Verein sagt Veranstaltung in Althütte ab Kein Fest im „indischen Dorf“

Von Annette Clauß 

Am zweiten Wochenende im September verwandelt der Verein Mädchenschule Khadigram den Rathausplatz von Althütte in ein indisches Dorf – mit Rikschas, typischen Speisen und Musik. Seit zwölf Jahren ist das so – doch nicht in diesem Jahr. Wieso und was der Verein stattdessen plant verraten wir hier.

Für  Slumbewohner  der  Stadt  Anand organisiert der Verein derzeit Essen – sie haben wegen der Corona-Pandemie keinerlei Verdienstmöglichkeiten Foto: privat
Für Slumbewohner der Stadt Anand organisiert der Verein derzeit Essen – sie haben wegen der Corona-Pandemie keinerlei Verdienstmöglichkeiten Foto: privat

Althütte - Es ist eine Enttäuschung für alle, die sich auf Mango-Lassi, indische Speisen, Bollywood-Dance und eine Rikschafahrt gefreut haben: Das Fest im indischen Dorf, das der Verein Mädchenschule Khadigram seit zwölf Jahren Mitte September auf dem Rathausplatz in Althütte veranstaltet hat, fällt in diesem Jahr aus. Marianne Frank-Mast, die den Verein im Jahr 2003 gegründet hat, ist diese Entscheidung wahrlich nicht leicht gefallen. Denn ihr kleiner Verein ist dringend auf die Spenden und Einkünfte angewiesen, die beim Fest zusammenkommen. Damit finanziert der Verein Schulen für indische Mädchen, die sonst keinerlei Zugang zu Bildung hätten, und gibt ihnen eine Chance auf eine bessere Zukunft.

Der Grund für die Absage ist das Coronavirus. „Die Gemeinde würde mir zwar eine Genehmigung erteilen, aber ich müsste haften, wenn ein Cluster entsteht“, sagt Marianne Frank-Mast, die Krankenschwester ist: „Angenommen das wäre trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der Fall, dann gäbe das negative Schlagzeilen und die kann ich mir nicht leisten.“

Das Fest ist eine wichtige Einnahmequelle

Auf dem recht kleinen Rathausplatz dürften maximal 100 Menschen gleichzeitig sein, deren Daten müssten erfasst werden – doch die überschaubare Schar der Vereinsmitglieder ist in normalen Jahren schon vollauf damit beschäftigt, Essen und Getränke auszugeben, das Fest am Laufen zu halten und Gäste über die Vereinsarbeit zu informieren. „Zum Fest im indischen Dorf kommen viele Leute von weiter her, aus dem Raum Tübingen und Reutlingen zum Beispiel“, sagt Marianne Frank-Mast. Diese Gäste wären sicherlich verärgert, wenn sie nach längerer Fahrt in Althütte landeten und dann nicht auf den Platz dürften, weil die maximale Besucherzahl bereits erreicht ist.

Auch das will die Vereinsvorsitzende nicht riskieren, so sehr die Einnahmen von rund 6000 Euro fehlen werden. Das Fest sei immer ein Anlass, alte Bekannte zu treffen und neue Unterstützer vom Projekt zu überzeugen, sagt Frank-Mast, die zwei Mal im Jahr nach Indien reist, um sich über die Fortschritte ein Bild zu machen. Anstrengende Reisen, die alles andere als ein Urlaub sind.

Mit einem der letzten Flieger raus aus Indien

Die übliche Frühjahrsreise hat Frank-Mast noch gemacht – und es ganz knapp wieder zurück nach Althütte geschafft: „Ich bin am 12. März mit einem der letzten Flieger aus Indien rausgekommen“, erzählt sie. Solange es keinen sicheren Impfstoff gibt, wird Marianne Frank-Mast nicht nach Indien fliegen. Das sei natürlich nicht optimal, sagt sie – aus der Ferne sei es schwieriger, die Abläufe vor Ort zu kontrollieren. Zum Glück habe der Verein Partner, die bislang anstandslos gearbeitet hätten, und: „Ich will jeden Schritt sehen, alles wird dokumentiert.“

Da die Schulen in Indien nach wie vor geschlossen sind, läuft der Unterricht vorwiegend über das Fernsehen. Keine Option für die vom Verein betreuten Kinder, die im Slum der Stadt Anand leben, wo es kein fließendes Wasser geschweige denn Strom oder ein Fernsehgerät gibt. Mit einer Sondergenehmigung gehen die Lehrerinnen der vom Verein unterstützen Schule daher ins Slum, verteilen Essen und Hausaufgaben an die 230 Kinder.

„Wir wollen den Kindern zumindest so viel zu essen zur Verfügung stellen, dass ihre Organe nicht leiden“, sagt Marianne Frank-Mast, die sich zudem vorgenommen hat, für acht Wochen möglichst viele Familien im Slum mit dem Allernötigsten zu versorgen, denn diese können ihre Tätigkeiten als Schuhputzer, Müllsammler und fliegende Händler nicht ausüben und sind von Hunger bedroht. Reis, Mehl, Linsen, Öl, Salz, Zucker, etwas Seife und Waschmittel stecken in den Paketen, die jeweils 11,50 Euro kosten und das schlimmste Elend lindern können.

Mehr über das Projekt kann man hier und hier erfahren.




Unsere Empfehlung für Sie