Ungewöhnliches Projekt der Filmakademie Ein Film über Ludwigsburg – ganz ohne Schloss und Barock

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Studenten der Filmakademie haben zum Stadtjubiläum einen aufwendigen Film produziert. Entstanden ist ein besonderes Porträt von Ludwigsburg und seinen Bewohnern – mit einigen Überraschungen.

Eine Szene aus „Stadtlücken“: Feiernde Musikfans in der Ludwigsburger Rockfabrik Foto: Film-Akademie 5 Bilder
Eine Szene aus „Stadtlücken“: Feiernde Musikfans in der Ludwigsburger Rockfabrik Foto: Film-Akademie

Ludwigsburg - Was macht eine Stadt aus? Im Kern? Was macht Ludwigsburg aus? Das millionenfach fotografierte Residenzschloss? Der barocke Marktplatz, Flaniermeilen, Shoppingcenter, Restaurants, die Basketballer und ihre Fans? Alles das gehört zu Ludwigsburg, und alles das haben René Colling , Tobias Gerginov und Denis Pavlovic weggelassen – bewusst. „Wir wollten keinen Imagefilm machen. Das war von Anfang an klar.“

Von einem Imagefilm ist „Stadtlücken“, das Werk der drei Studenten, tatsächlich so weit entfernt wie Hollywood vom Art-House-Kino. Ruhig, langsam, an manchen Stellen fast düster ist der 46 Minuten lange Film, der viel über Ludwigsburg erzählt und nebenbei auch die eingangs gestellte Frage beantwortet: Es sind die Menschen, die eine Stadt dazu machen, was sie ist.

Träumer, Künstler, Forscher

„Stadtlücken“ ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem Rathaus und der Film-Akademie und gleichzeitig ein Geschenk an Ludwigsburg zum 300. Geburtstag, an diesem Montag ist die Premiere im Caligari-Kino. Colling und Gerginov sind die Produzenten, Pavlovic ist der Regisseur. Geld haben sie für das Projekt nicht bekommen, dafür etwas anderes: Freiheit. „Anfangs hatten die Leute der Stadt sicher etwas Angst, dass der Film kein positives Bild zeigt“, sagt Colling. Trotzdem habe die Verwaltung keine Vorgaben gemacht, sich nicht eingemischt.

Sollte das Rathaus tatsächlich besorgt gewesen sein, so waren die Sorgen unbegründet. „Eine filmische Reise zu unerforschten Orten in Ludwigsburg “ lautet der Untertitel des Films, der eine Hommage geworden ist, ein liebevolles Porträt von Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber einen gemeinsamen Nenner haben: ihre Leidenschaft.

Eddy sieht man diese Leidenschaft nicht sofort an, wenn er durch die dunklen Gänge der Rockfabrik schlurft, in Richtung DJ-Pult. Seit 1988 steht er da, mehrmals die Woche, und beschallt eine der bekanntesten Diskotheken Deutschlands mit harter Gitarrenmusik. Für Eddy ist die Rofa kein Job, sondern ein Lebensinhalt. Oder wie Tobias Gerginov es ausdrückt: „Er hat ihr sein Leben geschenkt.“ Die Filmemacher haben Typen wie Eddy gesucht, um sie erzählen zu lassen, was ihre Träume sind und was sie mit Ludwigsburg verbindet.

Eddy, der langhaarige Metal-Fan, hat seinen Traum längst wahr gemacht. Diskjockey, sagt er im Film, sei früh sein Traumberuf gewesen. „Was gibt es Geileres?“ Währenddessen schwenkt die Kamera vom DJ-Pult in die Menge, auf ekstatische Gesichter, tanzende Körper. Er sehe sich nicht als Ludwigsburger, sagt Eddy, sondern als Weltbürger. Wäre es ein Werbefilm, hätten sie diesen Satz rausschneiden müssen. Die Studenten haben ihn drin gelassen.

Abseits des Spießertums

Der Kleinbürger, der Spießer, der Sparer – mit diesen Klischees hat die Welt die Schwaben belegt, und „Stadtlücken“ setzt einen Kontrapunkt. Der Film zeige eine Gesellschaft „weit entfernt von der deutschen Norm“, heißt es im offiziellen Begleittext der Film-Akademie. René Colling, geboren in Bielefeld und seit 2015 Student in Ludwigsburg, drückt es weit weniger pathetisch aus: „So schlimm finde ich es hier gar nicht.“ Er lacht dabei, weil er es hier eigentlich sogar ganz gut findet.

Erstsemester würden immer erst einmal darüber diskutieren, ob Ludwigsburg nun ein guter oder schlechter Standort fürs Studium sei, erzählt Tobias Gerginov. „Manche geben der Stadt gar keine Chance, viele zieht es eigentlich nach Berlin oder München.“ Er aber halte es für wichtig, sich zu öffnen und eine Stadt zu entdecken. „Ludwigsburg bietet viel Freiraum“, fügt Denis Pavlovic hinzu. „Vielleicht ist genau das die Besonderheit: Hier kann sich jeder entfalten.“

Berlin? Ludwigsburg!

Im Gegensatz zu Eddy sagt Markus Merkle in „Stadtlücken“ einen Satz, der perfekt in einen Imagefilm passen würde. „Es gab gute Gründe, nach Berlin zu gehen. Es gab aber auch gute Gründe, hier zu bleiben.“ Merkle ist geblieben und hat sich entfaltet als Künstler, Designer, Musiker. In der Karlskaserne bringt er jungen Menschen das Zeichnen bei. Die Kamera folgt ihm, wie er einen Pferdeschädel an einer Leinwand anbringt, damit seine Schüler den Kopf nachzeichnen können. Mit seinem Hut passt auch Merkle kaum ins Bild, das manche Nicht-Schwaben von Schwaben haben.

Menschen, die in bunten und selbstgenähten Ponykostümen zum Forum wackeln – auch das gehört zu Ludwigsburg. Es sind Besucher der GalaCon, bei der Fans der Serie „My Little Pony“ zusammenkommen. Oder der Robotik-Forscher, der in der Weststadt die Zukunft erfindet. Lange Kameraeinstellungen, wenige Schnitte, eindrucksvolle Bilder, kaum Kommentar – die Protagonisten, die Ludwigsburger, stehen in diesem Film klar im Vordergrund und damit an einer für sie ungewohnten Stelle. Es sind Menschen, die sich nicht selbst ins Rampenlicht rücken, sondern, so drückt es die Film-Akademie aus, „abseits der Öffentlichkeit wirken“.

Die Nazijäger werden zu Beginn gehasst

Auch auf Thomas Will trifft das zu, obwohl er für eine weltbekannte Institution arbeitet: die zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Er ist ein Nazijäger, seit vielen Jahren schon, und obwohl die Täter von damals aussterben, macht er weiter. Will erzählt, wie umstritten die 1958 gegründete Einrichtung anfangs in Ludwigsburg war – bei manchen sogar verhasst. Die ersten Mitarbeiter hätten keine Wohnung gefunden, Taxifahrer hätten sich geweigert, das Gebäude an der Schorndorfer Straße anzusteuern. Und so zeigt der Film an dieser Stelle, wie stark sich Ludwigsburg gewandelt hat. Wo früher keine Taxis warteten, hält heute ein Bus, und die Haltestelle trägt wie selbstverständlich den Namen „Zentrale Stelle“.

Als er damals des Jobs wegen nach Ludwigsburg gekommen sei, sagt Will, habe er erst einmal den „wunderbaren Wochenmarkt“ besucht, dem Treiben zugeschaut, Menschen kennengelernt. „Irgendwann ist man dann, ohne dass man es so genau merkt, plötzlich angekommen.“