Urlaubserinnerungen Saint-Tropez am Baggersee

Von Georg Friedel 

In einer Serie berichten wir darüber, was unsere Mitarbeiter als Kind im Sommerurlaub erlebt haben. Georg Friedel hatte den Hirschauer Baggersee fast vor seiner Haustür und tauchte dort in den Sommerferien regelmäßig ab.

Mangels vorhandener Urlaubsfotos aus Kindertagen hat sich Georg Friedel diese Zeichnung    von seiner Zeit als Bademeister anfertigen lassen. Foto:  
Mangels vorhandener Urlaubsfotos aus Kindertagen hat sich Georg Friedel diese Zeichnung von seiner Zeit als Bademeister anfertigen lassen. Foto:  

Stuttgarter Norden - Mensch, war das toll: Als wir Kinder waren und an der Nordsee Sandburgen gebaut haben. Oder an der Riviera Tretboot gefahren sind und im Capri-Sonne-T-Shirt vor der Gelateria in Palermo das beste Pistazieneis unseres noch jungen Lebens geschleckt haben.

Wo andere in Urlaubserinnerungen schwelgen, existiert bei mir nur ein großes schwarzes Loch. Von einem Familienurlaub mit meinen drei älteren Geschwistern in den 1960er Jahren am Gardasee gibt es noch ein paar schemenhafte Bilder in meinem Kopf, aber keine Fotos mehr. Dann waren wir noch zweimal in Bernau im Schwarzwald. Ansonsten kann ich meine Hirn-Synapsen noch so sehr malträtieren, danach war nichts mehr: Nada, niente.

Im Sommer auf der faulen Haut liegen – das gab es nicht

„Aber irgendein Urlaubsfoto muss es doch von uns allen noch geben“, sagte ich neulich entnervt zu meiner fast 94-jährigen Mutter. Sie schaute mich mitleidig an, als wolle sie sagen: „Im Sommer nur auf der faulen Haut und am Strand liegen: das war bei uns damals nicht üblich.“ Tatsächlich war mein Vater ein echter Workaholic. Er war Oberarzt an der Tübinger Nervenklinik und malochte wie ein Verrückter: von morgens um 8 Uhr bis abends um 22 Uhr. Im Sommer, wenn wir Kinder Schulferien hatten, ging er fleißig zur Arbeit. Die Muse fürs Reisen fand er erst später.

Meine Mutter war ebenfalls den ganzen Sommer über beschäftigt. Sie hatte unseren parkähnlichen Garten nach und nach in eine Anbaufläche für Obst und Gemüse umgewandelt. Ihr Versuch, uns Kinder in diese florierende landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft zu integrieren, funktionierte allerdings nur eine Zeit lang. Auch ich musste als Jüngster (Jahrgang 1959) von uns vier Kindern regelmäßig zu Hacke und Spaten greifen – bis ich in die Pubertät kam und gegen diese Art von Kinderarbeit rebellierte. Statt Gartenarbeit zu erledigen, ließ ich mir die Haare wachsen, zog mich in mein Zimmer zurück und legte am Schuljahresende „School’s Out For Summer“ von Alice Cooper auf.

Der Hirschauer Baggersee lag nur fünf Minuten entfernt

Eigentlich war mein Ferienbeginn eine Zeit lang so strukturiert, wie es der jugendliche Ich-Erzähler im Roman „tschick“ von Wolfgang Herrndorf erzählt: „Ich wachte so früh auf wie an jedem Schultag, das ließ sich leider nicht abstellen. Aber die Stille im Haus machte mir gleich klar: ich bin allein, es sind Sommerferien, das Haus gehört mir, und ich kann machen, was ich will.“ Mit einem klitzekleinen Unterschied: Den Pool vor der Terrassentür des elterlichen Hauses wie bei Maik Klingenfeld in „tschick“ gab es bei uns daheim nicht.

Dafür lag der Hirschauer Baggersee gerade mal fünf Minuten zu Fuß entfernt. Ich lebte sozusagen am See. Also tauchte ich dort regelmäßig ab. Im Tübinger Freibad machte ich mit 16 Jahren das DLRG-Rettungsschwimmabzeichen. Die Prüfung hatte kampfschwimmerähnliche Züge, aber den Vorteil, dass ich damit als Bademeister arbeiten konnte.

Der Job am Beckenrand war kein reines Vergnügen

Meine Tante Käthe, die einen Campingplatz im Odenwald betrieb, stellte mich während der Sommerferien ein. Rund um den Campingplatz gab es nicht nur ein Frei- und ein Hallenbad. Man konnte auch Reiten, Tennis und Tischtennis spielen. Alles Dinge, die mir Spaß machten. Sich zudem als Bademeister zu verdingen, um noch ein paar Mark zu verdienen, war mir nicht unangenehm. Ein reines Vergnügen war der Job am Beckenrand aber auch nicht. Kein Hauch von Cote d’Azur oder Capri lag in der Luft, dafür der Duft von Pommes und Provinz. Biedermeier-Camper aus dem Hunsrück oder Gelsenkirchen mit Killerplauzen strandeten hier in der Einöde – im Schlepptau ihr ebenfalls nicht mehr taufrisches Ehegespons. Weißbestrumpfte Adiletten-Träger mit Goldketten, Feinripp-Unterhemd und Rothändle-Schachtel im Hosenbund schlurften über den Campingplatz in Richtung Bierklause, die Frauen in Kittelschürzen brachten das dreckige Campinggeschirr zur Abwaschstelle. Kaffeebraune Schönheiten im String-Tanga oder schwedische Blondinen mit Traummaßen suchte ich vergebens. Nada, niente! Meine Bademeister-Ambitionen erlahmten nach diesem tristen Sommer schnell wieder. Stattdessen packte mich, kaum dass ich mit 18 Jahren von zu Hause ausgezogen war, das große Fernweh. Es galt viel nachzuholen.

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