, wurden künstlich beatmet und bekamen dabei Morphin verabreicht. Zwei Frühchen hatten Atembeschwerden, bekamen in der Notfallsituation aber kein Morphin. Allerdings wurde bei rechtsmedizinischen Untersuchungen des Urins bei allen fünf Säuglingen Morphin nachgewiesen. Die Wirkung von Morphin tritt sehr schnell binnen Minuten bis Stunden ein.

Wie geht es mit der aus der Untersuchungshaft entlassenen Krankenschwester weiter?

Ulms Leitender Oberstaatsanwalt Christof Lehr hat sie nach der Entlassung angerufen und ihr sein Bedauern ausgedrückt. Sie habe gelassen reagiert. Sollte ihr keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden, steht ihr eine gesetzlich vorgeschriebene Entschädigung für die Haftzeit zu.

Wer steht nun unter Verdacht?

Die Staatsanwaltschaft geht weiterhin von einer vorsätzlichen Tat aus. Der dringende Tatverdacht gegen die Krankenschwester, in deren Spind die vermeintlich mit Morphin kontaminierte Spritze gefunden wurde, besteht zwar nicht mehr. Sie gehört aber weiter zum Kreis der Verdächtigen. Laut Staatsanwaltschaft konzentrieren sich die Ermittlungen auch noch auf fünf weitere Klinik-Mitarbeiterinnen, die am 20. Dezember Nachtschicht hatten. Alle sechs sind von der Universitätsklinik vorläufig freigestellt. Sie bestreiten die Tatvorwürfe. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem Anfangsverdacht wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

Wie geht es nun weiter?

Die Staatsanwaltschaft will mehrere medizinische Sachverständige hinzuziehen. Sie sollen beispielsweise klären, wie welche Menge an Morphin auf Säuglinge wirkt. Die Ulmer Staatsanwaltschaft steht auch in Kontakt mit Experten, die sich mit einem Fall in Marburg beschäftigt hatten. Dort war eine Kinderkrankenschwester wegen versuchten Mordes verurteilt worden, weil sie Frühgeborenen nicht von Ärzten verordnete Beruhigungs- und Narkosemittel verabreicht haben soll.

Gab es schon mal eine ähnliche Panne im Landeskriminalamt?

Ja, im Zusammenhang mit dem Mordfall an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn. Damals jagten die Ermittler ein „Phantom“, weil Wattestäbchen, die zur Spurensicherung am Tatort eingesetzt wurden, durch die DNA einer Mitarbeiterin einer Verpackungsfirma verunreinigt waren.

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