Unterirdische KZ-Gedenkstätte im Salzstollen Rückkehr an den Schreckensort

Von Rudi Fritz 

Zur Wiederöffnung des Besucherbergwerkes in Kochendorf bei Heilbronn kommen auch zwei ehemalige KZ-Gefangene. Sie hatten dort für die Nazis schuften müssen.

Von 1944 bis kurz vor Kriegsende mussten in diesem Bergwerk in Kochendorf bei Heilbronn bis zu 1800 Häftlinge Rüstungsgüter herstellen. Foto: Miklos-Klein-Stiftung
Von 1944 bis kurz vor Kriegsende mussten in diesem Bergwerk in Kochendorf bei Heilbronn bis zu 1800 Häftlinge Rüstungsgüter herstellen. Foto: Miklos-Klein-Stiftung

Heilbronn - Am 28. April 2012 wird das seit Jahren stillliegende Salzbergwerk Bad Friedrichshall-Kochendorf (Kreis Heilbronn) wieder als Besucherbergwerk eröffnet. Mehr als 200 Ehrengäste sind von der Südwestdeutschen Salzwerke AG eingeladen. Es werden auch zwei Gäste erwartet, die vor 68 Jahren schon einmal da unten gewesen sind. Aus Israel wird Eliezer Schwartz anreisen und Pierre Dawance aus Frankreich hat sein Kommen ebenfalls zugesagt. Der Besuch der beiden hatte zunächst ein wenig Irritationen ausgelöst. Überhaupt war der Weg zur Wiedereröffnung des Besucherbergwerkes nicht frei von Irritationen – politischen und finanziellen. Die AG gehört zu mehr als 90 Prozent dem Land und der Stadt Heilbronn.

Schwartz und Dawance sind inzwischen über 80 Jahre alt. Im Herbst 1944 wurden sie als junge Burschen in das im Kochendorfer Salzbergwerk von September 1944 bis März 1945 hier untergebrachte Konzentrationslager als Häftlinge eingewiesen. Als Zwangsarbeiter der deutschen Rüstungsindustrie und deren Zulieferern im Unterland mussten sie unter erbärmlichen Zuständen arbeiten. In zwei Salzkammern wurden – sicher vor alliierten Bombern – für die Ernst Heinkel Flugzeugwerke Flugzeugturbinen montiert.

Der Lagerkommandant war ein skrupelloser Sadist

Schwartz und Dawance wurde hierher verschleppt, weil sie in der Metallbranche trotz ihrer Jugend einiges an Erfahrungen mitbringen konnten. Zunächst waren hier 653 Gefangene aus Polen, Italien, Luxemburg, jüdische Häftlinge aus Ungarn und einige Deutsche untergebracht. Bis Ende März 1945 wurden 1700 Männer – unter anderem in großen Barackenlagern – gefangen gehalten. Sie wurden geschlagen, gedemütigt und bei wenig Nahrung durch Arbeit ausgebeutet. Lagerkommandant war Eugen Büttner, ein skrupelloser Sadist. Im KZ und auf dem anschließenden Todesmarsch sind mindestens 447 Menschen ums Leben gekommen.

Eliezer Schwartz ist der einzige Überlebende seiner Familie, alle anderen wurden im Holocaust ermordet. Er und sein Schicksalsgefährte Dawance sind gespannt auf das Wiedersehen mit jener Stätte etwa 200 Meter unter Tage, die viele ihrer Mithäftlinge nicht überlebten. Die beiden aber überstanden sogar den berüchtigten Todesmarsch über Schwäbisch-Hall-Hessental ins KZ Dachau und dort die Tage bis zur Befreiung durch die Amerikaner.

Eliezer Schwartz kommt aus Haifa nicht allein nach Kochendorf. Er wird begleitet von seiner Tochter und Enkeltochter und will ihnen zeigen, wie das damals im Bergwerk gewesen war. Er hat auch vor, mit ihnen einen Teil der Strecke des Todesmarsches über Hohenlohe nach Bayern zurückzulegen. Und er möchte, so wie sein französischer Kamerad, in der KZ-Gedenkstätte eine Rede halten. Sie war, wie das gesamte Bergwerk, die vergangenen Jahre nicht zugänglich. Pläne, hier „Luke dicht“ zu machen, hatten Aufsehen erregt, auch um die Finanzierung des Besucherbergwerkes mit KZ-Gedenkstätte wurde gestritten. Schließlich wurde dem Antrag auf Weiterführung der damals noch oppositionellen SPD-Fraktion im Stuttgarter Landtag mehrheitlich gefolgt. Heute ist der SPD-Abgeordnete Ingo Rust Vorsitzender des Aufsichtsrates der Südwestsalz und wird die Festrede halten.

Fast wäre die Gedenkstätte geschlossen geblieben

„Ohne diese KZ-Gedenkstätte gäbe es das Salzbergwerk Kochendorf nicht mehr und künftig auch kein Besucherbergwerk“, sagt der Friedrichshaller Bürgermeister Peter Dolderer. Er ist Vorsitzender des Kuratoriums der nach einem Häftling benannten Miklos-Klein-Stiftung, die sich seit Jahren um die Erhaltung der KZ-Gedenkstätte bemühte, zusammen mit dem Freiburger Journalisten Klaus Riexinger gehört er zu den treibenden Kräften. Vom 1. Mai 2012 werden nun wieder die Besucher einfahren können, auch jene, denen es in erster Linie um die Erinnerungsstätte für die KZ-Häftlinge geht.

Zum allgemeinem Erstaunen kündigt das gedruckte Programm den geladenen Gästen nur ganze zehn Minuten Verweildauer bei der KZ-Gedenkstätte an, bereichert durch einen Liedvortrag. Für die Erinnerung an die Leiden der Häftlinge wäre zwischen den geplanten Rundgängen im Stollen keine Zeit mehr gewesen.

Diese unsensible Programmgestaltung der Salzwerke musste Aufsehen erregen. Inzwischen, so der Kuratoriumsvorsitzende Dolderer, aber scheinen sie eingesehen zu haben, dass es so nicht geht. Bis zum 28. April bleiben ja noch ein paar Tage Zeit. Auch um die arg heruntergekommene Gedenkstätte selbst wieder herzurichten. Selbst die Aufhängungen für Bilder und Zeugnisse der Leidenszeit sind verrostet.