Unterversorgung in Stuttgart Viel zu wenig Spielflächen in der Stadt

Spielplatz am Züblin-Parkhaus: Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne)  kritisiert, dass die Stadt aufgrund  jahrelanger Sparpolitik nicht über die Ressourcen verfüge, Spielgeräte in Eigenleistung – und damit schnell – zu reparieren. Oft warte man Jahre auf Ersatz. Foto: Mario Esposito
Spielplatz am Züblin-Parkhaus: Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) kritisiert, dass die Stadt aufgrund jahrelanger Sparpolitik nicht über die Ressourcen verfüge, Spielgeräte in Eigenleistung – und damit schnell – zu reparieren. Oft warte man Jahre auf Ersatz. Foto: Mario Esposito

In der Stuttgarter Innenstadt fehlt es an Spielplätzen. Die Verantwortlichen wissen seit Jahren Bescheid. Temporäre Angebote sollen die Lage nun verbessern.

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Stuttgart - Es gibt zu wenig Spielflächen in Stuttgart und das seit Jahren. Das geht aus dem Spielflächenleitplan der Stadt hervor. Danach betrifft die Unterversorgung alle Bezirke, am stärksten jedoch Stuttgart-Mitte. Wollte die Stadt ihren eigenen Vorgaben gerecht werden, müssten im Bezirk sage und schreibe 60 000 Quadratmeter Spielfläche mehr zur Verfügung stehen.

„Die Lage ist dramatisch“, konstatiert die Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne). Sie kennt die Orte und die Menschen ihres Bezirks, steht mit Ämtern und Institutionen in Kontakt und weiß aus jahrelanger Erfahrung um die Notwendigkeit, Machbarkeit gegen Bedarf abzuwägen und am Ende doch lösungsorientiert zu bleiben. „Ich wünsche mir“, sagt die Bezirksvorsteherin, „dass die Stadt auf nicht kommerzielle Belange wie die unserer Kinder die gleiche Sorgfalt und Mühe verwendet wie auf die Belange kommerzieller Interessengruppen. Spielplätze sind Daseinsvorsorge – nicht Luxus.“

Den Bedarf zu ermitteln, ist eine komplexe Aufgabe

Rückendeckung erhält sie von der Kinderbeauftragten der Stadt, Maria Haller-Kindler: „Auf den ersten Blick ist klar sichtbar, dass es in fast allen Teilplanungsbereichen in Mitte einen gravierenden Fehlbedarf im Vergleich zu den Richtwerten gibt.“ Die Höhe des Fehlbedarfs ergibt sich aus der jüngsten Fortschreibung des Spielflächenleitplans, die allerdings auf das Jahr 2011/2012 datiert ist. Doch der Plan hat insofern noch immer Gültigkeit, als dass er dem Amt für Stadtplanung und Wohnen, dem die wohnungsnahe Versorgung Kinder und Jugendlicher mit angemessener Spiel- und Bewegungsfläche obliegt, bis heute zur Orientierung dient. Viele, die zur Zeit der Fortschreibung dieses Plans Kinder waren, dürften mittlerweile allerdings den Führerschein haben.

Die Kinderbeauftragte betont die Komplexität der Aufgabe, den Bedarf an Spielfläche zu ermitteln. Zu berücksichtigen seien die Bevölkerungsdichte, der Kinderanteil, der Grad der Bodenversiegelung und der Grad der Überbauung. Daraus ergibt sich der Bedarf an Spielfläche pro Einwohner. Der liegt im Bezirk Mitte bei knapp vier Quadratmetern. Besagter Spielflächenleitplan weist gesamtstädtisch einen Versorgungsgrad von nur rund 70 Prozent aus. Im Bezirk Mitte allerdings sieht die Situation deutlich ernster aus. Der Bezirk ist baulich stark verdichtet und durch eine Mischung aus Büros, Handel und Wohnraum geprägt. Tatsächlich beträgt der Versorgungsgrad hier gerade einmal knapp 25 Prozent, was rein rechnerisch einem Fehlbedarf und damit der Versorgungslücke von mehr als 60 000 Quadratmetern entspricht – einer Fläche fast so groß wie neun Fußballfelder.

Die Stadt liegt zu drei Vierteln unter ihren Vorgaben

Im Bezirk Mitte liegt die Stadt also zu gut drei Vierteln unter ihren eigenen Vorgaben. Die Pressestelle der Stadt bestätigt das und gibt in diesem Zusammenhang Nachbesserungen bekannt: „Die Bedarfsermittlung wird derzeit anhand der Fortschreibung des Spielflächenleitplans 2011/2012 durchgeführt. Dieser Plan, der seit mehreren Jahrzehnten besteht, wird ab Herbst 2021 unter Beteiligung aller relevanten Fachämter aktualisiert.“ Dabei werde er inhaltlich um die Zielgruppen Jugendliche sowie Kinder und Jugendliche mit Behinderungen erweitert. „Der Spielflächenleitplan 2021/2022 wird somit noch umfassender auf die Belange von Kindern und Jugendlichen eingehen.“

Die Frage, ob es denn Fehler oder Streitpunkte bei der Bedarfsermittlung gebe, beantworten die Verantwortlichen der Stadt mit dem Hinweis auf die „steigende Flächenknappheit“. Sie sprechen von einem „Aushandlungsprozess“. So rechnet man bei der Stadt zum Beispiel zur Fläche existierender Spielplätze auch bauliche Strukturen hinzu, deren Nutzen Bezirksvorsteherin Kienzle für fragwürdig hält: „Treppen, Einfriedungen um Litfaßsäulen und Beete mit Bodendeckern, in denen Anwohner ihre Hunde Gassi führen, sind für spielende Kinder nicht nutzbar“, sagt Veronika Kienzle.

Die Stadt argumentiert hier, dass es gerade die nicht vorgeplanten Räume seien, die Kreativität, Eigenständigkeit und Neugier förderten. Außerdem, so Kienzle, nähmen Anwohner und angrenzende Büros immer wieder Einfluss auf die Nutzung und Ausgestaltung der Spielplätze, verhinderten einmal den Bau von Klettergerüsten, erzwängen ein anderes Mal knappere Öffnungszeiten – stets mit dem Argument der Lärmbelästigung. Zudem hapere es bei der Instandhaltung. „Aufgrund jahrelanger Sparpolitik verfügt die Stadt nicht über die Ressourcen, um Spielgeräte in Eigenleistung und damit schnell zu reparieren oder zu ersetzen“, sagt die Bezirksvorsteherin.

Die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen verlange zudem, Gewerke überregional auszuschreiben. „Bei Reparaturen und Reklamationen hat man es mit Firmen aus dem ganzen Bundesgebiet zu tun. Es kommt vor, dass eine kaputte Schaukel abmontiert wird und die Kinder ein bis zwei Jahre auf Ersatz warten“, sagt Veronika Kienzle.

Mehrere Spielflächen sollen saniert und umgestaltet werden

Immerhin, in den kommenden Monaten sollen die Spielflächen an der Lorenzstaffel, an der Eugen- und an der Brennerstraße saniert und teilweise umgestaltet werden. Auch bei der Neugestaltung des Züblin-Areals möchte die Stadt das derzeitige Spiel- und Bewegungsangebot erhalten. Das gelte sowohl quantitativ als auch qualitativ. Und darin zumindest scheinen sich die Bezirksvorsteherin Mitte und die Verantwortlichen der Stadt einig zu sein: Immer mehr gehe der Trend zu niederschwelligen, meist temporären Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten, die eben nicht umzäunt und klar definiert, sondern kreativ in bestehende urbane Strukturen integriert sind.

Temporär installierte Fitnessgeräte stoßen auf Anklang

Mit externer Unterstützung hat die Stadt den „Masterplan für urbane Bewegungsräume“ erstellt. Danach werden am Österreichischen Platz unter anderem Hüpfspiele für Kinder umgesetzt. Seit einigen Wochen finden bei Jugendlichen temporär installierte Fitnessgeräte Anklang, zunächst auf dem Kleinen Schlossplatz, mittlerweile in der Kronprinzstraße. Noch im Herbst sollen ebenfalls auf dem Kleinen Schlossplatz Teqball-Platten aufgestellt werden. All diese Maßnahmen sollen das vorhandene Defizit lindern. Wettmachen werden sie es kaum.




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