Urlaub an der Nordsee Grandioses, gefährliches Wattenmeer

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Stundenlange Wanderungen im Wattenmeer – das genießen jetzt wieder viele Nordsee-Urlauber. Doch Vorsicht: Oft kommt das Wasser schneller als erwartet zurück. Jüngster Fall: Nur dank eines Helikopters wurden drei Männer im Watt an der Elbmündung vor dem sicheren Tod bewahrt.

Watt-Wanderer  gehen durch den Schlick  vor Upleward in der ostfriesischen Gemeinde Krummhörn. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa 16 Bilder
Watt-Wanderer gehen durch den Schlick vor Upleward in der ostfriesischen Gemeinde Krummhörn. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Cuxhaven/Neufeld - Der wichtigste Tipp für Watt-Wanderer liegt auf der Hand: Sie müssen wissen, wann die Flut kommt. Das aber scheint nicht für jeden selbstverständlich. Jedes Jahr – vor allem im Sommer – müssen Einsatzkräfte Wanderer, aber auch Schwimmer, Surfer oder Segler aus Notlagen retten.

Wie zuletzt am 10. Juni an der Elbmündung bei Neufeld in Schleswig-Holstein: Nur dank ihrer Handy-Taschenlampen und eines privaten Rettungshubschraubers haben drei bis zur Brust im Watt versunkene Männer bei Dunkelheit vor dem Ertrinken bewahrt werden können. Das Trio war mit seinem Boot havariert und hatte versucht zu Fuß an Land zu kommen. Dabei versanken die Männer im Schlick und konnten sich selbstständig nicht mehr befreien.

Helikopter mit Handy-Taschenlampen den Weg gewiesen

Es gelang ihnen daraufhin zwar, gegen 22 Uhr per Handy Rettungskräfte zu alarmieren. Doch die Feuerwehren aus Neufelderkoog, Marne und Brunsbüttel waren zunächst machtlos. Zum einen haben sie wegen der Dämmerung die Schiffbrüchigen von Land aus nicht lokalisieren können, zum anderen war wegen des schwierigen Geländes auch der Einsatz der Rettungstaucher aus Itzehoe nicht möglich. Die Feuerwehr Brunsbüttel verständigte daraufhin einen Rettungshubschrauber, der nach zehn Minuten eintraf.

Damit er die Männer in der Dunkelheit finden konnte, forderte die Feuerwehr die Havaristen auf, mit ihren Handy-Taschenlampen in den Himmel zu leuchten. So konnte die Hubschrauberbesatzung die drei Männer laut Feuerwehr bereits im ersten Anflug ausmachen, sie mit einer Seilwinde aus dem Schlick ziehen und auf dem Deich absetzen. Insgesamt dauerte der Einsatz nach Angaben der Feuerwehr rund drei Stunden.

Ohne den Einsatz des Helikopters der privaten Firma Northern Helicopter, die auf Luftrettung für die Offshore-Industrie spezialisiert ist, wäre eine Rettung nur schwer möglich gewesen, sagt Lars Paulsen, Einsatzleiter der Feuerwehr Brunsbüttel. „Nicht nur an die Männer über den Land- oder Wasserweg heranzukommen wäre sehr zeitaufwendig und kräftezehrend gewesen, sondern auch die Befreiung aus dem Schlick selbst“, erklärt Paulsen. „Die Einsatzkräfte wären ebenso eingesunken und hätten keine Möglichkeit, die nötige Kraft aufzuwenden, um die Personen aus dem Schlick zu ziehen.“

Spaziergang auf dem Meeresboden

Eine „klassische Situation“, betont Antke Reemts, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). Die Menschen seien oft zu weit draußen im Watt und würden vom auflaufenden Wasser überrascht. Dabei seien viele Notfälle bei Umsicht und richtiger Vorbereitung vermeidbar.

Deshalb gilt als Regel: Der erste Blick vor einer Wattwanderung müsse dem Gezeiten-Kalender gelten. Wann zieht sich das Wasser zurück, ab wann steigt es wieder? Auch den Wetterbericht sollte man kennen und nur bei Tageslicht gehen. Dabei ist gegen einen Spaziergang auf dem Meeresboden dicht vor dem Strand nichts einzuwenden.

„Wir raten grundsätzlich dazu, nur so weit ins Watt zu gehen, dass man in zehn Minuten bei normalen Tempo wieder ans Ufer kommen kann“, sagt Tim Schriemer, Einsatzleiter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) im Bezirk Oldenburg Nord. Für längere Strecken oder Wanderungen zu vorgelagerten Inseln sollte man sich einem Führer anvertrauen.

Gefährliche Priele

„Die Gefahren sind zu schwer einzuschätzen“, ergänzt Christoph Plaisier von der DLRG in Cuxhaven. Natürliche Wasserläufe im Watt – sogenannte Priele – können zu reißenden Flüssen werden, Schlickfelder den Weg versperren. „Auch Seenebel ist eine Gefahr.“ Nicht weniger lebensgefährlich sei Gewitter im Watt, „weil der Mensch der höchste Punkt ist“, erklärt Wattführer Ohle thor Straten vom Verband „Wattenlöpers“ im Nationalpark Schleswig-Holstein.

Seiner Erfahrung nach passieren die meisten Notfälle, wenn mehrere Probleme zusammenkommen. Ähnlich sieht es die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) in Bremen. „Ein kleines Problem kann sich auf See rasch auswachsen“, sagt Sprecher Christian Stipeldey. Das könne selbst erfahrene oder gut vorbereitete Sportler im Watt treffen.

Um im Notfall Hilfe rufen zu können, haben die meisten ihr Smartphone dabei. Aber nicht überall im Watt gebe es Empfang, gibt Tim Schriemer zu bedenken. Er rät dazu, auch eine Trillerpfeife parat zu haben oder notfalls das T-Shirt zu schwenken. Ein weiterer Tipp: vor der Wanderung genau Bescheid sagen, welche Route man gehen will. Dann kann der Kontakt an Land Alarm auslösen, wenn die Wanderer überfällig sind.

Weltnaturerbe Wattenmeer

Seit 2014 steht das Wattenmeer an der Nordsee auf der Weltnaturerbeliste der Unesco. Das rund 11 500 Quadratkilometer große Gebiet erstreckt sich über eine fast 500 Kilometer lange und bis zu 40 Kilometer breite Küstenlandschaft zwischen dem dänischen Skallingen im Nordosten und dem niederländischen Den Helder im Südwesten.

Mit rund 10 000 Tierarten (allein bis zwölf Millionen Vögeln) gehört das Wattenmeer zu den reichhaltigsten Lebensräumen der Welt. Pro Quadratmeter finden sich 50 000 Wattschnecken, zwölf Kilogramm Miesmuscheln, 100 Wattwürmer und 100 000 Schlickkrebse.

Das Watt wird zweimal am Tag während des Hochwassers überflutet und fällt bei Niedrigwasser wieder trocken, wobei das Meerwasser oft durch tiefe Ströme (Priele) abfließt. Der zeitliche Abstand zwischen einem Hochwasser und einem Niedrigwasser beträgt durchschnittlich sechs Stunden.




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