Ulrike Feld coacht Musiker Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten

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Neugierde war es auch, als sie 1988, ein Jahr vor dem Mauerfall, nach Berlin zog. „Ich wollte einfach in einer anderen Stadt leben, wissen, wie das ist.“ Wie so viele zugezogenen Berliner kam auch Ulrike Feld nicht, um hierzubleiben. Und wie so viele, die das nicht vorhatten, wurde sie vom rauen Reiz der Stadt mit der Zeit dicht umgarnt. Erst recht, als die Mauer fiel: drei Opern, die Philharmonie, Theater, Musik, eine uferlose Off-Szene. Und überall die Möglichkeit, sich von neuen Entwicklungen finden zu lassen, die zu suchen man nicht mal im Traum auf die Idee gekommen wäre.

„Die Stadt ist so frei, sie lässt einem schier unbegrenzte Möglichkeiten“, sagt Ulrike Feld. Damals genoss sie das in vollen Zügen. Abends saß sie in der Oper oder im Konzert. Und tagsüber wühlte sie in Noten – immer auf der Suche nach dem Grund für den speziellen Klang. Sie rekonstruierte für die Philharmonie alte Werke, recherchierte, forschte, ergänzte fehlende Takte: Irgendwann war sie eine der ganz wenigen Experten, die sehr genau wussten, wie die Musiker, für die zum Beispiel Telemann komponiert hatte, ihre Instrumente spielten und welche Spielanweisungen zu welchem Klang führen. „Was ich machte, war im Grund Detektivarbeit.“

Eine Art Meisterstück gelang ihr mit der Rekonstruktion eines verschollenen Balletts, das auf verschlungenen Pfaden nach Russland gelangt war und dort vor mehr als 20 Jahren in einer Schachtel wieder auftauchte. Ewigkeiten saß Ulrike Feld über den Kopien der schimmeligen, löchrigen Pergamentblätter, ergänzte verlorene Musikstellen, richtete ein, formulierte aus, bis im Herbst 1995 „Der Feensee“ nach einer Oper von Daniel Auber aufgeführt wurde. „Es war ein riesiges Puzzle“, sagt sie heute.

Der Dauerstress ist eine Gefahr

Auch wenn sie meist tief in ihre Noten versunken war, hatte Ulrike Feld doch ständig mit Musikern zu tun. „Und dabei merkte ich, dass die eigentlich viel mehr brauchen, als ihnen in ihrer Ausbildung beigebracht wird. Die sind extrem hohen Stressfeldern ausgesetzt.“ Das interessierte sie so sehr, dass sie ein komplettes Psychologiestudium und diverse therapeutische Zusatzausbildungen absolvierte, während sie gleichzeitig immer noch für Musiktheater und -verlage arbeitete.

„Musiker haben dieselben Stressspitzen wie Piloten beim Start. Das ist positiver Stress. Aber wenn er nicht absinken kann, wird er gefährlich.“ Natürlich, jeder denkt zuerst ans Lampenfieber, an die Versagensangst desjenigen, der sich im Auftritt exponiert. Feld kennt Profis, die Betablocker zur Beruhigung schlucken, Geiger, deren Hände zittern, Menschen, die so viel Angst vor der Ablehnung haben, dass sie am Ende nicht mehr auftreten können. „Sänger müssen oft zu 30 oder 40 Castings, bevor sie eine Rolle haben. Sie kommen eine Runde weiter, werden ausgesiebt, landen vor der Tür.“ Was macht man, damit einen dieses Maß an Ablehnung nicht demotiviert? „Es ist eine unglaublich harte Erfahrung.“

Und es gibt so viele Felder, auf denen Musiker alleingelassen sind: Wie kommt man mit zwischenmenschlichen Konflikten klar in einem kleinen Ensemble, in dem man auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist? Wie geht man mit seiner Zeit um, wenn erst über lange Monate gar nichts und dann plötzlich alles auf einmal klappt? Wie gründet man eine Existenz, wie sichert man sich richtig ab? Ulrike Feld coacht inzwischen Musiker in allen professionellen Fragen: Sie lehrt Entspannungsmethoden, hilft bei Existenzgründung und Zeitmanagement, und trainiert für Bühnenpräsentation. „Für den Sänger ist der ganze Körper das Instrument. Das fängt schon dabei an, das Richtige zu essen und zu trinken“, sagt sie. „Wichtig ist auch, gut zu schlafen und mal richtig abzuschalten.“