Vereine im Strohgäu Die Chöre betreten wieder die Bühnen

Christof Eßwein am Klavier leitet die Korntaler Young Voices. Der junge Chor wurde Anfang  2019 gegründet. Foto: Simon Granville
Christof Eßwein am Klavier leitet die Korntaler Young Voices. Der junge Chor wurde Anfang 2019 gegründet. Foto: Simon Granville

Die Chöre dürfen wieder fast so wie vor der Coronakrise proben. Das nutzen viele Vereine und planen außerdem Auftritte. Manche gehen auch neue Wege, zeigt ein Beispiel aus dem Strohgäu.

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Strohgäu - Es war eine besondere Probe für den Chor Korntal: Zum ersten Mal seit dem vergangenen Herbst trafen sich am Dienstagabend erst der Stammchor und dann der anno 2019 gegründete junge Chor Young Voices wieder im Vereinsheim, um gemeinsam zu singen. „Unsere erste Chorprobe war sehr schön. Das Singen hat uns allen sehr viel Spaß gemacht. So hoffen wir, dass es weitergeht“, berichtet die Vorsitzende Renate Gurka. Singen sei zum Glück wie Radfahren, das verlerne man nicht. 17 beziehungsweise zwölf Sängerinnen und Sänger seien gekommen, einige hätten sich entschuldigt, wegen der Arbeit, wegen Urlaubs.

Nach der erneuten pandemiebedingten Pause, die wieder aus Online-Treffen und -Proben bestand, ebenso Rundschreiben, um die Mitglieder beisammen und auf dem Laufenden zu halten, haben die Chöre nun ein Ziel: das Weihnachtskonzert mit Liedern aus aller Welt. Es ist am 11. Dezember in Kooperation mit der Musical Academy Tübingen und dem Chor Stimmkraft aus Holzgerlingen (Kreis Böblingen). Mit dem Projekt gehen Renate Gurka und ihr Team neue Wege.

Projekt soll Aufschwung bringen

Denn mitmachen kann auch, wer gern singt, aber weder dem Korntaler Chor beitreten will noch einem anderen angehört. Das Projekt soll Aufschwung bringen. „Die Freude angesichts des Konzerts ist groß. Wir möchten wieder präsent sein. Außerdem müssen wir etwas tun“, sagt Renate Gurka und blickt dabei mit Sorge auf die Zahl der Mitglieder. Wegen Corona hat ein halbes Dutzend des Stammchors aus Altersgründen oder gesundheitlichen Problemen früher als geplant aufgehört. Renate Gurka hofft, dass neue Beteiligte nach dem Projekt Weihnachtskonzert doch fester Teil des Chors sein wollen. Auch sei eine Werbekampagne geplant, um gerade Jüngere zu gewinnen.

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Renate Gurka ist guter Dinge. Noch heute denkt sie gern an das Jubiläumskonzert im Februar 2020, zum 100-Jahr-Bestehen des Männerchors und 60-Jahr-Bestehen des Frauenchors. Es sei sehr erfolgreich gewesen, gut besucht, habe sich auch finanziell gelohnt. „Wir haben gedacht: Jetzt geht es wieder los“, sagt Renate Gurka. Kurze Zeit später wütete hier das Coronavirus.

„Das ist immer eine spannende Mischung“

Mit Projekten, wie sie dem Chor Korntal vorschweben, hat Daniel Eisenhardt schon seit Jahren Erfahrung. Der 38-jährige Musiker, Komponist und Pädagoge leitet unter anderem den Hemminger Projektchor Sola La in der evangelischen Kirchengemeinde. Was im Jahr 2017 als Testballon begann, hat sich zu einem beliebten Projekt entwickelt. Jedes Jahr gibt es nach einer Probephase von rund acht Wochen drei Auftritte. Danach ist alles vorbei. Die Zahl der Teilnehmenden sei stabil, viele seien regelmäßig dabei, sagt Daniel Eisenhardt. Einige Frauen und Männer singen im Chor, andere sind Neulinge. „Das ist immer eine spannende Mischung.“

Waren die Proben voriges Jahr nur digital, starteten sie in diesem Jahr nach den Pfingstferien – genau dann, als dies recht unkompliziert im Freien wieder möglich war. „Einige haben das als Signal betrachtet“, sagt Daniel Eisenhardt. Fast 40 Personen hätten teilgenommen, so viele wie noch nie. „Es gibt einen unheimlichen Bedarf.“

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Projektchöre waren schon vor Corona im Kommen, sagt der 38-Jährige. Er sieht das Konzept als niederschwelliges Angebot für Leute ohne Chorerfahrung oder den Wunsch, sich zu binden – und als eines für die Zukunft. Zugleich gebe es aber auch viele Menschen, die ein festes Angebot bevorzugen würden. „Lokale Angebote sind sehr wichtig, weil sie gut zu erreichen sind. Man muss möglichst viel lokal erhalten.“ Gleichwohl sei es heute anstrengender als früher, Mitglieder zu gewinnen und zu halten, etwa weil es so viele Alternativen gibt.

Verbandschefin kritisiert träge Vereine

Anstrengender, aber offenbar machbar, auch in der Krise. „Mit einem passenden Angebot, Aktualität, Offenheit und guter Öffentlichkeitsarbeit ist es eigentlich nicht schwer, neue Mitglieder zu gewinnen. Leider verharren viele Vereine in alten Strukturen, lassen wenig Veränderungen zu“, stellt Angelika Puritscher fest. Sie ist die Präsidentin des Chorverbands Johannes Kepler, einer der 24 Regionalchorverbände im Schwäbischen Chorverband und der regionale Betreuer der Chöre im Altkreis Leonberg – 23 Vereine mit 45 Chorgruppen, darunter die Korntaler. Laut Puritscher ist auch die in vielen Vereinen fehlende Jugendarbeit „fatal“. Und es mangele oft an genug Sparten. Eine Pandemie beschleunige Mitgliederschwund lediglich und verdeutliche Schwachstellen.

Auch finanziell gehe es keinem Verein wegen Corona schlecht: Die Verbandsmitglieder erhielten Soforthilfen als Entschädigung für ausgefallene Veranstaltungen. Chöre mit wenig Eigeninitiative würden nun ruhen. „Engagierte Chöre haben alles versucht, den Probenbetrieb auch online fortzusetzen, um schnell wieder am Start zu sein. Viel Kreatives ist im Netz entstanden“, sagt Angelika Puritscher. Die ersten Livekonzerte seien angelaufen, neun Konzerte, wie das in Korntal, aktuell geplant als Kooperationskonzerte durch Finanzspritzen. Langsam füllen sich die Bühnen also wieder.

Bitte mitsingen am 3. Oktober

Ideen
 „Projektideen entwickeln und vermarkten“ lautet das Motto des Chorverbandes Kepler in der Coronakrise. Er hatte rasch online Stimmbildung angeboten. So hat er bundesweit rund 100 Chorsänger – und noch nicht Chorsänger – erreicht. Anno 2020 organisierte der Verband eine Mitsingveranstaltung im Rahmen der Initiative „3. Oktober – Deutschland singt“ mit gut 200 Beteiligten auf dem Leonberger Marktplatz. Dieses Jahr sind auf Initiative der Verbandsvorsitzenden bereits drei Veranstaltungen angemeldet – in Leonberg, Weil der Stadt und Weissach. Jede(r) kann mitmachen. Neben Einzelteilnehmern beteiligen sich auch ganze Chöre wie der Chor Korntal und der Frauenchor Con Spirito Hemmingen.

Zahlen
 Der Schwäbische Chorverband registrierte voriges Jahr elf Auflösungen von Vereinen, im Jahr zuvor waren es 18, ebenso 2018. 1516 Vereine mit 59 487 aktiven Mitgliedern hatte er 2020, im Jahr zuvor waren es 1528 Vereine und 62 330 Mitglieder.

Termin Der Chor Korntal probt immer dienstags im Vereinsheim in der Zuffenhauser Straße 13 (Lehrsaal im Feuerwehrhaus). Der Stammchor singt von 18 Uhr bis 19.45 Uhr, Young Voices tun dies von 20 Uhr bis 21.45 Uhr. Neulinge sind herzlich willkommen.




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