Unterhaltung in Corona-Zeiten Heile Welt und Humor sind gefragt

Von red/dpa 

In schwierigen Zeiten besinnt man sich auf Tradition und Vertrautes. Darauf lässt zumindest das Medienverhalten in Deutschland in der Corona-Krise schließen.

In Krisenzeiten schalten noch mehr ein: Auch Oliver Welke und die „heute-Show“ erleben Rekordquoten. Foto: dpa/Sascha Baumann
In Krisenzeiten schalten noch mehr ein: Auch Oliver Welke und die „heute-Show“ erleben Rekordquoten. Foto: dpa/Sascha Baumann

Berlin - Wer dieser Tage den Film „Contagion“ von 2011 guckt, traut seinen Augen kaum, so nah scheint das Pandemie-Szenario an der Realität. Dann doch lieber eine Komödie, eine leichte Serie, einen Klassiker etwa beim neuen Streamingdienst Disney+ oder ZDF-Melodramen wie „Tonio & Julia“? Empfindliche Gemüter dürften Probleme bekommen, wenn sie ausgerechnet jetzt zum Beispiel die Netflix-Seuchenserie „The Rain“, den Virus-Klassiker „Outbreak - Lautlose Killer“ oder den Epidemie-Blockbuster „I am Legend“ mit Will Smith ansehen.

Die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher von der Universität Hamburg beobachtet in der Corona-Krise einen speziellen Konsum medialer Inhalte: „Ziel der Zuschauerinnen und Zuschauer ist die Stabilisierung ihrer eigenen Emotionen“, sagt die Medienforscherin. „Im Rahmen der von der Kommunikationswissenschaft als Mood Management bezeichneten Nutzung werden zurzeit gern unterhaltungsorientierte Formate etwa aus den Bereichen Animation und Comedy präferiert.“

In der Tat: Das ZDF-Comedyformat „heute-Show“ zum Beispiel erreichte kürzlich mit mehr als 5 Millionen Zuschauern einen Quotenrekord. Noch nie in elf Jahren sahen so viele die Satire-News mit Oliver Welke.

Mehr Nachrichten, aber auch mehr Shows

Ungeahnte Hochs erfahren auch die Nachrichtensendungen und -sender wie die ARD-„Tagesschau“ und ZDF-„heute“, „RTL aktuell“ sowie n-tv und Welt. Die RTL-Gruppe verzeichnete in jüngster Zeit neben einem gestiegenen Bedürfnis nach Nachrichtensendungen auch große Lust auf etablierte Formate. So hieß es Anfang April: „Dass die Menschen angesichts der Krise auch verstärkt vertraute Unterhaltungsangebote suchen, zeigen beispielsweise die neuen Jahresbestwerte der RTL-Showhighlights „Wer wird Millionär?“ (bis zu 5,36 Millionen Zuschauer im März) oder die zuletzt ohne Studiopublikum produzierten Liveshows von „Let’s Dance“ (bis zu 4,98 Millionen Zuschauer).“

Die Besinnung auf Klassiker scheint im Trend zu liegen: Auch beim beliebtesten TV-Format der Deutschen, dem ARD-Sonntagskrimi „Tatort“, waren die Einschaltquoten in den vergangenen Wochen überdurchschnittlich. Schauten 2019 im Schnitt jeden neuen Krimi der Reihe gut neun Millionen im Ersten an, waren es am 22. und 29. März und am 5. April jeweils um die zehn Millionen.

Im Vergleich zur unerwarteten Realität liefert der „Tatort“ zurzeit geradezu eine heile Welt des Verbrechens. In den vor der Epidemie abgedrehten und nun ausgestrahlten Krimis kommen Corona und Co. natürlich nicht vor. Eine Seuche war beim „Tatort“ zuletzt im August 2014 Thema. Damals tauchte im österreichischen Krimi „Virus“ in einem beschaulichen Dorf in der Steiermark ein Ebola-Infizierter auf.

„Quarantäne-WG“ nicht gefragt

Als eher kurzlebiger Trend dürften unterhaltungsorientierte Formate „in der ansonsten informationsorientierten Corona-Krisenkommunikation“ gelten, wie Bleicher es formuliert. So setzte RTL seine sogenannte Quarantäne-WG zur besten Sendezeit mit Oliver Pocher, Thomas Gottschalk, Günter Jauch und wechselnden Talkgästen wie Michelle Hunziker recht rasch wieder ab.

„Das war ein Experiment, und wir haben es nach drei Ausgaben auch wieder eingestellt, weil man eine Social-Media-Dramaturgie nicht einfach so auf TV übertragen kann“, sagte Jörg Graf, Geschäftsführer von RTL Television, im Interview von „medienpolitik.net“.

Aus zahlreichen Reaktionen des Publikums wisse man aber, so Graf, dass der Unterhaltung zurzeit „ein besonderer Stellenwert“ zukomme: „Viele Menschen sehnen sich nach einem Stück Normalität, nach Tagesstruktur und auch Ablenkung.“

Medienkonsum steigt

Bestsellerautor Sebastian Fitzek („Die Therapie“, „Der Insasse“) gestand der Deutschen Presse-Agentur, dass ihm wichtig sei, dass die ausweglosen Situationen, in der die Charaktere seiner Psychothriller steckten, die Ausnahme sein sollten - und schon gar nicht Realität. „Jetzt stecken wir tatsächlich in einer existenziellen Krise. Das taugt nicht zur Unterhaltung.“ Aber: „Der Mensch muss sich mit spannenden Dingen ablenken, um die Realität kurzzeitig zu verdrängen. Ein Thriller ist dazu in der Lage.“ Das könne ganz gesund sein.

Welche medialen Inhalte in der aktuellen Krise jemandem helfen klarzukommen, bleibt dem Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos zufolge aber individuell. Klar sei nur, dass mehr Medien konsumiert werden, einfach weil die Alternativen fehlten, wenn man sich ans empfohlene Zuhausebleiben halte, sagt der Forscher von der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam. Viele schauten das, was sie sonst auch mögen, nun aber einfach mehr. Wer sonst keine romantischen Komödie möge, werde sie in Zeiten der Pandemie nicht plötzlich lieben.